Für mehr Toleranz unter den Menschen

Anja Siouda
Anja Siouda. Fotos: Fotos: Yassin Siouda

Die Schriftstellerin Anja Siouda

Die Schweizer Schriftstellerin und Übersetzerin Anja Siouda konvertierte aus Liebe zu ihrem Mann, einem Algerier, zum Islam. Mittlerweile hat sie zwei Romane geschrieben, die sich genau mit diesem Themen beschäftigen: Der interkulturelle - religiöse Dialog. Darüber hat sie sich mit dem Sonntagsblatt unerhalten.

Derzeits sind viele Menschen geschockt über die schrecklichen Anschläge in Paris. Muss man Angst vor dem Islam haben?

Anja Siouda: Wegen des Attentats auf das Satieremagazin "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt bin ich zutiefst geschockt. Ich mache mir wirklich große Sorgen, wie sich das auf die bereits bestehende Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen auswirken wird. Nein, natürlich muss man keine Angst haben vor dem Islam. Auch mich erschrecken diese verrückten Fanatiker, die einer terroristischen Gehirnwäsche unterzogen wurden und von geschickten machthungrigen Manipulatoren zum totalen Missbrauch des Islams angestachelt werden. Diese Terroristen sind keine Muslime - es sind einfach Verbrecher.Sie sind aus einem christlichen Elternhaus zum Islam konvertiert.

Wie war das damals?

Meine überaus tolerante und gläubige Mutter hat sehr positiv reagiert und sich sehr über ihren muslimischen Schwiegersohn gefreut. Mein Vater, der aus der Kirche ausgetreten war, war wohl etwas kritischer eingestellt, hat es uns aber nie spüren lassen.

Ich bin in Bezug auf Religion aber immer sehr frei aufgewachsen, obwohl meine Mutter nicht nur eine sehr gläubige Christin, sondern auch Katechetin war. Sie hat mir und meinen Brüdern jegliche religiöse Freiheit gelassen. Sie hat uns nie zum Gottesdienst verpflichtet und hat uns stets Nächstenliebe und Toleranz vorgelebt. Den tiefen Glauben meiner Mutter, ihr Gottvertrauen und ihren Optimismus habe ich immer sehr bewundert und es war schon damals klar für mich, dass ein solcher Glaube in jeder Religion möglich ist.

Ich bin auf Wunsch meines Mannes bei meiner Heirat zum Islam konvertiert, da es mir persönlich - im Gegensatz zu ihm - damals nicht so wichtig schien, auf welche Art und Weise man Gott verehrt, der Glaube allein zählte für mich. Das mag ein bisschen oberflächlich klingen, denn eine Religion legt man nicht einfach ab wie einen Mantel. Aber ich habe mich in den Jahren danach durch mein Studium der arabischen Sprache und der Islamwissenschaft intensiv damit auseinandergesetzt.

Wie leben Sie ihre Religion?

Mein Mann und ich sind sehr liberale Muslime, wobei ich mich selber sogar eher als islamisch-christliches Zwitterwesen bezeichne. Wir halten die Speisevorschriften ein, essen also kein Schweinefleisch und trinken keinen Alkohol, wir bezahlen die ­Zakat (Almosen), wir feiern das Opferfest (Aid el-kabir) und das Fest
des Fastenbrechens am Ende des ­Ramadans (Aid el-Fitr). Den Fastenmonat Ramadan habe ich 17 Jahre lang alljährlich mitgemacht, aber eigentlich hat mir die Überzeugung dazu immer gefehlt. So hörte ich vor zehn Jahren damit auf, weil ich meinen Kindern nichts vorleben wollte und konnte, von dem ich selber nicht überzeugt war. Mein Mann hat meine Entscheidung akzeptiert und heute fastet er mit einem der Söhne, während der andere nicht mitfastet. Wahrscheinlich ist das eher außergewöhnlich in einer muslimischen Familie, aber bei uns klappt das.
Die fünf rituellen Gebete am Tag verrichten wir nicht, aber persönlich danke ich Gott jeden Tag für all das Gute in meinem Leben.

Jedes Jahr wohnen die algerischen Schwiegereltern ein paar Monate im Haus bei uns und sie beide verrichten selbstverständlich täglich ihre rituellen Waschungen und ihre Gebete und der Schwiegervater beispielsweise besucht jeden Freitag die Moschee. Die religiösen Gepflogenheiten der Schwiegereltern sind für uns und auch für unsere Kinder völlig selbstverständlich.

Die amüsanteste Anekdote in Bezug auf unser Zusammenleben ist natürlich diejenige unserer Hochzeit. Da ich noch Schülerin war bei meiner Heirat, schenkten uns meine etwas unwissenden SchulkollegInnen als Überraschung ein lebendiges Glücksschwein zur Hochzeit. Mit einer Ostereierschlaufe um den Bauch herum. Mein Mann trug es mit Fassung, aber er hätte natürlich lieber ein Lamm gehabt.

Da wir keine großen finanziellen Mittel hatten und nur ein sehr einfaches Hochzeitsfest zuhause bei meiner Mutter veranstalteten, konnten wir damals auch nicht das Geld für die Flugtickets der Schwiegereltern aufbringen, sie waren also nicht dabei. Es war aber vielleicht besser so, denn sie hätten den Kulturschock bestimmt weniger gut überwunden.

Das Glücksschwein hat uns auf jeden Fall Glück gebracht, wir sind immer noch sehr glücklich verheiratet

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