Luther mischt sich ein

Luthers Weihnacht
So stellte man sich im 17. Jahrhundert Luther und seine Familie vor, wie sie Weihnachten feierten. Heute weiß man, dass es damals den Weihnachtsbaum und ein Fest dazu in dieser Form noch nicht gab.

Weihnacht: Was ist das?

"Mehr ist es wohl nicht? Bisschen Gefühl und Schnupperluft?"

"Ja. - Ich weiß schon. Du als Reformator siehst das wohl ein bisschen anders. Mit dem Wunder von Jesus Geburt und so."

"Es sollte uns fürwahr nichts fröhlicher sein in der Schrift als dies, dass Christus geboren ist von der Jungfrau Maria", sagte Luther feierlich.

"Ja. Ich kenn die Geschichte. Eine Jungfrau, die vom Heiligen Geist schwanger geworden ist. Sie und ein älterer Herr ziehen los, um zu einer Volkszählung zu marschieren. Völlig unverantwortlich, wenn du mich fragst. Sie war doch schwanger. Und so jung. Letztes Jahr war Meli aus der 11. Klasse schwanger. Da war was los! Die ganze Schule hat darüber geredet. Das kannst du dir ja vorstellen. Wenn die noch erzählt hätte, dass sie von einem Geist schwanger wurde, hätte man sie bestimmt gleich in die Psychiatrie eingeliefert. Wenn ich mir vorstelle, dass Meli mit ihrem dicken Bauch - sagen wir mal nach München hätte wandern müssen - krass! Wie soll so was funktionieren. Hat das keiner dem Gott-Vater gesagt, dass so was unzumutbar ist? Und dann finden sie noch nicht einmal ein richtiges Bett, Hotel oder was auch immer. Da hätte er sich auch mal was einfallen lassen können. Einen Heiligen Geist zu Maria schicken - das geht. Aber eine anständige Herberge - das geht nicht. Da soll einer mal Gott verstehen. Ich als Maria und Josef wäre sauer ohne Ende gewesen. Da macht man schon alles richtig - und dann bekommt man nicht eine Vergünstigung. Nicht eine! Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll.

"In einem Palast könnte es jeder. Aber wäre dann der Menschensohn auch noch jemand, an den normale Menschen - so wie du und ich - glauben können? Dass Gott Mensch geworden ist? Das ist das Wunder! Wenn er von vornherein ein "Besserer" gewesen wäre. Einer, der in Prunk und Protz hineingeboren wäre. Aber Gott wollte bei den Menschen wohnen und nicht in Palästen."

"Naja. Aber das Fest drum herum ist immerhin gelungen. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Christkind. Na ich weiß nicht."

"Öhm", Luther räusperte sich. "Ich bin mir nicht ganz sicher - man vergisst ja vieles, je älter man wird. Aber ich glaube, dass mit dem Christkind könnte von mir kommen."

"Von dir?"

"Naja - als ich auf der Welt war, fand ich es grauenhaft: diese ganzen Heiligen Verehrungen. Damals hat man Nikolaus gefeiert. Der Nikolaus brachte die Geschenke für Kinder. Das wars dann. Die Menschen damals fanden es gut, dass es den ganzen Klimbim mit den vielen Heiligen - wie es mittlerweile heute bei eurem Weihnachtfest ist - nicht mehr gab. Nur die Kinder fanden das natürlich schade. Keine Geschenke, keine frohen Kinderaugen mehr. Weihnachten wurde in der Kirche gefeiert und nicht mit einem großen Fest wie heute. Aber weil ich Kinder so mag und die Idee des Schenkens, hat sich irgendwie das Christkind durchgesetzt, das die Gaben bringt. Clever. So brachte also das Christkind - eine Art Engelchen - die Geschenke an die Kinder. Und die Katholiken haben es nach und nach auch übernommen. Ist ja auch schön so! Bei mir damals gab es keinen Weihnachtsbaum. Aber wir haben zusammen Musik gemacht, gesungen und Herr Käthe hat was Leckeres gekocht. Wobei - das heute würde ihr wahrscheinlich auch ­gefallen."
 
Das ist ja mein Lied

Die Schallplatte war zu Ende. Der Tonarm klappte automatisch hoch und zur Seite. Timo drehte die Platter herum und startete erneut die Musik. Ein kleines Vorspiel, und ein Kinderchor begann zu singen. Luther schrie entzückt auf: "Ha! Das ist ja mein Lied! Das hab ich geschrieben!"

Timo konnte auch dieses Lied durch alle Strophen auswendig. Gemeinsam schmetterten sie es aus vollen Kehlen, während Timo die Lichterkette installierte.
Kaum war der letzte Ton verflogen und eine kleine Pause zwischen den Liedern entstanden, flog plötzlich die Tür auf. Seine Mutter und sein Vater standen - ziemlich bettfrisch und verstrubbelt in der Türe. Zwischen ihnen stand gähnend sein kleiner Bruder Tom.

"Sag mal - geht's noch? Vor allem auch ein bisschen leiser?", fragte seine Mutter. Dann weiteten sich ihre Augen. "Timo - das sieht wunderschön aus! Wie hast du den Baum nur so schön bekommen? Der sieht sensationell aus!"

Timo grinste. "Das macht die alte Schallplatte. Da geht's ganz von selbst. Und außerdem hatte ich fast schon ein bisschen Hilfe vom Christkind - oder so ähnlich."

Seine Mutter wuschelte ihm durch die Haare. Sein Vater verschwand mit den Worten "Ich mach uns mal lecker Kaffee und Frühstück" aus dem Zimmer und schob den achtjährigen Tom vor sich her. Und wenn Timo nicht so gut gelaunt gewesen wäre, hätte ihn es bestimmt genervt, dass sein Bruder - wie immer - lautstark nach Kakao schrie. Leise ging bei ihm wohl nichts. Aber heute machte es Timo überhaupt nichts aus.

Seine Mutter stand mit verschränkten Armen im Nachthemd vor dem Baum. "Ich hab das früher auch immer gemacht. Fast noch in der Nacht. Dazu hab ich die alte Platte gehört."

"Wirst du sentimental?", fragte Timo ein bisschen spitzbübisch. Insgeheim aber freute er sich, dass er es war, der eine Art Familientradition fortsetzte. Wenn er einmal später Kinder haben würde, würden sie vielleicht auch morgens den Baum schmücken. Er musste unbedingt die Schallplatte auf seinen mp3 -Player ziehen. Damit sie der Nachwelt erhalten ­bliebe.

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