Moser + Trommer
Auszubildender Moser und Archäologe Trommer zeigen wie es geht: Bronze muss bei gleichbleibend hoher Temperatur geschmolzen werden.

"Wie haben die das nur gemacht?"

An der Seite von Mutter und Tochter hilft Ivonne Przemuß mit, den stinkenden Kies zu kochen. Sie ist Restauratorin für archäologische Kulturgüter an der Universität Jena. Sie arbeitet mit Funden aus internationalen Sammlungen. Dabei waren Hufeisen vom Karlsgraben in Mittelfranken bei Treuchtlingen. Oft sind es Kleinfunde, die in ihrer Vielfalt ein gesamtes Bild ergeben. Sie will die Arbeitsabläufe kennenlernen, eben das was sie sonst nur theoretisch liest, im Arbeitsprozess selbt erleben. "Wenn ich ein Fundstück bearbeite, frage ich mich oft, wie hätten die früheren Werkzeuge aussehen können, wie konnten sie damals Verzierungen in das Metall bringen?"

Im Schatten eines Baumes hat es sich Peter Pernt "gemütlich" gemacht. "Ich habe eindeutig den einfachsten Job heute", witzelt er und bewacht ein offenes Feuer, das in einer Feuerschale brennt. Auch dieses Feuer muss auf großer Hitze gehalten werden. Darin bäckt Pernt Malachit-Pellets. Es ist eine interessante Variante Kupfer zu schmelzen: Pernt hat Tonkugeln wie Klöse geformt und im Innen mit Malachit- oder Erz- und Holzkohlepulver gefüllt. "So könnte man es gemacht haben, bevor man Schmelzöfen erfand, oder genug Holzkohle hatte", mutmaßt er.

Er wirkt ein wenig wie der bekannte Überlebenstrainer Rüdiger Nehberg. Und das passt. Peter Pernt betreibt die "Überlebens- und Wildnisschule Laussitz". "Bei mir stehen die handwerklichen Fertigkeiten von einst im Hintergrund. Ich möchte zu einem behutsamen Umgang mit der Natur heranführen." Er hat eine spezielle zweijährige Ausbildung zum Überlebens- und Wildnistrainer in Tirol absolviert. "Ich möchte das Wissen das ich habe, weiter geben." Hier in Nebra ist er dabei um zu sehen, welche handwerklichen Fertigkeiten der Bronzezeit weitervermittelt werden könnten. Er überlegt, wie das Herstellen von Geräten im Bronzeguss in seine Kurse aufgenommen werden kann.

"Was sind denn das für Leute, die einen Überlebens-Kurs bei Ihnen belegen?", möchte ich wissen. Wie aus der Pistole geschossen kommt: "Naturbegeisterte!" Manche davon wollen einen längeren Tripp in unwegsame Gegenden der Erde unternehmen und bereiten sich bei ihm für das Überleben in der Wildnis Asiens, Amerikas oder Afrikas vor.

Archäologe Frank Trommer kommt vorbei und gibt Tipps, wie das Feuer gleichmäßig am Brennen gehalten werden kann". Schon in der Jungsteinzeit hat man am Boden gediegenes - also reines - Kupfer gefunden und bearbeitet. Das ist nachgewiesen", berichtet der Archäotechniker, was die genauere Berufsbezeichnung ist. Bald begann man Malachit im offenen Feuer zu schmelzen oder andere Erze zu reduzieren, das Wasser verdampft. Doch in einem Ofen ist die Hitze höher. Man begann Blasebälge aus Ziegenhäuten zu fertigen. "Um einen kontinuierlichen Luftstrom zu haben, muss man mit zwei Bälgen arbeiten, das ist eine ganz schöne 'Viecherei'", beschreibt der Archäotechniker die anstrengende Prozedur dem Ofen Luft zuzuführen. Die bekannten Spitzblasebälge sind erst im  Mittelalter nachweisbar. "Allenfalls kann man in der Antike gewisse Darstellungen auf Amphoren als solche Spitzblasebälge deuten"

"Ein Wunder, dass die Bronzezeitmenschen so schöne Gegenstände machen konnten", sage ich. Denn mir kommt das Kupfergewinnen und Bronzeschmelzen doch als sehr kompliziert vor. "Die Menschen damals hatten Wissen, das auf Jahrhunderte alte Erfahrungen zurückgreift", entgegnet Trommer. "Sie waren von kleinauf dabei, wenn der Vater oder Meister gegossen hat. Und wenn es nicht funktioniert hat, haben sie eins hinter die Löffel gekriegt", ergänzt er schmunzelnd.

Lohn der Mühe: Ein gehobener Schatz

Am Abend kippen wir "meinen Ofen" um. Die Hitze lässt uns zurückweichen. Glut zischt. Am Boden findet sich schließlich ein Klumpen Schlacke. Er wird abgekühlt und dann endet mein Tag, wie er begann: mit dem Hammer. Die Schlacke wird zerklopft. Zwei große Klumpen reines Kupfer und hunderte von kleinen Kügelchen schlage ich aus der schwarzen Masse. Wie Schrot für eine Flinte wirken sie, wenn sie unter meinen Schlägen davon spritzen. Sorgsam sammele ich sie zusammen in eine Schale. Die Kupferkügelchen glänzen, wie meine Augen beim Anblick des "Schatzes", den ich der Natur entlockt habe.

Die anderen Kursteilnehmer sind leider nicht so erfolgreich. Die Tonklöse haben gar keinen Erfolg gebracht. So ging es wohl doch nicht, das Metall zu gewinnen. Bianca Hallebach allerdings hat nun vorbereitetes Erz. Das muss nun noch einmal gepocht und gekocht werden. Bei einem weiteren Verhüttungsprozess könnte es klappen, meint Trommer aufmunternd. Was für eine Schinderei, denke ich, für ein bisschen Kupfer.

Bronzeguss selbstgemacht

Doch nun folgt der zweite Tag des Kurses: Wie macht man Bronze? Zum Kupfer wird ein kleiner Teil Zinn zugefügt. Drei Prozent für Gefäße und Schalen, acht Prozent für Werkzeuge und Schwerter und zwölf Prozent für Meißel für die Metallverarbeitung. Fügt man mehr als 15 Prozent Zinn zu, wird die Bronze zu spröde und bricht. Den ganzen tag über sitzen die Kursteilnehmer da und schneiden Formen in den Sandstein ein. Der Sandstein ist ein ganz besonderer und stammt aus der Gegend von Würzburg. Da wird gekratzt, geschabt, gefeilt und geschnitten. Beile, Messerklingen, aber auch Figuren und Kunstwerke.

Bei 1.200 °C wird am späten Nachmittag das Kupfer mit dem Zinn geschmolzen. Das dauert eine Zeit, in der man das rechte Maß an Luftzufuhr finden muss. Nun sitzen wir doch an den Blasebälgen. Zwanzig Minuten Luftpumpen können zu einer Ewigkeit werden. Andreas Moser hilft den Teilnehmern, wenn ihnen die Kraft ausgeht. Und dann heißt es das glühend heiße Material mit einer langen Zange und einem Tiegel in ein kleines Löchlein an der Form zu gießen. Die Hand ist zitterig. Viele Gedanken kommen in mir hoch in den paar Sekunden, in denen es gilt, den Guß zu vollbringen. Mache ich alles richtig? Wie treffe ich mit der archaischen Zange und dem unförmigen Tegel in die kleine Form? Warum hat der Tiegel keine Ausgusstülle? Es zischt, Bronze tropft daneben. So mancher Guss misslingt.

Andreas Moser tröstet die "Lehrlinge". "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!" Moser stammt aus dem schwäbischen Marktholzheim und ist der Helfer Trommers. Seit ein paar Monaten geht er mit Frank Trommer als freier Mittarbeiter auf dessen Seminare und Veranstaltungen mit. Am Anfang ist er als Handlanger mitgefahren. "Ich bin ein aufmerksamer Zuhörer und kann bereits jetzt einfache Fragen beantworten. Ich gucke mir alles ab, lasse mir alles erklären und bin schon mal bei einer Veranstaltung für Frank eingesprungen. Ich versuche Frank soweit zu hinterfragen, bis ich ein gutes Allgemeinwissen in allen Bereichen mir angeeignet habe." Das viele Spezialwissen, das Frank Trommer habe, sei jedoch viel zu groß, um alles zu lernen.

Er hat ursprünglich im Metallhandwerk gelernt, aber macht zur Zeit etwas ganz anderes: "Bisher habe ich Holz gerichtet mit Pferden auf der Schwäbischen Alp. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht", erzählt Moser. Denn zunächst hatte er die Pferde nur in der Freizeit betreut. Schließlich kam er auf einem Bauernhof auf den Geschmack mit Arbeitspferden umzugehen. Doch nun kommt es zu einem Berufswechsel. Bei Archäologe Frank Trommer hat Andreas Moser eines Tages an einem Schmiedekurs teilgenommen und ein Messer geschmiedet. "Ich wollte schon immer einmal so etwas selber machen - und dann hat es mich nicht mehr losgelassen." Die Arbeit mit dem Metall liegt ihm. Er beginnt nun eine Ausbildung zum "Metallgestalter". "Früher hieß das Schmied", sagt Andreas lachend. "Ich bekomme von Frank Trommer, der auch Damaststahlschmied ist, eine Rundumausbildung zum Thema Metall."

Auch die experimentelle Archäologie interessiert ihn sehr. Frank Trommer fügt hinzu: "Andreas kann gut mit Leuten umgehen, das ist sehr wichtig bei unseren Vorführungen, wo es darum geht das Wissen und die Hintergründe zu vermitteln."

Vielseitiger Archäologe

Frank Trommer aus Blaubeuren ist ein vielfältiger Archäologe. "Ich habe ursprünglich Maschinenbau studiert, habe aber bald gemerkt, dass ich Material in den Händen brauche und habe eine Ausbildung zum Schmied dran gehängt und in diesem Beruf gearbeitet", berichtet Trommer aus seinem Werdegang. Dann hat er eine Technikerausbildung in der Denkmalpflege im Bereich Metall gemacht. "Da habe ich sehr viel mitgenommen und das hat mein Bedürfnis verstärkt in dieser Richtung weiter zu arbeiten." Seitdem kann er sich Archäotechniker nennen. Er ist staatlich geprüfter Denkmalpfleger. Seinen Sitz hat er in Blaubeuren.

Leider fand er aber anschließend an die Ausbildung keine Anstellung. "Ich habe mehr als hundert Bewerbungen geschrieben.  Wir hatten drei Kinder und ich blieb eine Zeit zuhause. Da habe ich viel Zeit gehabt und recherchiert über altes Handwerk und mit der experimentellen Archäologie angefangen." Dann begannen bald die Museen bei ihm anzufragen. "Ich habe Vorführungen gehalten, aber auch spezielle Repliken angefertigt." Seine Nachbauten nach authentischen Vorbildern aus Metall aber auch tierischem Material, wie Fell, Knochen, Horn sind begehrt.

Klar, gab's auch Probleme. "Eine fertige Gewand-Fibel aus dem Fachversandhandel kostet etwa 50 Euro. Fertige ich eine originalgetreu an, dann kommen schon 150 Euro zusammen. Das ist nicht jeder bereit zu zahlen." Seit zwölf Jahren macht Trommer die experimentelle Archäologie und das Anfertigen von Repliken hauptberuflich. "Ich stehe für größte Genauigkeit."

Warum führt er die Techniken nicht in historischer Gewandung durch? Wäre das nicht noch authentischer? "Weil wir nicht den Eindruck erwecken wollen, genauso wie wir das machen, so wäre es gewesen. Das wissen wir nicht. Wir versuchen die damalige Technik so nahe wie möglich den Menschen nahezubringen." Aber man darf nicht vergessen, es ist modellhaft was Archäologen zeigen können. "Unsere Methoden sind technisch dicht dran, an dem was gewesen ist, aber es ist eben so nicht gewesen." Wie kann man dann wissen, ob es der Wirklichkeit nahekommt, was Trommer vorführt und herstellt? "Man muss sich sehr viel mit Literatur auseinander setzen und auf Erfahrungen setzen, die andere gemacht haben. Darauf kann man aufbauen und neue Erfahrungen machen."

Die Menschen die an seinen Workshops oder Veranstaltungen teilnehmen möchten mit eigenen Händen etwas gestalten, selbst den Bronzeguß erleben. Trommer: "Die experimentelle Archäologie bietet ihnen die Möglichkeit dicht am Material dran zu sein, zu sehen, wie etwas funktioniert und früher funktioniert haben könnte." Manche kommen auch, weil ihre Vorfahren Schmiede waren und sie den Beruf des Ahnen kennenlernen möchten.

"Ich will zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, was wir heute an Technik und an Möglichkeiten haben. Ich möchte den Ursprung der Dinge zeigen und die Vorstellung davon richtig stellen", erläutert er seine Motivation mit Menschen experimentell zu arbeiten." Mir ist wichtig, dass man erkennt, dass die Menschen damals keine stupiden Leute waren, sondern alles gut durchdacht und über lange Zeiträume weitergegeben haben." Sein Fazit: "Ohne deren Entdeckungen und Erkenntnisse wären wir heute nicht die, die wir sind."

                                                Martin Bek-Baier