Stätte der Trauer wird zum Lernort

Bernard Klein
Bernard Klein, Leiter der Jugendbegegnungsstätte "Albert Schweitzer". Foto: Borée

Wie geschieht Erinnerung? Gedenken zum 75-jährigen Beginn des Zweiten Weltkrieges

"Fallen müssen viele und in Nacht vergehen / eh am letzten Ziele hoch die Banner wehen": Unter diese Liedverse von Heinrich Anacker stellte der Pfarrer von Köngernheim in Rheinhessen seine Trauerpredigt für den jungen gefallenen Soldaten Peter Best vor exakt 70 Jahren. Wie Bernard Klein von der Albert-Schweitzer-Begegnungsstätte aus Niederbronn dokumentiert hat, habe der Gefallene wie alle Konfirmanden bei ihm diese Liedverse auswendig gelernt, so der Pfarrer weiter. Heinrich Anacker war nicht etwa ein Dichter religiösen Liedgutes. Als strammes SA-Mitglied und Frontdichter förderte ihn Julius Streicher persönlich. Anacker landete 1945 im US-Internierungslager Ansbach und lebte danach bis 1971. Den Angehörigen des Soldaten Best mit solchen Worten Trost spenden zu wollen - zeigt die perfide Kriegsmaschinerie in Perfektion.

Bernard Klein stapft bereits zielsicher über die weite sonnengetränkte Grasfläche. Der Leiter der Albert-Schweitzer Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Niederbronn, 50 Kilometer nördlich von Straßburg, sucht einzelne unter den gleichförmigen Gräbern auf. Dort liegen auf fünf Hektar gut 15.000 deutsche Gefallene aus der Endphase des Krieges. 1944/45 verlief hier die Front bei Rückzug der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges, der vor 75 Jahren begann. Alle deutschen Toten der Region führte der Volksbund Kriegsgräberfürsorge  in Niederbronn zusammmen.

Klein weiß viele Geschichten um die Gefallenen. Da ist der Grabstein von August Waigel, den älteren Bruder des späteren Politikers Theo Waigel. Er starb hier als 18-jähriger Gefreiter. Da liegt Karl Röhner, der mit 151⁄2 Jahren fiel. Bernard Klein schüttelt den Kopf: Nein, nicht als Hitlerjunge, sondern bereits als regulärer Soldat. Da ist das Grab der Zwillinge Josef und Friedrich Rihm, die nicht nur am selben Tag zur Welt kamen, sondern auch beide am 11. November 1944 fielen. Auf besonderen Wunsch ihrer Mutter dienten sie zusammen - sonst eher ungewöhnlich. Und da liegt der Ukrainer Iwan Resnenko, der auf deutscher Seite am Tag vor seinem 18. Geburtstag fiel.

Der Hitlerjunge und der SS-Soldat. Der "Deserteur", der eine aussichtslose Stellung mit den Resten seiner Mannschaft nicht mehr halten wollte. Und der Kriegsverbrecher, der Dorfbewohner ermordete, weil sie sie sich nur zögerlich an Schanzarbeiten beteiligen. Sie alle liegen nebeneinander. Die hauseigene Ausstellung hat ganz unterschiedliche Einzelschicksale dokumentiert. Immer wieder arbeitet Niederbronn mit Unterstützung der Verwandten und mit Hilfe von Feldpostbriefen Lebensgeschichten der Gefallenen auf.

Zurück vom Friedhof: Nun dringt das Klappern von Geschirr und Besteck ans Ohr. Mehrere Dutzend Jugendliche aus verschiedenen Nationen rüsten sich zu ihrem internationalen Einsatz, während eines Freiwilligenjahres. Direkt neben den Gräberfeldern entstand die interkulturelle Albert-Schweitzer Ju­gend­be­gegnungs- und Bildungsstätte. 

Es kommen gerade Schüler, wenn sie den Zweiten Weltkrieg im Unterricht behandeln. 70 Prozent der Besucher, so Bernard Klein, seien 15 und 16 Jahre alt. Ein Drittel der Gäste seien Franzosen, 60 Prozent Deutsche und etwa fünf weitere Prozent Angehörige anderer Nationen, ergänzt Klein. Niederbronn hat sich seiner Ansicht nach: Von einem Ort der Trauer hin zu einem Lernort entwickelt. Andere Formen der Erinnerung sind notwendig, so Klein.  

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