"Ich kenne meinen Platz"

Miriam Groß
Das trägt Frau Pfarrerin Miriam Groß unterm Talar. Fotos: Privat

Eine Pfarrerin aus Bayern auf dem Weg nach New York City

"Mustard, please", bittet Miriam Groß ihren Sohn Samuel beim Mittagessen. Es gibt Bratwurst mit "Kartoffelstampfer". Der Achtjährige versteht es noch nicht so recht, was seine Mama da von ihm will - nämlich Senf, aber das wird sich bald ändern. Ab September wird die Familie in der Millionenmetropole New York City in den USA wohnen. Seine ­Mutter wird dann in der Deutschen Evangelischen-Lutherischen Kirchengemeinde von St. Paul  Pfarrerin sein.

"Es ist eine besondere Fügung, die mich nach  New York gebracht hat", sagt die 37-jährige Pfarrerin, Ehefrau und Mutter von vier Kindern, und Besitzerin von zwei Katzen.

Wurzeln in Uffenheim

Aufgewachsen ist sie in Uffenheim. Der Vater, ein Amerikaner, brachte einen so ganz anderen Flair in die mittelfränkische Kleinstadt. "Bei uns herrschte ein amerikanisches Leben zu Hause und ein fränkisches vor der Tür", erinnert sie sich. "Da gab es Cornflakes statt Marmeladenbrot und Thanks Giving wurde mehr gefeiert, als Erntedank. Die Umgangssprache zuhause war englisch, vor der Haustür fränkisch!"

Mit der Kirche kam sie schon früh in Verbindung: Ihr Religionslehrer suchte, als sie in der zwölften Klasse war, dringend jemand zur Unterstützung. Die vakanten Pfarrstellen konnten nicht besetzt werden, es mangelte an allen Ecken und Enden. "Ich mach das", meldete sich Miriam Groß - und sammelte so erste Erfahrungen. Dabei stand Theologie gar nicht auf Platz Eins der Wunschliste. Sondern eher Medizin. "Ich wollte schon immer was für Menschen machen." Weil sie aber bei der Bundeswehrstelle, für die sie sich beworben hatte, übersehen und vergessen wurde, fügte es sich, dass sie dann doch Theologie studierte.

Doch woher das Geld für ein Studium nehmen? Der Vater - ein Vietnam-Veteran - war krank, die Mutter bestritt alleine den Lebensunterhalt. Die Antwort kam direkt vom Himmel: Sie wurde Stewardess bei einer japanischen Fluglinie. Eineinhalb Jahre flog sie um die Welt, lernte Japanisch und konnte nach dieser Zeit sich entscheiden: "Flieg ich oder studiere ich weiter?" Das Studium und die Liebe zu den Menschen und der Theologie siegte. Mit Mann und Kind zog sie in das Vikariat nach Neusitz und Schweinsdorf bei Rothenburg ob der Tauber, dann nach Gebsattel und Kirnberg.

Hoch im Norden

Doch die Liebe zur Welt war ebenfalls da. Und als ihr einer von den Möglichkeiten erzählte, in die Welt hinaus als Pfarrerin zu ziehen, ergriff sie diese. Über dem Klavier im derzeitigen Wohnzimmer hängt ein Gemälde, das den Blick aus ihrem Arbeitszimmer auf den schottischen Orkney Inseln zeigt. Man sieht eine Weide, ein paar Schäfchen und einen großen Himmel. Drei Jahre war sie dort bei der schottischen Partnerkirche der bayerischen Landeskirche - weit oben im Norden Schottlands. "Die Gemeinde und ich haben gut zueinander gepasst", sagt sie heute, fast ein bisschen wehmütig.

Viel zu tun gab es dennoch hoch oben im Norden. "In dieser Zeit mussten Kirchen verkauft, und die Gemeinden zusammengeführt werden. Das schottische Kirchensystem ist ein wenig anderes als unser deutsches." Eine große Herausforderung für die junge Pfarrerin. "Ich hatte jedoch nie das Gefühl, fremd oder Ausländerin zu sein", erinnert sie sich. Vielleicht lag es auch daran, dass die Vorfahren ihres Vaters aus dieser Gegend einst nach Amerika auswanderten.

Doch während die Vorfahren nur weg von der Insel wollten, wäre sie am liebsten geblieben. Dennoch endete ihre Pfarrstelle nach drei Jahren planmäßig. "Zurück in Deutschland wollte ich am liebsten in einem Team arbeiten." Ihr Mann, ein Physiker und Lehrer, bekam eine Stelle in München, und so zog die Familie in die Landeshauptstadt. Vom beschaulichen Leben mit Aussicht aus dem Fenster in einen Stadtteil mit hohem Migrationsanteil, viel Arbeitslosigkeit und sozialem Wohnungsbau in Betoncharm.

Zurück in Bayern

Einfach war es nicht immer. "Als Frau hat man immer das Gefühl, doppelt arbeiten zu müssen." Dazu die große Familie, die zuhause wartet - immer noch ein eher unübliches Leben, dass sie und ihre Familie da führt. "Eine Mutter mit vier Kindern, die Vollzeit arbeitet, ist für den ein oder anderen gewöhnungsbedürftig!" Und wie bei vielen anderen Pfarrern auch, bestand ein Großteil ihrer Arbeit in Verwaltungsaufgaben, Besprechungen und Terminen außerhalb. "Die Kernkompetenz von Kirche,  Gottesdienste und Seelsorge kann da oft zu kurz kommen", sagt sie. "Das ist aber genau das, weswegen ich Pfarrerin werden wollte!"

New York City

Das wird in New York anders sein. Denn genau das wird an dieser Kirche ihre Aufgabe werden. Mit Unterstützung und Empfehlung der Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und der stellvertretenden Dekanin Christine Sippekamp kann sie ab September sich in den Trubel der Großstadt stürzen.  Es ist eine Kirche von 1897 - mitten in Manhattan gelegen. 32 Meilen entfernt davon, in einem Vorort liegt das Pfarrhaus.

"Ich freu mich am meisten auf den Kühlschrank - da kommen nämlich Eiswürfel raus", weiß Samuel. Seine zwei Jahre ältere Schwester freut sich drauf, englisch zu sprechen. "Das kann ich ja seit dem Kindergarten", sagt sie selbstbewusst. Den Kindergarten besuchte sie damals auf der schottischen Insel. 

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