Das höchste Gebot

Heilsbronner Skulpturen
Die Heilsbronner Skulpturen wurden geschaffen von Walter Green. Foto: AMDO, Heilsbronn

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften."
Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."
Aus Mk 12, 28-34

Ein einstmals großer Orden hatte all seine Niederlassungen verloren und war soweit dezimiert worden, dass nur noch fünf Mönche in dem verfallenden Mutterhaus übrig waren, nämlich der Abt und vier Mönche, alle über siebzig Jahre alt. In dem tiefen Wald, der das Kloster umgab, war eine kleine Hütte, wo ein Rabbi aus der nahe gelegenen Stadt hin und wieder eine Klausur verbrachte.

Dem Abt, der sich wegen des bevorstehenden Todes seines Ordens quälte, kam es eines Tages in den Sinn, die Einsiedelei zu besuchen und den Rabbi zu bitten, ob er vielleicht einen Rat wüsste, wie das Kloster zu retten sei. Der Rabbi hieß den Abt bei seiner Hütte willkommen. Doch als der Abt den Zweck seines Besuches erklärte, konnte der Rabbi nur seine Anteilnahme bekunden.
"Ich weiß, wie es ist", rief er aus. "Der Geist hat die Leute verlassen. Ich habe keinen Rat für dich. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass der Messias einer von euch ist." Nun sannen die alten Mönche darüber nach und fragten sich, ob die Worte des Rabbi wohl irgendeine Bedeutung haben könnten. Der Messias ist einer von uns? Wenn ja, welcher von uns? Der Abt vielleicht? Er ist seit über einer Generation unser geistiger Führer. Selbstverständlich meinte der Rabbi nicht mich. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Doch - angenommen, er meinte mich? O Gott! Nicht ich! Ich könnte für Dich doch nicht so viel bedeuten – oder? Wie sie in dieser Weise nachdachten, begannen die Mönche einander mit außerordentlichem Respekt zu behandeln, für den unwahrscheinlichen Fall, dass tatsächlich einer von ihnen der Messias wäre. Und für den allerunwahrscheinlichsten Fall, dass jeder der Mönche selber der Messias sein könne, begannen sie, auch sich selbst mit außerordentlichem Respekt zu behandeln.

Wenn Leute aus der Stadt an dem Kloster vorbeikamen, spürten sie unbewusst die Aura dieses ungewöhnlichen Respekts, die die fünf alten Mönche seitdem umgab. Der Ort hatte etwas seltsam Anziehendes an sich. Ohne zu wissen warum, kamen die Leute häufiger zum Kloster. So geschah es, dass einige der jüngeren Männer, die das Kloster besuchten, mehr und mehr mit den alten Mönchen ins Gespräch kamen. Nach einer Weile fragte einer, ob er ihnen beitreten könne. Dann noch einer. Und noch einer. So wurde innerhalb weniger Jahre das Kloster wieder zu einem blühenden Orden, und dank des Rabbinergeschenkes zu einem pulsierenden Zentrum des Lichtes und der Spiritualität in dieser Gegend.

So illustriert die Geschichte unser Evangelium und macht deutlich, welche heilbringende Kraft für ein gelingendes Leben in ihm liegen kann. Die beiden Holzskulpturen auf dem Bild hat der Künstler Walter Green aus einem 800-jährigen Eichenstamm aus dem Fundament des Klosters gefertigt. Die zwei Gestalten schmiegen sich ineinander, werden erst gemeinsam vollkommen. Vielleicht ist es auch bei der Liebe so, dass sie unterschiedliche Gesichter haben kann, aber erst im Einklang zwischen Gott, dem Nächsten und mir selbst vollkommen wird.

Pfarrer Klaus Buhl, Direktor des RPZ, Heilsbronn

Gebet:

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich Hoffnung erwecke, wo die Verzweiflung quält, dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. Amen

Lied EG 650: Liebe ist nicht nur ein Wort

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