Plötzlich bist du da

Vater mit Frühchen
Heiko Kuschel und Tochter Nele kurz nach der Geburt. Foto:privat

Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt

Eigentlich waren die nächsten Wochen ganz anders gedacht gewesen. Die Konfirmation einer der drei Töchter war in Planung. Bevor das vierte Kind auf die Welt kommen sollte, packte sich Pfarrer Heiko Kuschel noch schnell den Terminkalender extra voll. Genug zu tun für alle. Alles um ab der Entbindung Zeit für die langersehnte Tochter Nele zu haben. Doch dann kam alles anders und brachte die ausgeklügelten Pläne gehörig durcheinander. Ein Blasensprung, sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ließ das Paar in die Klinik eilen. 

Und während Vater Kuschel zwischen Klinik und dem Zuhause - in der Nähe von Schweinfurt und dem Frühstück für die Geschwister - hin und her eilte, ließ sich die Geburt nicht weiter aufhalten. "Ein Schock", wie Birgit Kuschel sagt. "Wir waren gedanklich noch überhaupt nicht bereit!" Doch Nele kam auf die Welt - viel zu früh, nur knapp zwei Kilo schwer und klitzeklein. Sie wäre bestens geeignet für Puppenkleidung der älteren Geschwister gewesen und somit ein Fall für die Kinderintensivstation.

Jedes zehnte Kind kommt in Deutschland zu früh zur Welt. Die Medizin macht dabei immer größere Fortschritte und kann selbst Kinder retten, die unter 600 Gramm wiegen. Aber den Kummer, die Ohnmacht und die Hilflosigkeit angesichts eines so kleinen Wesens, das sich viel zu früh auf den Weg ins Leben gemacht hat, kann sie weder heilen noch lindern. 

Auch Familie Kuschel brachte das aus dem Konzept. Denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf Konfirmationen oder auf berufliche Premieren. Das Leben nimmt auch nicht Rücksicht auf Geschwister, die in den kommenden Wochen gehörig zurückstecken mussten. Alle Aufmerksamkeit ging hin zum kleinen Wesen im Wärmebettchen. Der komplette Tagesrhythmus - nicht nur der Eltern, sondern der ganzen Familie - wurde von den Besuchen auf der Kinderintensivstation bestimmt.

Dennoch: Schwester Leonie, heute 16 Jahre alt, war wie ihre Schwestern von Anfang an vernarrt in die Kleinste der Familie "Die war so süß, wie sie da lag. Und wir durften sie auch immer halten", erzählt sie mit strahlenden Augen und nimmt die kleine Schwester an die Hand zum abendlichen Badespaß.

Nachbarn, die nicht mitbekommen hatten, dass Nele schon geboren war, fragten schon mal ganz freundlich über den Gartenzaun: "Na - wann ist es denn soweit?" Ein Kind haben und gleichzeitig doch kein Kind bei sich zu haben - das war ein emotionaler Spagat für die Eltern - vor allem für Mutter Birgit "Ich habe mit in dieser Zeit gefühlt, wie in einer Seifenblase. Da durfte nichts extra kommen, sonst wäre ich zerflossen", so beschreibt sie ihren damaligen Zustand: "Zuhause den Familienalltag aufrechtzuerhalten und dazwischen immer wieder die Kinderintensivstation aufzusuchen. Mit piepsenden Monitoren, die jede Regung der Frühgeborenen aufnimmt. Mit Krankenschwestern, die für die Familie eigentlich Fremde sind, aber die Kinder der Station mitunter besser kennen als man selbst." Eine fragile Situation für die Mutter der vier Töchter.

Dennoch war da auch eine ganz große Zuversicht, eine "Art Urvertrauen", wie es Birgit Kuschel beschreibt, trotz Atem- und Trink­problemen sowie Gelbsucht bei ­Nele. Denn die Familie fühlte sich vom Glauben in Gott getragen. Zwischen Bangen und Hoffen und all den Ängsten war dem gläubigen Paar klar: Wir sind nicht alleine. Da ist einer, der über allem steht und auf uns aufpasst. In dieser Zeit setzte sich der Seelsorger hin und schrieb seine Gedanken auf. 

"Schlaf mein Kind in der Ferne,

die Schwestern halten die Wacht, 

über uns leuchten Sterne,

verbinden uns mit der Nacht."

Solche und andere Texte schrieb der Vater, um diese Zeit für sich zu verarbeiten und festzuhalten. Zusammen mit Bildern bekam seine Frau Birgit diese als kleines Büchlein zu ihrem Geburtstag geschenkt. Gedanken und Gebete für das gemeinsame Kind - anstatt Blumen und Torte. Birgit Kuschel: "Da flossen nicht nur Tränen der Rührung, sondern sie flossen auch, weil man auf einmal vor Augen hat, was da gerade tatsächlich passiert. Selbst heute berührt mich das noch sehr!"

Nach fünf langen Wochen durfte Nele endlich gesund und munter das Krankenhaus verlassen. Aus dem winzigen Frühgeborenen ist eine entzückende kleine Blondine mit Zahnlücke geworden, die sich durchaus im Kreise ihrer großen Schwestern und Eltern zu behaupten weiß.

"Wir sind so froh und dankbar über dieses Kind!", sagt Birgit Kuschel. "Es hat uns auch als Familie und Paar noch näher zusammengebracht - falls das überhaupt noch möglich war." 

                         Inge Wollschläger

Plötzlich bist du da. Gedichte und Gebete für ein Frühchen von Heiko Kuschel. ISBN 978-3-8482-1642-0, 19,90 Euro oder broschiert: ISBN 978-3-8448-1565-8; 9,90 Euro.

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