Klassenfahrt trotz Finanzkatastrophe?

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Sie nehmen auch steile Wände als Herausforderung an: Jugendliche beim Klettern während eines Sportprojektes (Symbolfoto). Foto: epd/F
Sie nehmen auch steile Wände als Herausforderung an: Jugendliche beim Klettern während eines Sportprojektes (Symbolfoto). Foto: epd/F

Wie Kinder und Jugendliche unter der Armut ihrer Eltern infolge der vielen Krisen leiden

Wie sollten Leons* Eltern die Klassenfahrt bezahlen? Eine ganze Wanderwoche in den Bergen stand kurz nach dem Beginn des Schuljahres für die Neuntklässler an. Dies als Ersatz für eine Klassenfahrt, die coronabedingt ausfallen musste. Doch damals hätte Leons Vater noch seine Arbeit gehabt. Dessen Betrieb musste inzwischen Insolvenz anmelden. Nur noch Leons Mutter bringt die Familie als Sekretärin durch. Inzwischen freut sich die Mutter des 14-Jährigen über jede Überstunde – bekommt sie dann doch ein paar Euro mehr Gehalt aufs Konto. 

Die Ersparnisse, die es vor anderthalb Jahren noch gab, sind längst aufgebraucht – dafür wurden Miete und Gasabschlag für Oktober erhöht. Bekanntlich sind die Einkäufe auch nicht billiger geworden.  

Kreislauf der Armut

Leons Familie ist längst kein Einzelfall mehr. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist laut dem Deutschen Kinderhilfswerk von Armut bedroht. Ja, es gebe durchaus Kinder, die an Hunger leiden. „Wir können das beobachten bei den Menschen, die an Tafeln, bei den Archen und bei anderen Sozialeinrichtungen um Unterstützung bitten.“

Viele Kinder könnten zudem aus Geldmangel weder an Klassenfahrten oder Kindergeburtstagen teilnehmen, noch mit ihren Eltern in Urlaub fahren, erklärt Krause weiter. Armut verringert auch das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen. Das wiederum wirkt sich unter Umständen auf Schulnoten aus. Viele junge Menschen könnten also diesen Kreislauf der Armut nur schwierig durchbrechen, was selbst ihre Gesundheit verschlechtern könne. 

Inflation, Energiekrise, Krieg und Pandemie – eine Vielzahl an Belastungen sind für viele Familien nun deutlich spürbar und dadurch auch für die Kinder und Jugendlichen. Umso wichtiger ist es, trotz aller Sorgen die eigene psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Wenige Tage vor der Klassenfahrt brachte Leon seine Eltern dazu, sich mit ihrem Problem bei der Schulleitung zu melden. Denn er hatte davon gehört, dass ein Förderverein für seine Schule in solchen Fällen Mittel bereitstellt – ohne dass tausend Formulare auszufüllen sind. Es war für Leon mühsam, seine Eltern dazu zu bringen, bei der Schule zu „betteln“ – die Scham war so groß. 

Ihn ähnlichen Fällen gab es wohl offenbar schon die Idee, Jugendliche kurz vor einer Klassenfahrt als coronakrank zu melden. Denn dann wäre eine entsprechende Versicherung für die Ausfallkosten aufgekommen. Die Schülerinnen und Schüler selbst hätten dann eben die ganze Zeit zu Hause bleiben müssen – statt Klassenfahrt den ganzen Tag im Kinderzimmer daddeln.

Können diese Jugendlichen dann noch ihren Eltern vertrauen? Sie zeigen ihnen, dass Tricksereien und Lügen ein besserer Weg sind als seine Probleme offen zuzugeben. Dass Rückzug ein besserer Weg ist als die Schwierigkeiten anzugehen – oder sich zumindest Hilfe zu holen. Dass die Bedürfnisse ihrer Kinder – denn das ist eine Klassenfahrt und kein Luxus – ihnen weniger wert sind als die Angst davor, bald zu frieren oder sich beim Essen einzuschränken.

Eine inzwischen erwachsene Frau, die trotz der Armut ihrer Familie Abitur machen und studieren konnte, erklärte: Natürlich hätten sie alle Fördermöglichkeiten aufgegriffen, die es gab. Warum auch nicht? Aber gerade diejenigen, die lange ein besseres Leben führen konnten, schämen sich bei Schwierigkeiten besonders. Natürlich sind solche Krisen, für die letztlich mangelndes Geld verantwortlich ist, für Familien eine wahnsinnige Belastungsprobe. 

Selbstvertrauen stärken

Es muss nicht immer eine Klassenfahrt sein: Auch sonst verursachen finanzielle Belastungen viel Streit und schlechte Stimmung. Auch wenn die Eltern das abends diskutieren, nehmen Kinder und Jugendliche die Stimmungen und Auseinandersetzungen wahr. 

Gerade die Jüngeren können dann die Zusammenhänge nicht richtig einschätzen. Sind vielleicht sie sogar schuld an dem Streit zu Hause? Ebenso wie ihre Eltern versuchen sie oft die Sorgen zu überspielen. Dann zeigen sich gerade bei ihnen Aggressionen oder Auffälligkeiten im Verhalten.

Dagegen helfe es, die Resilienz zu stärken? Was heißt das genau? Die Kinder und Jugendlichen sollen sich nicht mehr als hilflose Opfer erleben, sondern können erfahren, dass sie eine schwierige Lage durch ihr Handeln auch zum Besseren wenden können – wie Leon. Doch wenn sich die Eltern nicht mehr in der Lage sehen, eine Krise zu meistern, geben sie die pessimistische Grundhaltung und ein mangelndes Selbstwertgefühl sowie fehlendes lösungsorientiertes Handeln auch an ihre Kinder weiter. Dazu gehört auch Ausdauer – selbst bei Rückschlägen. Sportarten dienen nicht nur der Bewegung, sondern üben gerade das ein. Da muss ein Bewegungsablauf wieder und wieder ausprobiert sein, bevor er so richtig klappt. Misserfolge gehören erst einmal dazu.

Und Leon hat nun nach seiner Rückkehr von der Klassenfahrt damit begonnen, Nachhilfeunterricht für jüngere Schüler und Schülerinnen zu geben. Schließlich ist er fit in Mathe und Naturwissenschaften.

Und was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die weniger aktiv sind? Die sich vielleicht vor allen Problemen selbst innerlich zurückziehen? Nur noch mit ihren elektronischen Geräten daddeln und vielleicht zu wenig für die Schule tun?

Hilfswerke wie die Stadtmission Nürnberg haben den Anstieg eines solchen Verhaltens bereits während der Corona-Lockdowns beobachtet. Das kann bis hin zu massiven psychischen Problemen, zur Isolation oder Aggressionen führen, aus der die Kinder und Jugendlichen auch erst einmal wieder mit professioneller Hilfe herausgeführt werden müssen. 

Doch was, wenn Jugendhilfeeinrichtungen selbst vor den gestiegenen Energiekosten in die Knie gehen und Angebote reduzieren müssen?

Hätte Leon auch noch versuchen sollen, für seine Eltern zur örtlichen Tafel zu gehen? Die meisten von ihnen nehmen niemanden mehr auf. Selbst für die vorhandenen Klienten haben sie zu wenig. Vielleicht hätten seine Eltern das schon längst angehen sollen. Doch auch da wollen sie sich ihre finanziellen Probleme nicht eingestehen. Umso wichtiger, dass auch solche Einrichtungen gestärkt werden: Supermärkte haben offenbar immer weniger zur Abgabe übrig. Dafür kommen immer mehr Hilfsbedürftige. Und teils versuchen dann 80-jährige Ehrenamtliche irgendwie den Mangel dort zu organisieren, der sich sicher in den kommenden Monaten noch deutlich verstärken wird.

* Name geändert