In Unruhe bleiben

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte. Viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Markus 12, 41–44

Es war einmal ein reicher Familienvater, der mit einem Armen, der ihm beim Brennholzmachen half, über eine Brücke ging. Dort saß ein Bettler. Der Arme gab diesem seine einzige Geldmünze und bat um Wechselgeld, damit er nicht mittellos dastünde. Als der Bettler nichts zurückgeben konnte, überließ ihm der Holzmacher die Münze. Zwar spendete der Familienvater einen 7-fach höheren Betrag, aber sein Gewissen quälte ihn. Denn er hatte nur einen Teil seines Geldbeutelinhalts hergegeben, während der Holzmacher alles verschenkt hatte.

Der Familienvater kannte die Geschichte vom „Scherflein der Witwe“. Er sehnte sich danach, Jesus nachzufolgen, hatte es aber noch nicht zuwege gebracht, sein Vermögen herzugeben. Nach einer ausschweifenden Jugend hatte er sich für ein Eheleben entschieden, aus dem 13 Kinder hervorgingen. 

Er haderte damit, dass er in der Jesus-Nachfolge ständig ausgebremst wurde. Nicht nur von der Ehefrau, sondern auch vom Zweifel. Alles aufgeben, ohne sicher zu wissen, ob sich das lohnt, ob es das von Jesus angekündigte Reich Gottes wirklich gibt? Der Familienvater war hin- und hergerissen zwischen den Idealen und der Realität, zu der auch die Treue zu seiner Frau zählte.

Erst als 82-Jähriger setzte er sein lang erträumtes Vorhaben um, Familie und Gutshaus zu verlassen. Als Eremit wollte er in einer Waldhütte auf das Reich Gottes warten. Doch er kam nie in der Einsiedelei an. Als wäre er eine tragikomische Romanfigur, starb er unterwegs auf einem Bahnhof, an einer Lungenentzündung, verursacht durch den Zug.

Es handelt sich hier um den Schriftsteller Lew Tolstoi (1828–1910). Seine Zerrissenheit fühle ich heute noch, wenn ich vom „Scherflein der Witwe“ lese. Ich möchte Jesus nachfolgen, aber auch ich habe Frau und Kinder. Letztere sollen mal studieren dürfen, und das muss mit meinem Gehalt finanziert werden. 

Gleichzeitig macht uns die Inflation Sorgen. Wird das angesparte Geld reichen, um im Ruhestand angemessen wohnen zu können? Vielleicht verdeckt mein Verweis auf Familiäres nur den Zweifel an den Verheißungen: Würde Gott wirklich mich und meine Familie versorgen, wenn ich wie die Witwe alles hergäbe?

Ich denke, der zerrissene Tolstoi ist uns näher als ein heroisch gedachter Jesus. Jesus hat die Gabe der Witwe in Perfektion umgesetzt. Er hat sein Leben gegeben. Das tut keiner von uns. Nicht umsonst findet sich die Perikope vom Scherflein im Kontext der Warnung vor den Schriftgelehrten und Heuchlern. Diese wollen, dass ihre guten Taten von allen gesehen werden (Matthäus 6). Das ist heute gesellschaftlicher Konsens: „Tu Gutes und rede darüber“.

Was mache ich jetzt mit der Geschichte vom Scherflein, während ich noch zweifle wie Tolstoi und erkenne, dass die Nachfolge unserer Gesellschaft fremd ist? Ich sehe im Predigttext ein Prinzip: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an“ (1. Samuel 16,7). Wir neigen dazu, diejenigen zu ehren, die große Summen geben. In den Gemeinden vergleichen wir Spendeneingänge des laufenden Jahres mit denen der Vorjahre. Wir bedauern, wenn weniger gespendet wird als früher. Aber die Beträge sind nur Äußerliches. Gott weiß, warum die eine mehr gibt und ein anderer weniger. Wie wollen wir über andere urteilen, ob sie zu wenig geben?

Interessant ist, dass Jesus beim Scherflein der Witwe nicht mit der Mahnung endet: „Gehe hin und tue desgleichen“ (Lukas 10,37). Christus verlangt gar nicht von mir, es der Witwe gleich zu tun. Es reicht ihm, mich in Unruhe zu halten. Sodass ich im Gebet immer wieder neu austariere, wie die Nachfolge mit den Erfordernissen der Fürsorge für mich und die Familie in Einklang zu bringen ist.

Pfarrer Gerhard Gronauer Dinkelsbühl