Auf den Hund gekommen

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

Ich ahnte in dem Moment, als ich die Scher-Maschine ansetzte, dass es schwierig werden würde. Der Pudel zappelte und hatte keine Lust, sich von seiner Überzahl an Locken befreien zu lassen. „Die Torheit eines Menschen verleitet seinen Weg“, steht in den Sprüchen im 19 Kapitel. 

Die Torheit hatte mich tatsächlich verleiten lassen, viel Geld für den Hundefriseur zu sparen. Nachdem ich mir viele Lehrvideos im Internet angeschaut hatte, fühlte ich mich bereit. Die ersten paar Male hatte das ganz gut geklappt und ich war erstaunt über mein neues Talent in der Hunderasur. Nur an diesem Tag war irgendwas anderes. Sicherlich war es keine gute Idee, den 15 Millimeter Aufsatz zu entfernen und stattdessen ohne arbeiten zu wollen. 

Der Hund sah anschließend gewöhnungsbedürftig aus. Eher wie ein  mottenzerfressener Persianer-Mantel einer Großtante. Die Beine des Hundes waren ungleichmäßig geschnitten, dafür war der wedelnde Hundeschwanz um so fransiger.

Meine Freundin, mit der ich die Fürsorge und Liebe für den Pudel teile, schwieg und wuschelte  zaghaft die restlichen Löckchen durch. Vielleicht war mein Ziel, eine gute Hundefriseurin zu werden, doch zu hoch gegriffen?

Zwei Monate später hatte keiner der professionellen Menschen Zeit – auch in den kommenden Wochen nicht – dem Hund zu neuer Pracht zu verhelfen. Also machte ich mich wieder ans Werk. Und was soll ich sagen: Diesmal sah der Hund großartig aus! Alles war richtig lang und es waren keine „Antennen“ von vergessenen Haaren zu sehen. Hund und Friseurin belohnten sich mit einem Leberwurstbrot. 

Ich hätte das nie so hinbekommen, wenn ich den Pudel nicht „verschnitten“ hätte. So wussten meine Hände und mein Hirn, was ich lieber sein lassen sollte und worauf ich mein Augenmerk legen sollte.  

Fehler sind wichtig. Sie bringen uns dazu, hinterher genau zu wissen, was zu beachten ist, damit dieses oder jenes nie wieder geschieht. Selten in meinem Leben habe ich das so verspürt, wie in meinem Scheitern. Dieser Moment, wenn man weiß, dass man gerade nicht die beste Leistung abgeliefert hat, lässt einen reifen. Und nebenbei auch ein wenig Gnade für einen selbst einüben.