„Mich verstecken, bis alles vorbei ist“

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Susanne Borée Editorial in der Frühlingshoffnung

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Susanne Borée zum Ukraine-Krieg

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

„Tante Sveta, kannst du mich bitte in einem Schächtelchen verstecken und mich erst wieder auspacken, wenn alles vorbei sein wird?“ Von dieser Bitte eines vierjährigen ukrainischen Mädchens berichtete Sabine Arnold von der Aussiedler-Arbeit der SinN-Stiftung des Dekanats Nürnberg. Da hockte die Vierjährige zusammen mit zwei anderen Kindern und den Erwachsenen bereits den dritten Tag in einem Charkiver Keller, um sich vor den Luftangriffen zu schützen.

Wer wünscht das nicht in den vergangenen Tagen: Erst wieder aufwachen, wenn dies alles vorbei ist? Welch ein verlockender Gedanke! Wenn wir ihn hier bei uns schon so erleichternd finden, wie viel mehr die Menschen vor Ort in der Ukraine, über die dieser Alptraum gekommen ist!

Der so plötzlich aus dem Nichts ausgebrochen ist. Na gut, so ganz doch nicht, wenn wir ehrlich sind. Drohungen gab es genug. Doch dass der Angriff so schnell und so heftig erfolgen würde – wer hätte sich das träumen lassen! 

Auch wir zum Redaktionsschluss Anfang vergangener Woche nicht. Deshalb konnte der Krieg in der Sonntagsblatt-Ausgabe am letzten Februarwochenende noch keine Rolle spielen. Und vielleicht wird es in den nächsten Tagen wieder so sein, dass die Berichte zur Ukraine überholt sein werden, bis Sie dieses Blatt erhalten? Vom Atomeinsatz bis zu Verhandlungen scheint alles möglich.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir Kontakt halten zu unseren Partnern vor Ort und deren Erlebnisse dokumentieren. Für sie wird diese Welt nicht mehr dieselbe sein, wenn sie aus den Kellern herauskommen. Schon gar nicht für die kleinen Kinder im Keller.

Hoffen wir, dass sich nicht noch neben den Traumata der Hass weiter ausbreiten wird – auch hier in Bayern, wenn immer mehr Geflüchtete auf Menschen treffen, die teils gezielte Falschinformationen aus ihrer alten Heimat erhalten.

Und wenn wir hier von den Menschen vor Ort keine Nachrichten mehr bekommen? Wenn das Mobilfunknetz lahm gelegt und alles still sein sollte? „Wenn wir hier sitzen in unserer Sicherheit und nicht mehr wissen werden, ob die Menschen dort drüben noch leben?“, so Sabine Arnold.

Und: In unseren Gedanken und Gebeten sollten die mutigen Russinnen und Russen bleiben, die auf Demonstrationen und Petitionen gegen den Krieg eintreten – und wohl schon zu Tausenden verhaftet sind! Das alles können wir nicht einfach ausschalten.

Redaktionsschluss: 28.2.2022