Armut im Reichtum

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Ich war bei einem reichen Menschen zu Besuch. Das er reich war erfuhr ich ziemlich schnell, denn er erzählte  davon. Wie er zu Geld gekommen war und wie er es  vermehrt hatte. Was er alles unternommen hatte und hat, damit es stetig mehr wurde und wird.

Über all den Erzählungen schwebte jedoch die große Sorge, dass all das Geld auf wundersame Weise doch auf einmal weg sein könnte. Und die vage Erkenntnis, dass all das schöne Geld, die vermeindliche Sicherheit im Leben der betagten Ehefrau nicht die fehlende Gesundheit zurückbringen wird.  Dazu  gesellte sich auch die Frage, was mit all dem Besitz zukünftig passieren wird, da es keine Nachkommen gibt. „Bevor es die bucklige Verwandtschaft bekommt, mit der ich zerstritten bin, verbrenne ich es lieber!“

Was also bringt es einem Menschen, „wenn er die ganze Welt besäße und nähme Schaden an seiner Seele?“ Wie viel Geld und Güter braucht es für ein inneres Sicherheitsbedürfnis, dass nicht mit „noch mehr Zaster“ herzustellen ist? Wieso „dient“ das Geld nicht und macht glücklich, sondern mit jedem neuen „Schnäppchen“ wächst die Sorge, wer es wegnehmen könnte. 

Innerhalb kürzester Zeit kippte mein Gefühl beim Zuhören von „Wow. So viel Geld“ zu „Ach du liebe Zeit!“

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag Geld. Ich schätze es sehr, das ich mir durch  oder mit Geld ein gutes Leben gestalten kann. Ein kleiner Blick über den Tellerrand zeigt auch: Wenn mein Kühlschrank gefüllt ist, ich genügend Kleidung habe und einen sicheren Platz zum schlafen, bin ich auf dieser Welt schon reicher als 75 Prozent der Menschen. Ich erlebe diesen Tag höchstwahrscheinlich in bester Gesundheit und kann mich damit glücklicher schätzen, als die Millionen Menschen, die krank sind oder sterben. Wenn Sie das hier lesen können haben Sie mehr Glück, als drei Milliarden Menschen, die weder lesen, schreiben noch sehen können. 

Was beim „reichen Menschen“ fehlte, war Dankbarkeit für das, was er hat. Überreichlich hingegen war die Sorge um den Besitz. Und das ist die kurze, traurige Erkenntnis: Geld und Besitz machen alleine nicht glücklich, wenn sich nicht Dankbarkeit, Freude und – im besten Falle – etwas Sinnstiftendes  dazu gesellen. Dann ist auch die Seele genährt.