Hoffnung auf „Leben in Fülle“ trotz Krieg

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Pfarrerin Mathilde Sabbagh bei der Jugendarbeit.Foto: NESSL
Pfarrerin Mathilde Sabbagh bei der Jugendarbeit.Foto: NESSL

Pfarrerin Sabbagh kümmert sich im Nordosten Syriens um Kinder und Jugendliche

Gleich am ersten Tag nach ihrer Rückkehr flog eine Rakete auf das Haus in Hassakeh. „Ich habe sie als Erinnerung aufgehoben“, berichtet Mathilde Sabbagh. Sie engagiert sich seit fünf Jahren als erste Pfarrerin dort in den kurdischen Gebieten im Nordosten Syriens. Zu ihrer Nationalen Evangelischen Synode in Syrien und Libanon (NESSL) gehören in Syrien 18 Gemeinden mit rund 10.000 Gemeindegliedern – neben rund 6.000 Gemeindemitgliedern im Libanon. 

„Die Jugendlichen haben in ihrem Leben fast nichts anderes als Krieg erlebt“, weiß sie. Daher ist ihr besonderer Schwerpunkt die Kinder- und Jugendarbeit. „Sie brauchen Räume, in denen sie Spaß haben und normale Aktivitäten machen können. Sie sollen merken, dass Gott immer für sie da ist“, wie sie erklärt. Zu ihren Veranstaltungen kommen oft 200 Kinder und 150 Jugendliche. Es gibt dort Sprach- und Computerkurse, aber auch Sport oder mal einen Ausflug.

Engagement durch das Jahresprojekt der Frauenarbeit des Gustav-Adolf-Werks 2021 unterstützt

Ihr Engagement möchte das Jahresprojekt der Frauenarbeit des Gustav-Adolf-Werks in diesem Jahr 2021 unterstützen. „Außerdem sammeln wir für medizinische Versorgung im schwer vom Krieg betroffenen Aleppo, fast 400 Kilometer weiter westlich, für Fortbildungen von Frauen im Libanon und in Syrien und für ein Altenheim im Libanon“, erklärt Inge Rühl als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk.

Mathilde Sabbagh übernahm 2016 mit 26 Jahren direkt nach ihrem Theologiestudium die Gemeinde in Hassakeh. Dort war bereits ihr Vater Gemeindeältester. „Mit 13 habe ich über meinen zukünftigen Beruf nachgedacht. Ich habe mich gefragt, an welchem Ort ich wirklich Freude empfinde.“ Da merkte sie, dass das die Kirche ist. Aber als Frau? Auch da taten sich Möglichkeiten auf. Im libanesischen Teil der Kirche arbeiten bereits drei Pfarrerinnen. 

Untergehende Gemeinde in Hassakeh

„In Hassakeh drohte die Gemeinde unterzugehen“, berichtet sie über das Internet. Der alte Pfarrer und viele Gemeindemitglieder waren ins Ausland geflohen. „Von 50 Familien waren nur einige wenige übriggeblieben, vor allem die Älteren und die Armen. Bei einem Kampf mussten wir eine Woche lang, Tag und Nacht, zu sechst im Badezimmer ausharren, dem einzigen Raum ohne Fenster.“ 

Doch sie fährt fort: „Das beste Jahr war 2018: Die Menschen fingen an, sich wieder eine Zukunft aufzubauen. Ende 2019, mit dem Abzug der US-Truppen, kam es jedoch zu dem Konflikt zwischen der Türkei und den Kurden. Seitdem ist die Versorgung sehr schlecht. Im Moment gibt es nur nachts Strom.“

Die Türkei besetzte auch die wichtigste Wasserquelle vor Ort. Da gab es im vergangenen Spätsommer kaum Wasser – und das bei Temperaturen bis 35 Grad Celsius. Die Pfarrerin berichtet: „Wir mussten das Wasser in Flaschen kaufen. Inzwischen haben wir immerhin alle zehn Tage für ein paar Stunden Wasser, meistens in der Nacht. Dann wecken wir uns schnell gegenseitig und erledigen alles Wichtige, putzen und waschen – und füllen den Tank der Gemeinde, um das Wasser kranken Menschen zur Verfügung stellen zu können.“

Gefangen in der Kirche

Die Gottesdienste in der Evangelischen Kirche in Hassakeh mussten mehrmals wegen Bombenangriffen abgebrochen werden. Die Kirchenwand hat Einschusslöcher. Die Cousine von Mathilde Sabbagh wurde von Islamisten getötet. Ihr Bruder, ebenfalls Pfarrer, wurde gekidnappt. Einmal mussten Mathilde Sabbagh und ihre Gemeinde mehrere Tage in der Kirche ausharren. Wenn Männer uns nicht helfen können, wie soll es eine Frau tun? So dachten die Gemeindemitglieder, wie die Pfarrerin erzählt. Als das Wasser ausging, ging sie hinaus und bat einen Scharfschützen um 15 Minuten Feuerpause, um die Menschen in Sicherheit zu bringen. 

In den kommenden Monaten soll sie nun offiziell ordiniert werden. „Inzwischen interessiert es mich nicht mehr, ob sie mich akzeptieren, sondern nur noch, ob ich Gott diene. Die Kinder und Jugendlichen haben mich von Anfang an voll und ganz angenommen. Das hat dazu beigetragen, dass mich auch die Erwachsenen anerkennen.“

Dabei sind nur fünf der Jugendlichen ursprünglich evangelisch. Die anderen kommen aus der orthodoxen oder katholischen Kirche. Sie konvertieren aber nicht, sondern bleiben Mitglieder ihrer Kirchen. „Das würde sonst viel Streit verursachen, den wir gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit nicht wollen. In Syrien ist es nicht einfach, die Kirche zu wechseln. Mein Mann war syrisch-orthodox, bevor er Protestant wurde.“ Der Generalsekretär der Kirche musste eigens aus Beirut anreisen, um zu vermitteln.

Einzige Geistliche, die tanzen kann

Doch der Zulauf der jungen Menschen ist ungebrochen: „Ich bin die einzige Geistliche in Hassakeh, die tanzen kann!“, erklärt sie lachend. Sie spricht mit den Jugendlichen nicht nur über den Glauben, sondern über gesunde Ernährung oder die Veränderungen in der Pubertät.

Die Gemeinde hilft 200 Familien. Doch zehn Mal so viele Christen gibt es vor Ort. Dazu kommen noch christliche Flüchtlinge. „Denen müssen wir als erstes helfen, sie sind fremd hier und kennen sich nicht aus.“ Im Winter, der in Hassakeh oft bitterkalt ist, brauchen die Menschen Benzin zum Heizen. Und das sei fast unerschwinglich teuer.

„Die Menschen hier lächeln nicht, weil sie die ganze Zeit damit beschäftigt sind, Dinge für das Überleben zu organisieren. Eine Familie braucht rund 600 US-Dollar im Monat zum Leben. Die Menschen verdienen aber kaum mehr als 40 Dollar.“ Fast jeder der Menschen vor Ort hofft, nach Europa gehen zu können. Doch dies ist teuer und gefährlich. Vor dem Krieg hätten die verschiedenen Religionen am Ort gut zusammengelebt. „Nun sind die Menschen, mit denen wir vor 2012 friedlich zusammengelebt haben, aber nicht mehr da.“

Und dann kam Corona: Viele Menschen sagen, dass es ihnen im Krieg besser ging als mit der Pandemie. Auch Sabbagh erkrankte im Sommer 2020 an Covid-19, erholte sich jedoch. „Wenn ich wirklich niedergeschlagen bin, denke ich, dass ich auch das Land verlassen sollte. Ich habe zwei kleine Töchter, einjährige Zwillinge, für deren Zukunft ich sorgen muss.“ Meist kümmere sich ihre Mutter um die Babys, während sie und ihr Mann in der Gemeinde arbeiten. „Wenn sie älter sind, werden sie mir vielleicht Vorwürfe machen: Es war deine Berufung zu bleiben, aber nicht unsere!“

Doch das Jesuswort „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10) hängt über ihrer Haustür. „Ich sehe es immer, wenn ich nach Hause komme. Das spricht direkt in unsere Situation hinein: Das Leben ist in Fülle vorhanden und niemand kann es stoppen.

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