Sieben Jahre im Big Apple

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Miriam Groß war in ihrer siebenjährigen Tätigkeit als Pfarrerin von St. Pauls ehrenamtlich beim New Yorker City Police Department als Polizeiseelsorgerin tätig.
Miriam Groß war in ihrer siebenjährigen Tätigkeit als Pfarrerin von St. Pauls ehrenamtlich beim New Yorker City Police Department als Polizeiseelsorgerin tätig. Foto: Groß

Pfarrerin Miriam Groß erinnert sich an ihre Dienstzeit in New York – Neue Stelle in Bamberg

Pfarrerin Miriam Groß erinnert sich in diesem Bericht an ihre Zeit in den USA zurück. Sie wechselt nun vom Pfarramt der deutschen Gemeinde in New York nach Bamberg. Dort wird die bayerische Pfarrerin im Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei ab 1. Februar ihre neue Stelle antreten und wird die ethische Bildung der Sicherheitskräfte übernehmen.

Sie schrieb während ihrer sieben Jahre währenden Tätigkeit als Gemeindepfarrerin von St. Pauls für unser Sonntagsblatt mehrfach Berichteüber ihre Arbeit oder über Begegnungen und Ereignisse in New York – Spitzname „Big Apple“ (großer Apfel) und den USA; quasi als Korrespondentin für uns. 

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei Dir, Herr, füll Du uns die Hände.“ Ich summte leise vor mich hin während ein Erinnerungsstück nach dem anderen in die Umzugskiste wanderte. Als ich ein mintgrün umrandetes Schild mit einem Haus in Händen hielt, verstummte ich und setzte mich nachdenklich auf den nächsten verfügbaren Stuhl. „Home is where happy memories grow“ – „Heimat ist da, wo glückliche Erinnerungen wachsen“. Viele Erinnerungen waren in den vergangenen sieben Jahren in New York gewachsen – doch nicht immer waren sie „glücklich“, dafür mit einer nie zuvor erlebten Tiefe ausgestattet gewesen.

Nachdem die Sonntagsblatt-Mitarbeiterin Inge Wollschläger mich seit meiner Ausreise im Sommer 2014 begleitet und ich selbst in einigen Artikeln über mein Erleben berichtet hatte, will ich Sie in diesem Artikel auf einen kleinen Streifzug durch meine Zeit als EKD-Auslandspfarrerin in New York mitnehmen.

Als wir in das Land meines Vaters aufbrachen, war uns noch unbekannt, welche Menschen, Orte und Geschehnisse uns als fränkische Pfarrfamilie und mich als Pfarrerin dort prägen würden. Manchmal denke ich, dass es gut so war, denn in den sechs Jahren unseres Aufenthalts waren die Vereinigten Staaten von Amerika wie selten zuvor von einer massiven Dichte dramatischer Ereignisse erschüttert worden:

 

Vehementer Rassismus

Kurz vor meiner Abreise im Frühsommer 2014 hatte die USA eine Welle von Unruhen erfasst, die aufgrund Ermordung mehrerer schwarzer Amerikaner sich vor allem über dem Süden des Landes entlud. Im darauffolgenden Sommer erschoss der 21-jährige weiße Dylann Storm Roof am 17. Juni 2015 neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde in Charleston (South Carolina), der Heimatstadt meines Vaters. Durch diese Tat trat in all seiner Vehemenz der Rassismus zu Tage, der nicht nur diese historische Südstaatenstadt, sondern ganz Amerika zutiefst spaltet. 

So tauchte ich immer tiefer in die US-amerikanische Gesellschaft ein. New York, die Stadt, die niemals schläft, hatte uns schnell in ihren Bann gezogen. Gerne erinnere ich mich an ganz persönliche Momente, wie die Konzerte, an denen meine beiden Töchter in Carnegie Hall mit ihren Orchestern spielten, oder einem Kennenlernen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der Besuch unseres Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm, anlässlich dessen der deutsche Generalkonsul David Gill zu einem interreligiösen Mittagessen in St. Pauls eingeladen hatte, ist mir noch in besonderer Erinnerung. Hier hatten sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen, Mike McCurry (ehemaliger Sprecher des Weißen Hauses während der Clinton-Regierung), Holocaustüberlebende und Schülerinnen und Schüler der deutschen Schule zu einem Gespräch und gemeinsamen Mittagessen eingefunden. Es war ein besonderer Moment der Heilung, Versöhnung und des gemeinsamen Engagements um Frieden, der mich bis heute trägt.

In allem war das Kirchengebäude der lutherische St.-Pauls-Kirche im Stadtteil Chelsea wie ein ruhender Pol mitten im Trubel des Big Apples, die zum Verweilen und Kraftholen einlud. Hier feierten wir Gottesdienste in deutscher Sprache und gaben Menschen eine Heimat in der Fremde am Big Apple. Aber auch wunderbare Festivals wie das Chelsea Music Festival, das vom deutschsprachigen Dirigenten Ken Masur und der Pianistin Melinda Masur organisiert und durchgeführt wurde, ließen die Türen der Gemeinde weit offen stehen. Hier trafen sich jährlich Musik, Kunst und Kulinarisches zu einem Fest des Gott geschenkten Lebens. 

Da meine Entsendung mit der Vertretung der EKD im Bereich der deutschsprachigen Generalkonsulate, der Vereinten Nationen sowie diverser Organisationen verbunden war, lernte ich viele spannende und interessante Menschen kennen, die mir wertvolle Einblicke in ihre Lebenswelt ermöglichten. Vor allem der Kontakt und die Zusammenarbeit zu jüdischen Organisationen und Gemeinden war eine große Segenserfahrung meines Dienstes. Gemeinsam bemühten wir uns um eine Friedens- und Versöhnungsarbeit, die zum einen an die gebrochene deutsche Geschichte und den Holocaust erinnerte, zum anderen versuchte, andere für ein Leben in versöhnter Verschiedenheit und Geschwisterlichkeit zu gewinnen.

Der Kontakt zu meiner bayerischen Landeskirche war in all dem Erleben immer ein Kraftort. Zwei Mal durfte ich während meiner Entsendungszeit bei Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler hospitieren und den vielfältigen Dienst einer Regionalbischöfin kennenlernen und begleiten. Es waren besondere Einblicke, die sie mir geschenkt hatte und die mich zutiefst geprägt haben. Diese besonderen Wochen haben mir deutlich das Engagement und den Glauben der verantwortlichen Personen vor Augen geführt. Und mit einer Dankbarkeit für ihren Dienst, ihre Fürsorge und die Verantwortung, die sie im Namen Jesu Christi für uns tragen, erfüllt.

Mit der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump wurde die Polarisierung der Gesellschaft zunehmend spürbar. Gleichzeitig wurde der systemisch seit Jahrhunderten verankerte Rassismus immer deutlicher sichtbar, sowie ein wachsender Antisemitismus und an einigen Stellen eine deutliche Feindlichkeit gegenüber anderen Minoritäten. In vielerlei Weise gleichen sich die beiden Irrlehren des Rassismus und Antisemitismus in ihrer zugrundeliegenden Logik: Sie missachten, dass alle Menschen nach dem Angesicht Gottes erschaffen sind und ihnen daher die gleiche Würde und der gleiche Wert zusteht.

Daher hatte ich mich in diesen Jahren mit wachsendem Engagement für Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt. Ob dies nun in der Gründung einer Friedensinitiative mit dem Deutschen Generalkonsulat und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste war, oder dem sozialen Engagement bei einem Tafelnetzwerk.

 

Schwerer Einschnitt

Das Jahr 2020 stellte in meinem Dienst einen großen Einschnitt dar als New York zu einem der schlimmsten Ausbruchsorte der Pandemie wurde. Aufgrund der großen gemeindlichen Fläche hatte ich bereits vorher bei vielen Angeboten unserer Gemeinde wie dem Angebot eines digitalen Konfirmandenunterrichtes oder Online-Sitzungen des kirchenleitenden Gremiums auf digitale Hilfsmittel zurückgegriffen. Daher fiel mir die weitere Digitalisierung der Gemeindearbeit nicht schwer. Dennoch kamen ganz neue Herausforderungen und Fragen aufgrund der Pandemie auf mich zu: Wie sollte ich Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleiten, wenn ich nicht bei ihnen sein durfte? Wie konnte ich deren Familien in der Trauerphase begleiten? Aber auch die Frage einer Gestaltung der Freudenpunkte des Lebens wie die Trauung eines Paares, musste neu gedacht und mit neuen liturgischen Formen umgesetzt werden. So entstanden aus rein praktischen seelsorgerlichen Erwägungen das Angebot einer Online-Agapefeier, einer digitalen Trauerfeier, aber auch einer Trauung, die Menschen an verschiedenen Orten versammelt und durch digitale Hilfsmittel unterstützt miteinander gestalten konnten.

Während die Digitalisierung des gemeindlichen Angebotes positive und neue Wege eröffnete, legten die Folgen der Pandemie die soziale Ungerechtigkeit in USA in all seiner Vehemenz offen: immer mehr Menschen verloren ihre Arbeit und damit auch die für alle damit verbundene Krankenversicherung, die dort mit dem Arbeitgeber verquickt ist. Es traf vor allem die am Rande stehenden Menschen – undokumentierte Immigranten, die aufgrund ihres illegalen Aufenthaltes und fehlender Bildung nur einfache Tätigkeiten übernehmen. Inzwischen macht eines von vier Kindern in Amerika aufgrund der ökonomischen Auswirkung der Pandemie die Erfahrung von Nahrungsknappheit. Aufgrund dieser Not engagierte ich mich seit Beginn der Pandemie stärker in der jüdischen Tafel „Kol Ami“.

 

Zwischen den Stühlen

Während das ganze Land mit einem gefährlichen Virus rang, erschütterten wieder Demonstrationen und Unruhen gegen Polizeigewalt die gesamten Vereinigten Staaten von Amerika. Ich wurde in dieses Geschehen aufgrund meiner Rolle als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin mit hineingesogen. Auf der einen Seite verstand ich diesen wichtigen und notwendigen Aufschrei gegen Rassismus, der viele gesellschaftliche Ebenen und Institutionen durchzog, sehr gut und wollte, dass dies endlich ein Ende hat. Daher nahm ich an Demonstrationen teil und setzte mit Tausenden ein Zeichen gegen den vorherrschenden Rassismus. 

Auf der anderen Seite kannte ich Polizistinnen und Polizisten, die teilweise selbst unter dem Rassismus litten und von innen heraus versuchten, dagegen vorzugehen. In solchen Situationen als Brückenbauerin tätig zu sein, war eine der größten Herausforderungen meines Amtes.

Mit dem Ausgang der Präsidentschaftswahl hatte ich im Herbst gehofft, dass die Vereinigten Staaten von Amerika endlich wieder etwas zur Ruhe kommen würden. Stattdessen steigen gegenwärtig die Erkrankungszahlen immer weiter an. Einer von sechzehn US-Amerikanern war bereits am Virus erkrankt. Als ob dies nicht genug sei, hat nun der scheidende Präsident tausende von Demonstranten zu einem Übergriff auf das Kapitol als dem zentralen Symbol der amerikanischen Demokratie angestiftet. Als die Bilder aus Washington D.C. unser Wohnzimmer in New York erfüllten, erfasste uns eine Schockstarre. Würde das Land diesen Angriff auf demokratische Werte standhalten? Bis jetzt scheint es so zu sein, doch die amerikanische Demokratie ist zutiefst in seinen Grundfesten erschüttert worden und es steht nun auch in Frage, ob dieses Land weiterhin als ein Vorbild der westlichen Demokratie für andere Länder gelten wird.

Ich verlasse New York mit sehr gemischten Gefühlen und der Hoffnung, dass das Land diesen Herausforderungen mutig entgegentreten und einer Gerechtigkeit, die für alle gilt, Raum geben wird. Mich hat New York aufgrund seiner multikulturellen und multireligiösen Bevölkerung zutiefst geprägt.

Ich schreckte aus meinen Gedanken auf. So viel war noch zu tun, bevor wir wieder nach Franken ziehen würden und die Zeit zerrann mir zwischen den Händen. Vorsichtig strich ich noch einmal nachdenklich über den Schriftzug des mintgrün umrandeten Schildes. Es waren nicht nur glückliche Erinnerungen, die ich mit dieser Heimat auf Zeit am Big Apple verband. Vielmehr waren es viele tiefe und prägende Momente und geschichtliche Ereignisse, die ich nun in meinem Gepäck mit nach Hause in die fränkische Heimat nehmen würde. So wie ich damals vor über sechs Jahren der Sonntagsblatt-Mitarbeiterin Inge Wollschläger sagte: „Ich kenne meinen Platz. Letztendlich bin ich eine Gut-Lutherische Pfarrerin aus Franken.“ Eine Pfarrerin, die schon bald das schöne Bamberg ihre neue Heimat nennen und bei der Bundespolizei tätig sein darf.

Pfarrerin Miriam Groß