Andacht: Auf mehreren Schultern verteilt

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 

Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. 

Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.  Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie. 

Apostelgeschichte 6, 1–3.5–6

Krise in der jungen Christengemeinde? Ein Konflikt wird berichtet. Die „griechischen“ Witwen würden übersehen bei der täglichen Versorgung, lautet der Vorwurf. Das waren wohl die Frauen von Diasporajuden, die nach Jerusalem gezogen waren, um im Heiligen Land zu sterben. Die Frauen aber hatten keine Verwandten, die sich um sie kümmerten – sie gerieten in Not. In der jungen Christengemeinde hofften sie auf Unterstützung, die aber noch nicht organisiert war. So in etwa müssen wir uns das vorstellen. 

Lukas berichtet nun davon, wie schnell und wie umsichtig auf einen Notstand – Hunger – und auf ein Konfliktpotenzial in der Gemeinde – Herkunft – reagiert wurde. Zunächst kümmern sich die Apostel selbst um das Problem. Verkündigung und Organisation der Armenpflege führen aber zur Vernachlässigung des Wortes Gottes. Also müssen die Aufgaben verteilt werden. Und so werden sieben Armenpfleger bestellt. Die ersten Diakone, könnte man sagen. Bestellt werden sie aus der Gemeinde und durch die Gemeinde. Ganz demokratisch. Und dann werden sie für den Dienst eingesegnet. 

Ich finde das einen bemerkenswerten Vorgang. Zunächst der Konflikt, von dem das Ganze ausgeht: Die Versorgung von Menschen in Not. Die „griechischen“ Witwen haben nicht genug zum Leben. Also muss für sie gesorgt werden. Ich finde hier die gleiche Haltung wie in den Speisungswundern Jesu: Jesus predigt vom nahen Gottesreich, aber sorgt auch dafür, dass niemand hungrig gehen muss. Gottes Nähe erweist sich an Leib und Seele.

Was tut nun die Gemeindeleitung? Die Apostel sehen in ihrer Verantwortung für die junge, schnell wachsende Gemeinde, dass sie allein mit der Organisation aller Aufgaben überfordert sind. Ihre Lösung: Sie verteilen die Aufgaben auf mehrere Schultern. Paulus beschreibt das im Bild vom Leib mit den vielen Gliedern.

So lösen sie einen schwelenden Gruppenkonflikt. Sie tun das im Vertrauen auf Gott, mit Gebet und Handauflegen. Das Lebenspraktische ist zugleich geistlich. Das schafft Aufgabenverteilung und Teilhabe zugleich. Herkunft darf keine Rolle spielen. Denn vor Gott sind alle gleich wertvoll, egal woher sie kommen.

Ich kann mir nicht helfen: Mir fallen die Geflüchteten ein, die vor fünf Jahren zu uns kamen. Schnelle Hilfe war nötig. Sie wurde möglich, weil viele mittaten und sich kümmerten. Das Motto hieß: „Wir schaffen das“. Es ist eine Frage des Vertrauens und des guten Willens.

Dekan Uland  Spahlinger, Dinkelsbühl