Editorial: Immer wieder aufstehen

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Auf der Liegewiese im Schwimmbad sehe ich dem kleinen Mädchen zu. Es müht sich sehr, auf zwei kleinen, stämmigen Beinchen zu stehen und wackelig vorsichtig Schritt um Schritt über das kurzgemähte Gras zu machen. Die Mutter hält ihre Arme ausgebreitet. Manchmal schafft es die Kleine, ihr genau in die Arme zu laufen. 

Dann lachen sie beide vergnügt  und das Spiel geht von vorne los: sich aufrappeln, stehen, ausbalancieren und dann freudig Schritt um Schritt nach vorne. 

Es ist ein schöner Prozess, den ich an diesem Nachmittag beobachten kann. Mit jedem Umfallen, jedem Hinplumsen beginnt das Mädchen erneut. Unermüdlich steht sie wieder auf und wackelt weiter. Sie wird nicht ärgerlich oder weint vor Verzweiflung, weil sie diesmal nur zwei zaghafte Schritte geschafft hat. Aufgeben scheint keine Option zu sein. Voller Vertrauen steht sie ein ums andere Mal auf.

Dieses Vertrauen könnten wir alle gut gebrauchen. Dieses Vertrauen, dass tatsächlich Übung den Meister macht und das ein Hinfallen oder Straucheln nicht der Anfang vom Ende ist. 

Wir alle wollen gerne Misserfolge vermeiden. Und wenn wir was „vergeigen“ ist meistens sicherlich nicht das Erste was wir denken: „Ach – ist doch nicht so schlimm. Mach ich noch mal.“

Wir ärgern uns eher und sind frustriert, dass unser schöner Plan nicht so aufgegangen ist, wie wir uns das ausgedacht hatten.

Aber gerade der vermeidliche Misserfolg ist es, der uns weiterbringt. Erfolg gelingt durch Scheitern. Man scheitert sich quasi nach oben. Wie das kleine Mädchen, dass an diesem Nachmittag durch die vielen Hinplumser immer sicherer wurde. Immer aufrechter stand. 

Undenkbar, dass sie sich nach jedem Sturz hingesetzt hätte, aufgehört hätte, wie wir das so gerne machen wollen, wenn etwas nicht so geklappt hat, wie wir uns das vorstellten.

 Nein. Sie wollte es immer und immer wieder wissen. Ihre Übungen machten sie zur Meisterin des aufrechten Gangs. Die Kleine stand wieder und wieder auf, weil es ihr wichtig war. Vielleicht auch, weil der Keks in der Hand der Mutter sie anlockte. Dabei fand die ihre Balance und ihre Sicherheit. Das kleine Mädchen war an diesem Tag eine sehr gute Lehrmeisterin zum Thema „Aufstehen. Weitermachen. Freuen“.