Andacht: Die Größe seines Erbarmens

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Römer 11, 25–32

Was richtig anstrengend sein kann, sind verbohrte Menschen. Leute, die auf ihrem Standpunkt stehen und nicht mit sich reden lassen. Egal, was man sagt, man stößt auf taube Ohren und verstockte Herzen. Das fällt besonders auf, wenn es um Fragen geht, die sich nicht einfach mit Richtig oder Falsch beantworten lassen. 

Wer hat Recht im politischen Diskurs? Je nach Ansicht werden die Antworten sehr unterschiedlich ausfallen und auch manchmal un-versöhnlich nebeneinanderstehen. Oder welcher Weg führt am schnellsten aus der Krise? Keiner kann behaupten, er oder sie wüsste es genau. Die Wahrheitsfrage ist die allerschwerste. Das gilt auch für die Frage nach der wahren Religion.

Der Apostel Paulus quält sich mit den gleichen Fragen wie wir. Was ist mit der Rettung der Menschheit durch Christus, wenn einige oder viele ihn nicht als den von
Gott Erwählten anerkennen wollen oder können? Rettet Jesus auch die, die ihn nicht kennen oder nicht anerkennen wollen? Paulus, er ist selbst Jude, treibt damals die Frage um, ob und wie der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk bestehen kann. Seine Antwort ist eindeutig: Auch wenn sie Jesus nicht als den Gesalbten anerkennen, dennoch bleiben sie von Gott erwählt und geliebt. Wie Gott das einst auflösen wird, ist und bleibt seine Sache, bleibt sein Erbarmen. Klar ist, Juden wie Christen hat Gott seinen Segen verheißen.

Heute ist die Welt vielfältiger und unübersichtlicher geworden, auch religiös. Wenn der Anspruch Jesu bestehen bleibt, alle erlösen zu wollen, was ist dann mit denen, die ihn nicht kennen können, nie von ihm gehört haben oder sich mehr oder weniger mutwillig seiner Botschaft verschließen? Auch wenn es Menschen gibt, die vorgeben, hierauf eine Antwort zu haben, sollten wir vorsichtig sein. Wir kennen einerseits Gottes Gedanken nicht. Und andererseits wissen wir nichts von der Größe seines Erbarmens.

Wir wissen nur, dass wir beten dürfen: Gott, zeige sich all denen, die nach dir suchen. Amen.

Pfarrer Wolfgang Böhm

Fundraising-Manager (FA), Kirchenkreis Bayreuth

Lied 352:

Alles ist an Gottes Segen