Zwischen Vermessung und Verdichtung

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Landvermessung zur Gründung Wittelsbacher Städte
Manuskript zur Landesvermessung, Bertrand Boysset, um 1400-1415. Foto: © Carpentras, bibliothèque-musée Inguimbertine, Ms 327, fol 28v-29r, IRHT/HdBG

Landesausstellung zeigt ungewohnte Verbindungslinien in Wittelsbacher Gründerstädte

„Wir Beier“, so titulierte Wolfram von Eschenbach sein Publikum und sich in seiner berühmtesten Dichtung, dem „Parzival“. Da muss sofort jedes fränkische Herz bluten. Denn bekanntlich stammt der mittelhochdeutsche Dichter aus dem fränkischen Eschenbach, das sich stolz nach ihm in Wolframs-Eschenbach umbenannte. 

Doch ist diese Aussage „durchaus ernst zu nehmen“, meint Klaus Wolf im Ausstellungskatalog zur diesjährigen Landesausstellung „Stadt befreit. Wittelsbacher Gründungsstädte“. Wolf untersucht die Rolle der hochmittelalterlichen „Dichter an städtischen Höfen der Wittelsbacher“. Ein im „Parzival“ erwähnter Gönner könne am Hof der Wittelsbacher verortet werden. Gradlinig erscheinen die Verbindungslinien da nicht. Aber neuen Schwung brachten damals die Dichter an die städtischen Höfe der Wittelsbacher.

Für fränkische Betrachter ist diese Landesaustellung „Stadt befreit. Wittelsbacher Gründungsstädte“ gewöhnungsbedürftig.  Die Ausstellungsorte in Aichach und Friedberg lassen die fränkischen Reichsstädte genauso außen vor wie römische Gründungen und blicken gen Süden. Nur die ostfränkischen Städtegründungen der Andechs-Meranier ab dem 12. Jahrhundert finden als Gegenpol Beachtung. Dafür lässt sich auf 2022 freuen. Dann kommt die Schau nach Ansbach und zeigt „Typisch Franken“.

Doch hat die Landesausstellung auch mit weiteren Schwierigkeiten zu kämpfen und musste so klare Verbindungslinien verlassen. Schon ein Jahr vor der Eröffnung erwies sich der ursprüngliche Ausstellungstitel „Stadtluft macht frei“ als schwierig. Zu sehr erinnerte er plötzlich an das Nazimotto „Arbeit macht frei“. Direktor und Projektleiter der Landesausstellung bemühten sich um vermittelnde Gespräche und die Umbenennung. Nun erreichte sie die Schelte von Kollegen, gegen mittelalterliches Wissen eingeknickt zu sein. „Als Direktor eines Museums ist man aber nicht nur dem Ethos seiner Zunft verpflichtet, sondern auch seiner Institution und damit der Fürsorge für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichtet. Dass diese Entscheidung richtig war, hat sich seither erwiesen“, so Direktor Richard Loibl im Vorwort des Katalogs.

Nun also erst einmal die Wittelsbacher. Doch zeigt die Landesausstellung mehr als nur den Ausbau dynastischer Machtentfaltung. Sie setzt auch viele Akzente, wie sich das Lebensgefühl und kulturelles Selbstverständnis verdichtete. Mehr noch als Wolfram lässt sich sein Kollege Neidhart von Reuental gerade in seiner Frühzeit nach Landshut verorten. Hingegen wurde das Nibelungenlied im 13. Jahrhundert in Passau in einem mittelhochdeutschen Heldenepos verschriftlicht. Dort herrschte allerdings Bischof Wolfger von Erla, kein Wittelsbacher.

Gerade Linien und allzu durchgängige Symmetrie waren auch im Städtebau nicht gefragt. Das Lebensgefühl des Hochmittelalter lässt sich auch da nachspüren als gradlinige Vermessung. Die hoch- und spätmittelalterlichen Stadtgründungen in Bayern setzten ganz andere Schwerpunkte. Schon Landshut, 1204 eine der ersten Gründungen der Wittelsbacher nach Erhalt der Herzogswürde, zeigt dies Muster: der Verdichtung. Der Straßenmarkt ist vorrangiges Gestaltungselement dieser Stadt, aber noch nicht einmal gerade gezogen, sondern leicht geschwungen. Selbst die repräsentativsten Gebäude weisen keine durchgängige Straßenflucht auf: Sie sind unterschiedlich hoch, zueinander etwas verschoben, vorspringend oder zurückweichend. 

Alles Mangel an Gestaltungswillen? Oder sollte es rhythmisch schwingen? Achim Hubel betont in seinem Essay in dem Ausstellungskatalog die letzte Möglichkeit. Er zeigt auf, dass dadurch eine besondere Vitalität aufkommt und den Blick auf Details richtet. Es ergeben sich spannende Blickachsen gerade zu den Kirchen, die den Markt einfassen. 

Weitere Stadtgründungen vertiefen dies Schema. Mehr noch: Die auf der mittleren Platzachse stehenden Denkmäler und Brunnen verdecken sich nicht gegenseitig für einen Betrachter, der mitten auf dem Platz steht, sondern scheinen da nebeneinander zu stehen. Ähnliche manchmal überrasche Blickachsen zeigen auch poetische Verdichtungen jenseits traditioneller Grenzziehungen – auch für Menschen in Franken. Sie lassen sich anders vermessen, als wir es gewohnt sind. Susanne Borée

Ausstellung bis zum 8. November voraussichtlich täglich von 9 bis 18 Uhr im Wittelsbacher Schloss in Friedberg und im FeuerHaus in Aichach, Kombikarte regulär zu 12 Euro. Corona-bedingt kann es zu kurzfristigen Änderungen kommen, weitere Informationen online unter https://www.hdbg.de. Gleichnamiger Ausstellungskatalog 256 Seiten, ISBN 978-3-7917-3159-9.