Was hab ich mit Schokolade zu tun?

853
Yasmin Dillamar und ihre Tochter Wanda spielen gemeinsam. Foto: Wollschläger
Yasmin Dillamar und ihre Tochter Wanda spielen gemeinsam. Foto: Wollschläger

Über den täglichen Alltagsrassismus

Eine der frühsten Erinnerungen im Leben von Yasmin Dillamar ist ein Gespräch zwischen Passanten und ihrer Mutter, die mit dem Kleinkind Yasmin unterwegs war. Was sie da für ein süßes und goldiges Kind doch hätte und wo sie das denn her habe. Das Paar würde auch so was haben wollen. Als ihre Mutter sagte, dass das ihr Kind wäre und daher von ihr käme, drehten sich die Leute um und sagten im Weggehen nur ein einziges Wort „Pfui!“ 

Dillamar kennt alle Umschreibungen für sich als Kind – angefangen vom lieb gemeinten „Schokobaby bis hin zum Negerküsschen.“ Vertraut sind sie ihr mittlerweile als zweifache Mutter ihrer Kinder Lennox und Wanda. Als Kind hatte sie den Sprüchen wenig entgegenzusetzen. Heute spricht sie die Leute gezielt darauf an. „Ich frage dann oft: Was hat das mit Schokolade zu tun? Klar. Es kommt immer darauf an, wer es sagt. Aber ich werde nicht müde, immer wieder etwas dagegen zu sagen. Entweder ist das ein süßes Kind oder nicht. Bei einem weißen Baby gibt es keinen Vergleich. Es würde keinem in den Sinn kommen zu sagen: Dein Baby hat aber eine schöne Käsefarbe!“

Ihr wird dann häufig vorgeworfen, nicht so empfindlich zu sein. Dabei tut das ihrer Meinung nichts zur Sache: „Warum müssen Menschen andere Menschen nach solchen oberflächlichen Kriterien beurteilen? Ich würde nie auf die Idee kommen, immer wieder den Leuten unter die Nase zu reiben, wie sie aussehen. Wie dünn oder dick sie sind, – das sagt doch über die Liebenswertigkeit einer Person nichts aus!“ 

Alltagsrassismus da – nicht erst seit dem jüngst in den Medien gesehenen Erstickungstod von George Floyd durch einen Polizisten. Dem Eindruck der 38-jährigen Hebamme nach, nimmt er sogar zu. Immer mehr Hemmungen würden nach dem Motto fallen: Das wird man ja noch sagen dürfen. „Sätze, die früher tabu waren – seien es antisemitische Sprüche oder auch rassistische – fallen jetzt ganz ungeniert!“ 

„Sitze ich mit zehn Freundinnen am Tisch, bin ich die einzige, die gefragt wird, woher ich komme. Wenn ich dann sage: Aus Veitshöchheim, ist die Fragerunde noch lange nicht beendet: Denn nicht die Herkunft ist es, was die Leute interessiert, sondern die Hautfarbe.“ 

Sie bekommt oft den Tipp, es doch einfach zu überhören. Schließlich würde man es ja nicht böse meinen. Aber kann das eine gute Strategie sein? „Nein!“, sagt Dillamar bestimmt. „Wenn niemand was sagt, hört es nie auf. Es ist ähnlich wie bei sexuellen Übergriffen: Man hat es Frauen viele Jahre erzählt, dass es nicht böse gemeint ist, wenn man mal an den Hintern fasst. Wenn sich niemand dagegen wehrt, ist es eben in Ordnung und scheinbar normal, wenn solche Übergriffe stattfinden. Aber keiner sollte sich rechtfertigen müssen, wenn er etwas nicht möchte.“ 

Daher wird Yasmin Dillamar nicht müde, Menschen zu erklären, warum es sie verletzt, wenn man das Wort „Mohrenkopftorte“ nicht schön findet. Dabei hat sie dann oft erlebt, dass die Macher des Schokoladenkuchens mit rassistischem Namen beleidigt waren: „Wenn ich mich beispielsweise durch eine Wortwahl verletzt fühlt, warum muss ich es dann immer noch ausdiskutieren? Klar ist es vielleicht nicht böse gemeint. Aber warum kann man dem anderen nicht entgegen kommen und sagen: Okay.
Es verletzt dich. Dann versuche ich eben, andere Worte zu finden. Wenn man hier von Täter und Opfer sprechen will, ist es eine Täter-Opferumkehrung. Ich, als schwarzer Mensch, muss mich erklären, warum es mich verletzt. 

Von ihrer Mutter hat sie ein gelernt, sich abzugrenzen. Die Aufregung war vor ihrer Geburt groß im Dorf, als die Liebe zwischen der Veitshöchheimerin und einem afro-amerikanischen US-Soldaten begann. Der Beruf brachte es mit sich, dass Yasmin in den USA auf die Welt kam. Und ebenso, dass sie ein Jahr später wieder nach Unterfranken zogen. Im nahe gelegenen Würzburg mit den Kasernen für die Armee der USA hätten auch sie wohnen können. In dieser Stadt prägten die Amerikaner aller Hautfarben das Stadtbild. Aber die Mutter zog es in den kleinen Ort, unweit der Stadt. Und Yasmin war das erste schwarze Kind in ihrem Kindergarten. „Ich glaube, meine Mutter wurde dafür mehr angesprochen oder angefeindet als ich“, erinnert sie sich. „Ich war süß, schwarz und goldig. Meine Mutter jedoch war diejenige, die sich mit einem Schwarzen eingelassen hatte!“

Angst vor Übergriffigkeit kennt sie gut. Sei es, dass ihr oder ihren Kindern in der Straßenbahn ungefragt und unvermittelt in die Haare gegriffen wird, „um zu überprüfen, ob die echt seien“. Oder sei es, dass sie einen Urlaub abbrechen musste, weil es in dem Ort zu brenzligen Situationen mit Neonazis kam. Situationen, die beängstigend sind. Die aber auch oft nicht greifbar waren, um zur Polizei gehen zu können. 

Sie würde sich wünschen, dass Menschen sich über das Thema Alltagsrassismus Gedanken machen. Das beginnt mit der Wortwahl, „die durchaus ja auch anderes sein könnte. Nur weil sich die Sprachwahl über die Jahrzehnte etabliert hat, können wir sie ja dennoch weiterentwickeln – damit sie keine Menschen verletzt. Überhaupt wäre es hilfreich, wenn man sich in andere Menschen hineinversetzten würde: Wie wäre es für mich, wenn ich die oder der Einzige wäre, der nach seiner Herkunft gefragt werden würde. Wenn ich keine Wohnung fände, weil ich eine andere Hautfarbe habe. Wenn man sich in meiner Gegenwart weigert, rassistische Worte nicht zu überdenken.“

Verwundert stellt sie immer wieder fest, dass weiße Menschen, die natürlich all die Vorurteile und Fallstricke nicht persönlich durchleben, ihr sagen, dass es kein rassistisches Problem gibt. 

Alltagsrassismus ist immer noch gegenwärtig. Jeden Tag können wir ihm begegnen, wenn wir offenen Auges durch die Welt gehen. Wir lassen das Auto lieber bei einem Herrn Hofmann reparieren als bei einem Herr Okuwanga. Beide könnten uns übers Ohr hauen. Aber bei einem Herrn Hoffmann sagen wir wohl meist nicht den Satz: „… die sind halt so.“ Auch das ist Rassismus. Hilfreicher wäre es, sich selbst mit Misstrauen zu betrachten und zu schauen, wo man eben doch den Unterschied macht. Die vielen unreflektierten Muster stecken oft noch tief in uns weißen Menschen. Es nutzt Menschen wie Yasmin Dillamar wenig, wenn sie wissen, dass es meistens nicht böse gemeint ist.