Weltgeist im Dreischritt der Erkenntnis

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Klaus Vieweg: Hegel. Philosoph der Freiheit. Buchcover
Klaus Vieweg: Hegel. Philosoph der Freiheit. Buchcover

Lebenslinien in Gottes Hand: Hegels Weltprinzipien in der Wirklichkeit des Machtstaates

Die Leere blieb, nachdem das Feuerwerk der Freiheit verklungen war. Lässt sich so eines der gewaltigsten Denkgebäude der letzten Jahrhunderte zusammenfassen? Oder bleibt mehr – um all den großen Worten gerecht zu werden? Die Rede ist von einem der gewaltigsten Geister der Moderne: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) erblickte vor 250 Jahren das Licht der Welt. Nur wenige Monate jünger war er als sein Freund und Zimmergenosse Friedrich Hölderlin. Legendär ist ihre Zimmergemeinschaft mit dem etwas jüngeren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling im Tübinger Stift.  

Von dort brach der zerrissene und rastlose Hölderlin zu seinen sehnsuchtvollen, anrührenden und dunklen Versen und schließlich in geistige Umnachtung auf. Schelling, der Jüngste im Bunde, erlangte als erster mit ganzen 23 Jahren eine Professur in Jena. Dagegen erhielt Hegel angeblich bereits im Stift den Spitznamen „der Alte“. Er entwickelte seine Denksysteme nur langsam, dafür umso gründlicher: Die Sehnsucht nach dem Absoluten bestimmte sein Philosophieren – gerade wenn der Glauben nicht mehr gilt oder nur Zwang bedeutet. 

Welche Verbindungslinien und welche Trennwände konnte es zwischen einer endlichen, aber denkenden Person und dem Absoluten geben? Allein diese Vokabeln reichen aus, um alles weitere Denken zu erschlagen oder zu vernebeln. Doch für Hegel war das nur der Ausgangspunkt einer langen Reise: Der menschliche Geist war für ihn unterwegs zwischen Nichtwissen und Erkenntnis. Erst langsam lässt sich im Bewusstsein die Wahrheit freilegen. 

Fast genauso langsam entwickelte Hegel seine Gedankenwelten: Zunächst verdingte er sich als Hauslehrer. Dann lehrte er in Jena in enger Zusammenarbeit mit dem Freund Schelling. Er wurde Redakteur in Bamberg, dann Rektor am Nürnberger Aegidianum. 1818 erlangte Hegel die Professur und schließlich das Rektorat an der Berliner Universität.

In aller Prägnanz hat Richard David Precht im 2. Band seiner „Geschichte der Philosophie“ Hegels Denken zusammengefasst: Wie das Leben im Lebendigen durch den Tod negiert wird, haben sich These und Antithese für ihn in einer höheren Synthese vereinigt. Dieser gedankliche Dreischritt ist für Hegel wesentlich beim Gewinn von Erkenntnis. Ist er quasi ein Nachhall der Trinität Gottes? So komplex seine Gedanken sich dadurch entwickeln, so ist das die Voraussetzung für das Fortschreiten zu Erkenntnis. 

Dies nicht als persönlicher Erfahrungsprozess, sondern gleichermaßen als die Summe des Gedachten in einer Kultur und damit als Gegenstand der Geschichtsschreibung. Immer wieder kommt es dabei zu einer Entfremdung, also einer Aufspaltung des Denkens in Gegensätze. Dies sei aber eine Voraussetzung für die Entwicklung des menschlichen Geistes – nicht ohne mühsames Ringen und starke Erschütterungen: „Auf der Weltbühne kommt der Geist in einem großen Ringen zu sich selbst und endet grandios im absoluten Wissen“, fasst Precht zusammen. 

Nicht nur im Denken scheint es auf, sondern auch die vollendete Kunst vermittele eine Ahnung von dem, was der Geist nur erahnt. Dies geschähe gar in der Religion, sie hat gleichfalls eine „festgelegte Rolle im großen Schauspiel der Selbstbewusstwerdung des Geistes“. Ist Gott der Hegelsche Weltgeist?

Doch geschieht bei Hegel diese Bewusstwerdung eben nicht als Offenbarung, sondern als fortwährende denkerische Leistung der Eliten. Nicht nur der Verstand kontrolliert die individuellen Neigungen, sondern im vollendeten Staat verschmelzen die Einzelwillen mit dem Allgemeinwillen. 

Das war dann bei Hegel gerade der Staat, in dem er selbst seine Vollendung als Autorität als Professor der Berliner Universität erfuhr: der preußische Staat der Restauration nach 1815. Hegels fast unangreifbare Begriffssysteme verschlossen sich gegen jedwede Kritik, so Precht. „Dass das, was gut für den Einzelnen ist, auch gut für den anderen ist, setzt einen vernünftigen Staat voraus – eben den preußischen wirtschaftlich erfolgreichen, indem sich schon erste Anknüpfungspunkte zu einem Mystizismus fanden, der ausgerechnet das Germanentum hochlobte.“

Zwang oder Freiheit?

Klaus Vieweg hingegen entdeckt in seiner neuen, umfangreichen Biografie Hegel als „Maulwurf“, der den preußischen Machtanspruch geschickt unterwanderte. Dies gelang ihm, ohne sich angreifbar zu machen, wobei die „allgemeine Freiheit“ den Endpunkt des Hegel‘schen Denkens gebildet habe. 

Vieweg sieht Hegel da „in Opposition“ sowohl zur „restaurativen Hofpartei als auch zu den nationalistischen und fremdenfeindlichen Vertretern“. Sein Doppelsatz in der Vorrede der Rechtsphilosophie „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ sei ein virtuoses Versteckspiel. Nicht das Vorgefundene, sondern die Vernunft sei der Maßstab für das Recht. 

„Sie zeichnet die philosophischen Grundlinien des freien Handelns in der modernen Welt, begründet die Gedanken der Gerechtigkeit und des sozialen Staates.“ Sicher wollte er „den Staat als höchste Form des freien Wollens aus dem begreifenden Denken begründen“. Aber nicht des realen preußischen Staates, sondern als „Idee auf der höchsten Stufe der sittlichen Wirklichkeit“ als „vernünftige Gemeinschaft von Willenssubjekten“ die Gerechtigkeit, Verantwortung, Freiheit und Gleichheit gegen Überwachung und Regulierung wertschätzen. Hegel soll immer am 14. Juli auf die Französische Revolution ein Gläschen erhoben haben.  Ein vollendeter Bürger ist aber der gebildete Familienvater.

Wie passt beides zusammen? Seine Sprache ist so schwer zu durchdringen. Freiheit kann jedenfalls ohne Verstand bei ihm nicht sein. „Was vernünftig ist, muss sein“, soll er dem jungen Heinrich Heine erklärt haben. Setzt sich wirklich die Vernunft durch? Schwierig wird es, wenn Einzelwillen – wie wir es bei ‚Wutbürgern‘ erleben – und Allgemeinwillen wie im Nationalstaat wider besseres Wissen nicht vernünftig sind. Hier ist schon die stufenweise Entwicklung spürbar, die Hegel-Schüler Karl Marx dann als geschichtliches Voranschreiten der menschlichen Gesellschaft ganz diesseitig wendet. Aber ist der Entwicklungsgedanke vom Paradies über das irdische Jammertal, die Offenbarungen Gottes in seinem Volk und Jesus Christus, dessen Tod, Auferstehung und der Wiederkunft im Endgericht christliches Gut. Trotz starkem Ringens und großer Worte bleibt bei Hegel Hoffnung, die Leere zu überwinden.

Richard David Precht: Erkenne dich selbst. Eine Geschichte der Philosophie, Band II (vor allem Seiten 546–558 +582–621), Goldmann 2017, ISBN 978-3-442-31367-9, 672 S., 24 Euro.

Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit. Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2019, 824 Seiten, ISBN 978-3-4067-423-54, 34 Euro.