Dankt dem Herrn für den Tag der Befreiung

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Jubelnde Häftlinge kurz nach ihrer Befreiung. Foto: epd/F
Jubelnde Häftlinge kurz nach ihrer Befreiung. Foto: epd/F

Vor 75 Jahre befreiten die Amerikaner die Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg

„Lasst uns beten, Brüder“, so rief einer der uniformierten Befreier auf Englisch. Dies blieb Joseph Rovan unauslöschlich im Gedächtnis. Er war als Mitglied des französischen Widerstands ab Sommer 1944 in Dachau inhaftiert. Am 29. April 1945 befreiten die Amerikaner das Konzentrationslager dort – gut drei Monate nach Auschwitz. Rovan weiter: „Das schmiedeeiserne Tor stand weit offen. Einer der Amerikaner rannte auf dem Balkon und rief: ,Lasst uns dem Herrn danken für diesen Tag der Befreiung. Nochmals hat er Israel, sein Volk, aus Pharaos Ägypten herausgeführt‘. Dieses unerwartete Gebet trieb mir die Tränen in die Augen, es war so unpassend und wunderbar zugleich, zu schön, um wahr zu sein.“

So hat es die Dokumentation zum „Virtuellen Gedenken 75 Jahre Befreiung des KZ Dachau“ belegt. Das Konzentrationslager Flossenbürg erreichten amerikanische Soldaten bereits am 23. April. Doch sie fanden nur noch 1.500 schwerkranke Gefangene vor. Der ehemalige Häftling Leo Mistinger aus Österreich erinnert sich so an den Tag der Befreiung: „Und mir sind die Tränen heruntergeflossen … weil ich jetzt das Gefühl gehabt habe, jetzt gehe ich heim, jetzt habe ich das überstanden und gehe heim.“

Erst zwei Wochen zuvor waren dort noch, wie berichtet, Dietrich Bonhoeffer und seine Mitstreiter hingerichtet worden. Viele andere Gefangene hatte die SS noch auf Todesmärsche gezwungen.

Diese begannen bereits ab Mitte 1944: Als die Alliierten vorrückten, trafen ständig neue Transporte in den bayerischen Lagern ein. Dorthin drangen die Alliierten erst spät vor. Die Bewacher der Todesmärsche erschossen viele der erschöpften Häftlinge, wenn sie nicht mehr weiter konnten. Daneben ertrugen Unzählige von ihnen Kälte, Hunger oder Erschöpfung nicht mehr.

Auch viele Bürger der Orte, an denen die Todesmärsche vorbeikamen, übten Gewalt gegenüber Häftlingen aus. Nur wenige versuchten den ausgemergelten Gefangenen Essen zuzustecken. „Der Anblick der Kolonnen abgemagerter Menschen wurde vielmehr als Zumutung empfunden. Man wollte damit nichts zu tun haben und die Zuständigkeit für die notleidenden Menschen schnellstmöglich an die nächste Gemeinde weitergeben“, so die Dokumentation der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte.

In Dachau verschlimmerten sich die bereits unerträglichen Lebensbedingungen mehr und mehr. In Schlafräumen, die für rund 50 Personen vorgesehen waren, wurden 300 Menschen hineingepfercht. Die Essensrationen und die medizinische Versorgung waren völlig unzureichend. Die unerträgliche Hygiene bot den idealen Nährboden für Flecktyphus und weitere Seuchen.

Noch in der Nacht vom 27./28. April 1945 erreichte ein Zug mit 40 Güterwaggons mit Häftlingen Dachau. Er hatte bereits 20 Tage zuvor das KZ Buchenwald verlassen. Bei einem Zwischenhalt des Zuges hatten die Bewacher ein Massaker angerichtet. Als er in Dachau ankam, befanden sich im überfüllten Zug mehr als 2.000 Leichen. Die Überlebenden brachte die SS noch ins Lager, die Leichen ließ sie in den Waggons. Diesen Zug entdeckten die amerikanischen Befreier am 29. April als erstes, als sie sich dem Lager näherten. „So etwas Schlimmes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen und hoffe es auch nicht mehr zu sehen. Dabei habe ich den ganzen Krieg mitgemacht“, so der amerikanische Soldat Georg Stefan Troller. Ihm war noch die Flucht aus Wien gelungen.

Im Lager selbst waren 32.000 Menschen zusammengepfercht. Die Häftlinge hörten bereits in den Stunden vor der Befreiung den Gefechtslärm. Doch beherrschte sie die Angst, noch kurz vor der Befreiung ermordet zu werden. Es blieben jedoch nur wenige SS-Wachmänner im Lager. Einige von ihnen versuchten sich in Häftlingskleidung zwischen die Gefangenen zu mischen. Sie wurden meist sofort erkannt. Einige US-Soldaten erschossen auch nach ihren Erlebnissen vom Leichenzug Wachmänner, nachdem sie sich ergeben hatten. Ihr Kommandeur warf sich aber schnell dazwischen.

Auch im Lager lagen überall tote Häftlinge. Leichenberge türmten sich vor den Krematorien, denen seit Februar das Brennmaterial ausgegangen war. Viele Überlebende waren mehr tot als lebendig. Noch rund 2.000 von ihnen starben nach der Befreiung an den Seuchen und an den Spätfolgen des Hungers.

Bis Anfang Mai konnten auch die letzten Häftlinge auf den Todesmärschen die Befreiung erleben. Zuletzt erreichten die Amerikaner am 6. Mai 1945 die Häftlinge im SS-Berghaus am Sudelfeld bei Bayrischzell.

Die Amerikaner ließen viele Dachauer Bürger die Greuel ansehen. „Da kam eine Frau auf mich zu und sagte: ,Das hättet ihr uns auch nicht antun brauchen‘“, erinnert sich Georg Stefan Troller. „Die Täter empfanden sich bereits als Opfer, und das habe ich später hundertfach erlebt.“

Pfarrer Björn Mensing von der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist es aus eigenem Erleben wichtig, sich mit der Geschichte der eigenen Familie in der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Der Überlebende Max Mannheimer sagte oft zu Schülern bei den Zeitzeugengesprächen: „Ihr seid nicht dafür verantwortlich, was damals geschah, aber was heute im Land und auf der Erde geschieht“, das ist Mensing wichtig.

Zu diesem Jahrestag kann nur ein ökumenisches Gedenken ohne anwesende Gemeinde auf Deutsch und Englisch in der Versöhnungskirche geschehen, das am 29. April um 17 Uhr online geht. Ein Link zum Video findet sich dann auf www.versoehnungskirche-dachau.de. Es singt wieder Sophie Aeckerle, die an der Video-Andacht zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer und Georg Elser am Gründonnerstag beteiligt war. Zudem wirken neben Björn Mensing der Pastoralreferent Ludwig Schmidinger für die KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und Diakon Klaus Schultz mit.

Unter anderem verlesen sie die Erlebnisse von Joseph Rovan. Er überlebte. 1918 kam er in einer evangelischen Familie jüdischer Herkunft unter dem Namen Rosenthal in München zur Welt. Nach 1933 floh die Familie nach Frankreich. Um sich und seine Familie vor dem Holocaust zu retten, fälschte er nach 1940 Dokumente und schloss sich dem Widerstand an. Im Februar 1944 wurde er verhaftet und kam im Sommer 1944 ins KZ Dachau.
Nach der Befreiung kehrte Joseph Rovan nach Frankreich zurück und arbeitete weiter als Journalist, Politikberater und Dozent. Immer wieder rief er seine Landsleute zur Versöhnung mit den Deutschen auf: „Je mehr unsere Feinde die Züge des menschlichen Gesichts ausgelöscht haben, umso mehr müssen wir diese in ihnen selbst respektieren, ja sogar verschönern.“ 

Eine eindrückliche, wenn auch teils schwer erträgliche Dokumentation der Befreiung findet sich auch unter https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/24-stunden-dachau-100.html