Entdeckungen im Spiegel der Schöpfung

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Editorial von Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Wo ist der Spiegel, der jedem sein wahres Gesicht zeigt? In einem berührenden Märchen begeben sich zwei junge Frauen auf der Suche danach. Auch nachdem sie sich getroffen haben, müssen sie viele Abenteuer erleben – nur den Spiegel ihrer Sehnsucht finden sie nirgendwo.

Auch Gott scheint einen solchen Spiegel zu benötigen – jedenfalls in dem schmalen, aber poetischen Bändchen von Rafik Schami. Dort begibt sich der Herr selbst auf Entdeckungsreise: „Wie sehe ich aus?, fragte Gott“ seine Schöpfung. Dieses Büchlein (ISBN 978-3-86921-263-0) ist gerade neu herausgekommen. Er fragt die Wolke und den Regenbogen, den Schmetterling, den Fisch und die Blumen. Die Wolke weiß sich von guter Hand bewegt und die Maus geschützt. 

In jedem Geschöpf spiegelt sich eine Facette Gottes, so der Dichter Rafik Schami aus Syrien, der  schon seit beinahe einem halben Jahrhundert in Deutschland lebt. In seinen Werken hält er uns ebenfalls einen poetischen Spiegel vor.

Am Ende fragt Gott ein kleines Mädchen und einen alten Maler: Ist er wirklich auch wie ein wild spielendes Kind oder das Selbstporträt des Künstlers? Da beginnt der Schöpfer doch tatsächlich an seinem Werk zu zweifeln!

Zeigt sich in diesem Spiegel sein wahres Selbst? Und wo finden es die Mädchen auf ihrer Entdeckungsreise? In den Augen des Gegenübers. Aber wenn diese verschattet sind, leer geworden und von Zorn, Unachtsamkeit oder Eitelkeit getrübt? Was lässt sich in einem solchen Spiegelbild dann finden? 

 Vieles gibt es zu entdecken, vor der eigenen Haustür. Gerade kleine Dinge spiegeln auch uns viel mehr wieder als große Abenteuer. Gerade jetzt, vor den Sommerferien, haben wir uns auf Spurensuche begeben. Das Evangelische Sonntagsblatt hat nachgeschaut, wie sich das Projekt zu den Markgrafenkirchen in Oberfranken entwickelt hat (Seite 7). 

Ihre besondere Atmosphäre spüren wir in vielen kleinen, aber feinen Details: Einer Geste, dem Gesichtsausdruck einer der barock geschnitzten und bunt bemalten Figuren. In ihnen oder in Poesie, die zu Herzen geht, lassen sich ansonsten unsichtbare, aber spürbare Gestalten des Lebens wie die Sehnsucht, die Liebe oder Achtung erspüren. Machen Sie sich ebenfalls auf den Weg! 

Das wünscht Ihnen