Andacht: Das Tor der Freiheit

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Wenn sich Kinder ihre Gedanken zu biblischen Geschichten machen und zu Papier bringen, wenn sie mit Füller und Buntstift alte Texte zum Strahlen bringen, dann entsteht Erstaunliches, nämlich „Kindertheologie“. Wir besprachen in einer 5. Klasse den Auszug der Israeliten aus Ägypten (Predigttext 5. Mose 7, 6–12).

Ein Schüler, ich nenne ihn Samuel, malte unseren Predigtkontext (siehe Bild) und lieferte sogar gleich noch mehrere Entwürfe nach. Tastend, neugierig aber zielgerichtet malt er die Sklavenarbeiter mit ihrem Anführer Mose, wie sie das Land der Pyramiden hinter sich lassen und durch das Tor der Freiheit ins Weite gehen.

Klein hat er sie gemalt; wie Ameisen wirken sie neben den gewaltigen Bauwerken und der ägyptischen Großmacht der damaligen Zeit; doch in Gottes Augen sind sie groß und bedeutend, ja wertvoll, auserwählt und heilig.

Als wollte der kleine Künstler sagen: So kehrt Gott auf einmal alles um und verspricht den bisher so Kleinen und Unterdrückten eine große Zukunft unter seinem Schutz und Segen. Dass viel Wüste und lauernde Gefahren – unten warten schon Skorpione – Samuels Bild prägen, zeigt umso mehr, wie der Schüler den langen schweren Weg eines Menschenlebens (un-) bewusst ins Bild gesetzt hat.

Samuel, der selbst in jüdischer Tradition aufwächst, hat, so staune ich, in beeindruckender Weise die Botschaft dieser alten Geschichte, die wie keine andere das Selbstverständnis der Juden ja des gesamten Judentums symbolisiert, verstanden und mit dem Freiheitstor künstlerisch umgesetzt. Ist es nicht Gottes Wille jeden Menschen durch das Tor der Freiheit zu führen? Im Rahmen seiner großen Liebesgeschichte mit jeder und jedem einzelnen Menschen aus Abhängigkeiten, Angst und Unfreiheiten zu führen? 

Wir können uns gegenseitig gar nicht oft genug ermutigen auf diesem Weg zu bleiben, uns in Liedern, Bilder und Texten an das Tor und den Weg der Freiheit erinnern. 

Unser Kirchenjahr erscheint mir so mit all seinen Festen und Feiertagen als regelrechter Parcour an Erinnerungs – und Freiheitstoren. Wie auch jüdische Glaubensgeschwister in aller Welt, die Gottes Befreiung und seinen Bundesschluss besingen und feiern und als Dank das Gute tun und Lebensregeln einhalten, sind auch wir eingeladen den Weg des Glaubens im Licht des auferstandenen Christus zu gehen und uns an seine Regeln und Gebote erinnern wenn wir täglich durch das Tor in die Freiheit gehen dürfen – in Verantwortung vor Gott und in Verantwortung für die Welt, die uns oft voller Unfreiheiten in Gesellschaft und Politik erscheint. Dazu ermutigt, ja beflügelt uns gerade das Gespräch mit den Kindern. 

Pfarrer Johannes Matthias Roth, Schulpfarrer, Nürnberg

Gebet: „Danke, Du in die Freiheit führender Gott, für Dein Versprechen, bei deinen Menschen zu sein; lass uns mutig und stark sein, dass wir in Freiheit verantwortlich füreinander eintreten. Amen.

Lied 628: Ich lobe meinen Gott, der