Als Christen im Untergrund halfen

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Sklaven auf der Flucht aus dem Süden in die Freiheit im Norden der USA.Eine zeitgenössische Darstellung. Foto: Bek-Baier
Sklaven auf der Flucht aus dem Süden in die Freiheit im Norden der USA.Eine zeitgenössische Darstellung. Foto: Bek-Baier

Gettysburg und die Befreiungsbewegung der „Untergrundbahn“, Teil 2

Gettysburg lag an der Grenze zwischen Sklavenhalterstaaten und dem Norden, in dem Sklaven frei leben konnten. Prominente Gettysburger wie der Leiter des Lutherischen Seminars, Pastor Samuel Simon Schmucker, waren als Gegner der Sklaverei bekannt. Christen verschiedener Gettysburger Gemeinden halfen freiheitssuchenden Sklaven, die die Region durch das Netzwerk der „Underground Railroad“ – die sogenannte „Untergrund Eisenbahn“ nutzten. Nicht ohne erhebliche Gefahren für Hilfesuchende wie für Helfende.

Gettysburg liegt in Adams County, genau an der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten. Hier spürten die Bewohner – weiße wie afrikanischstämmige – den Konflikt um die Sklaverei (Sonntagsblatt 32) nicht nur stärker als andernorts, sie waren eng eingebunden. Südlich des Countys (etwa Landkreis) verläuft die Grenze zu Maryland, einem der Staaten, in dem Sklaverei noch bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) erlaubt war. 

Kulturelle Grenze

Der Begriff „Mason-Dixon-Linie“ wird bis heute für diese kulturelle Grenze zwischen den Nord- und Südstaaten verwendet, vor allem mit Bezug auf die Frage der Sklaverei. Deshalb lebt in den Staaten südlich dieser Linie noch bis heute ein Großteil der afroamerikanischen Bevölkerung der USA, die sich dort nach dem Ende der Sklaverei gegen verbreitete Unterdrückung und Diskriminierung zur Wehr setzen musste. Zum Teil schwelt der Konflikt bis heute.

In einigen Südstaaten war es illegal, einem versklavten Afroamerikaner die Freiheit zu gewähren, die sogenannte Manumission. Adams County war daher nicht nur für freiheitssuchende Afroamerikaner, sondern auch für Südstaatler, die einen Sklaven befreien wollten ein Anlaufpunkt. Der Besitzer der Sklavin Kitty Paine zog zu diesem Zweck von Virgina nach Gettysburg und kehrte nach nur sechs Monaten nach Virginia zurück. 

Im Jahr 1831 kam Francis Scott Key, Autor der heutigen Nationalhymne „Star Spangled Banner“, nur für einen Tag nach Gettysburg. Key erschien vor einem Friedensrichter, befreite seinen Sklaven Clem Johnson, zeichnete die Tat im Bezirksgericht auf und kehrte nach Baltimore zurück. Einem Bericht zufolge blieb Johnson als freier Diener bei der Familie Key.

Für Afroamerikaner stellte die Mason-Dixon-Linie oft die erste Schwelle zur Freiheit dar. Aber flüchtige Sklaven konnten nie sicher sein, ob ein Nordstaatler ihnen helfen oder sie verraten würde; Freie Afro­amerikaner könnten nie sicher sein, ob ein weißer Nachbar sie entführen und über die Grenze in die Knechtschaft zurückbringen würde.

Eine ständige Gefahr

Die Grenze bot den sogenannten „Catchern“ (Fängern) große finanzielle Anreize. Für jeden entkommenen Sklaven, den sie zurück brachten, erhielten sie Hunderte Dollar Kopfgeld. Da die Grenze so nah war, waren entkommene Sklaven und sogar freie Afroamerikaner in Adams County ständig der Gefahr von Hinterhalten und Entführungen ausgesetzt. Das musste Mag Palmer erleben. Palmer, eine freie Afroamerikanerin in Gettysburg, wehrte erfolgreich drei Männer ab, die versuchten, sie in einen wartenden Wagen zu stoßen. Kitty Paine, die ehemalige Sklavin aus Virginia, die seit ihrer Freilassung im Adams County lebte, hatte nicht so viel Glück. Mitten in einer Julinacht umstellten fünf Männer ihr Haus, fesselten Kitty und ihre Kinder und brachten sie über die Grenze nach Süden in die Sklaverei.

Underground Railroad

Adams County war auch wegen seinem Straßennetz, das in alle Richtungen führt, Ziel für flüchtige Sklaven, die nach Norden zogen, um in der „Underground Railroad“ Zuflucht zu suchen. Dieses geheime Hilfs-Netzwerk wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts „Untergrund-
Bahn“ nach dem zunehmend populär werdenden Eisenbahn-Schienen-Verkehr so genannt.

Es war ein informelles Schleuser-Netzwerk von einzelnen Personen, die afroamerikanische Freiheitssuchende auf ihrer Flucht nach Norden in Sicherheit führten und versteckten. Über geheime Routen, Schutzhäuser, mit Unterstützung von Fluchthelfern und verschlüsselter Kommunikation gelang es, zwischen 1810 und 1850 etwa 100.000 von ihnen zu befreien.

Einem flüchtigen Sklaven zu helfen war gefährlich und illegal, aber viele Menschen in Adams County, sowohl Afroamerikaner als auch Weiße, waren bereit das Risiko einzugehen.

Durch ihre feste Überzeugung gegen die Sklaverei, waren Gettysburger, wie der Lutheraner Samuel Simon Schmucker und der Anwalt Thaddäus Stevens bekannt in der Gemeinde und dienten wohl so manchem Gettysburger als Vorbild. 

Der Anwalt Thaddeus Stevens, verteidigte mehrere Flüchtlinge vor Gericht und erlangte für einige die Freiheit. 1842 wurde er in den Kongress gewählt und vertrat dort die Sache der Union, setzte sich für die Befreiung der Sklaven und für die Kriegsanstrengungen der Union ein.

Im Jahr 1840 gab es in Adams County fast 700 freie Afroamerikaner. Bis 1860 war die Zahl auf weniger als 500 gesunken. Einige Bewohner – afroamerikanische und weiße – wie Matthew Dobbins, Basil Biggs und Mag Palm unterstützten freiheitssuchende Sklaven, die das County durch das Netzwerk der Underground Railroad passieren wollten. Da dies geheim gehalten werden musste, gibt es folgerichtig wenig schriftliche Überlieferungen. Berichten zufolge, leistete auch Pastor Samuel Simon Schmucker im Lutheran Seminar Hilfe für Freiheitssuchende.

„Maggie Bluecoat“

Doch einige Namen tauchen immer wieder auf, wenn es um das Netzwerk der Underground Railroad geht. Die oben erwähnte Mag Palmer, wohnte mit ihrem Mann Alf in einer Hütte auf einer Farm. Sie hatten einen kleinen Sohn namens Joseph. Mag verdiente ihren Lebensunterhalt damit, Böden zu schrubben und Kleidung für weiße Bürger zu waschen. Aber sie führte ein Doppelleben. Eingeweihte nannten sie auch „Maggie Bluecoat“, wegen des langen blauen Militärmantels, den sie trug, während sie entlaufene Sklaven durch die U-Bahn führte. Doch musste diese geheime Identität aufgeflogen sein. Im Jahr 1858 überfielen zwei Sklavenfänger Mag in einer dunklen Gasse. Sie wehrte sie ab und erstattete Anzeige. Sie ließ sich sogar fotografieren und zeigte, wie sie versuchten, ihr die Hände zu fesseln. Die Männer kamen frei, aber niemand versuchte jemals wieder, sie zu entführen.

Ein anderer, der ein Doppelleben führen musste, war Henry Butler, der als „Schaffner“ der Underground Railroad bekannt wurde. Er war einer der vielen afroamerikanischen Einwohner von Gettysburg, die als Führer fungierten. Oder James McAllister der eine Mühle am Rock Creek südlich von Gettysburg besaß. Als Gründer der Adams County Anti-Slavery Society versteckte McAllister in den 1850er Jahren mehr als 100 flüchtige Sklaven unter dem Boden seiner Mühle. 

Auch William und Phebe Wright, fromme Quäker, boten in ihrem Haus in York Springs einen Zufluchtsort für afroamerikanische Flüchtlinge. Im Oktober 1827 entkam ein versklavter Afroamerikaner seinem brutalen Herrn in Hagers­town, Maryland. Als er von Sklavenfängern überfallen wurde, entkam er ein zweites Mal und fand Unterschlupf bei der Familie Wright. In den nächsten sechs Monaten brachten ihm die Wrights das Lesen und Schreiben bei. Unter dem falschen Namen James W. C. Pennington reiste er nach Norden nach New York City und dann nach New Haven, Conneticut. Dort besuchte er als erster Afroamerikaner die Yale University. Danach machte sich Pennington als Autor und Abolitionist einen Namen, nahm 1843 an der Weltkonvention gegen Sklaverei in London teil und half 1841 bei der Gründung der Union Missionary Society, um aus dem zur traurigen Berühmtheit erlangten Sklavenschiff „Amistad“ befreiten Afrikanern bei der Rückkehr nach Afrika durch die Begleitung von Missionaren der Gesellschaft zu helfen. Bei dem Prozess war es darum gegangen, ob die gefangenen Afrikaner auf der „Amistad“ Besitz des Schiffseigner waren oder entführte freie Menschen.

Da eine beträchtliche Anzahl freier Afroamerikaner in Gettysburg und Adams County lebten, gründeten sie im Jahr 1838 eine Gemeinde der African Methodist Episcopal Church, der Afrikanischen Methodistischen Episcopal Kirche (AME).

Der spätere Leiter der örtlichen AME, Basil Biggs, wurde als freier Afroamerikaner in Maryland geboren. Er war erst vier Jahre alt, als seine Mutter starb. Er zog mit seiner Familie 1858 nach Gettysburg, wo sie auf einer Farm lebten. Er wurde Mitglied der AME. Auch von ihm heißt es, er habe entlaufene Sklaven entlang der Underground Railroad geführt. Nach der Schlacht von Gettysburg wurde Biggs beauftragt, die Leichen von Unionssoldaten auszugraben und auf den neuen Soldaten National Friedhof zu überführen.

Befreiung mit Waffengewalt

John Brown ist die umstrittendste Figur in der Geschichte der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Seine Geschichte und sein Schicksal spalteten die USA wie vorher keine andere. Während Christen wie der Lutheraner Schmucker die gewaltfreie Auflösung der Sklaverei anstrebten, und eine Lösung von staatlicher Seite erhofften, setzte Brown auf Waffengewalt. 

Am 16. Oktober 1859 eroberten Brown und 21 Anhänger aus Kansas die Waffenkammer der Vereinigten Staaten, die sich im Ort Harpers Ferry, Virginia, südlich der Madison-Dixon-Linie befand. Sein Plan, Sklaven im gesamten Süden zu befreien, hatte begonnen. Sie befreiten kurzfristig einige Sklaven und nahmen 39 Sklavenbesitzer als Geiseln gefangen. Drei Einheimische kamen ums Leben. 

Sechsunddreißig Stunden später nahmen US-Marines Brown im Feuerwehrhaus gefangen. Der Überfall war beendet. Brown wurde des Hochverrates, des Mordes und der Aufstachlung von Sklaven zum Aufstand für schuldig befunden und zum Tode durch Erhängen verurteilt. Zufall oder Ironie der Geschichte: Angeführt wurden die Bundes–truppen durch den späteren Südstaaten General Robert E. Lee. Er stammte aus Virginia, eine Tatsache, die zudem Öl ins Feuer der aufgeregten Debatte goss.

Browns Schicksal schaffte es auf die Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Von einigen als Märtyrer, von anderen als Verrückter bezeichnet, löste er im ganzen Land leidenschaftliche Diskussionen aus. Die Kontroverse um die Sklaverei und der Spalt durch die amerikanische Bevölkerung vertieften sich durch John Browns Angriff und seinen Tod und trug schließlich zur Verschärfung des unversöhnlichen Verhältnisses zwischen Nord und Süd bei, das 1861 zum Amerikanischen Bürgerkrieg führte.

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