Zur Hilfe „sind wir doch verpflichtet“

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Sturzflut im Allgäu. Notquartiere im Gemeindehaus Günzburg vorbereitet. Fotos: Heidl (Diakonie Allgäu) und Gemeinde Günzburg
Sturzflut im Allgäu. Notquartiere im Gemeindehaus Günzburg vorbereitet. Fotos: Heidl (Diakonie Allgäu) und Gemeinde Günzburg

Auch nach dem Hochwasser: Unterstützung für Betroffene darf nicht nachlassen

„Der Schock sitzt bei vielen Betroffenen tief. Jetzt zeigt sich das ganze Ausmaß der Katastrophe“, so Manuela Walcher, Bereichsleiterin der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit (KASA) bei der Diakonie Allgäu in Memmingen. „Viele Häuser und Firmengebäude wurden stark beschädigt oder unbenutzbar, Heizung und Mobiliar sind teils zerstört. Der Schaden geht für die Einzelnen oft in die Zigtausende. Nicht selten ist dies existenzbedrohend.“ Die Menschen stünden nun vor riesigen Anstrengungen: „Neben ganz praktischen Dingen und der Herausforderung in einen geregelten Alltag zurückzufinden, müssen sie sich nun um viele Formalitäten kümmern.“

Das Gefühl der Hilflosigkeit zeigte sich besonders in Babenhausen im Unterallgäu, berichtet Manuela Walcher weiter. Das Wasser kam so schnell, dass die Menschen nur sich selbst retten konnten.

Beim Ausfüllen von Anträgen biete die KASA der Diakonie Allgäu e.V. nun „schnelle und unkomplizierte Hilfe“ an. Daneben können Menschen gerne kommen, die einfach über das Erlebte sprechen wollen. Die Unterstützung ist kostenlos und streng vertraulich. Sie steht allen Hilfesuchenden offen – auch unabhängig von der religiösen Ausrichtung. Die Anlaufstellen befinden sich in Babenhausen, Memmingen, Mindelheim und Bad Wörishofen. Eine telefonische Terminvereinbarung wird empfohlen (Öffnungszeiten und Kontaktdaten der einzelnen KASA-Büros dort unter https://www.diakonie-allgaeu.de).

Auch die bayerische Diakonie-Präsidentin Sabine Weingärtner erklärte: „Die Diakonie will bei der Bewältigung der akuten Notlagen der betroffenen Haushalte helfen und die Menschen so gut wie möglich begleiten. Wir sind darum für jede Unterstützung dankbar.“ Die Diakonie Bayern steht seit Beginn des Hochwassers in engem Austausch mit den betroffenen Landkreisen, der evangelischen bayerischen Landeskirche und der Diakonie Katastrophenhilfe in Berlin. Weingärtner begrüßte die Entscheidung des bayerischen Kabinetts, mindestens hundert Millionen Euro als Soforthilfe für die Bewältigung der Flutkatastrophe zur Verfügung zu stellen. 

Nach der Flut im Ahrtal stand ein Topf der Bundesregierung mit 30 Milliarden Euro zur Verfügung. Knapp drei Jahre nach der Flut dort ist immer noch nicht alles wieder wie früher. Ausbezahlt wurde nur ein Bruchteil der Hilfen – vielfach aufgrund bürokratischer Hemmnisse. Zunächst war ein oft zeitaufwendiger Briefwechsel mit ihren Versicherungen nötig. Bestand keine, so mussten die Gründe geklärt werden.

Sturzfluten in Bächen

Besonders überraschend traf die Flut diesmal die Menschen an ansonsten so harmlosen Bächen wie die Günz oder Mindel. Sie wurden durch den Starkregen kurzzeitig zu reißenden Strömen. Die Kirchengemeinden Günzburg und Offingen westlich von Ulm an der Einmündung der Günz in die Donau taten, was sie konnte: Da das Gemeindehaus höher liegt, kamen dort zeitweise 19 Evakuierte unter. Gemeindemitglieder stellten Matratzen und kiloweise Pasta und Tomatensauce zur Verfügung. „Ich habe meine Töchter zum Bettenbeziehen und Luftmatratzenaufblasen eingespannt“, so Pfarrer Frank Bienk, andere hätten gekocht. 

Nach einer oder spätestens zwei Nächten konnten die Evakuierten in ihre Häuser zurück. Doch nun kamen die Gruppen aus dem überfluteten Kindergarten: „So haben die Eltern die Hände frei für Aufräumarbeiten oder um wieder ihrer Arbeit nachzugehen“, erklärt Frank Bienk.

Auch nach der Flut werden zahlreiche Menschen in Günzburg und Offingen viel Hilfe brauchen – damit rechnet Bienk fest. In Offingen habe „der halbe Ort Wasserschäden.“ Auch unter den Gemeindemitgliedern seien zahlreiche Betroffene. „Wir werden in den nächsten Tagen sehen, was die Gemeinden sonst noch brauchen.“ Laut denkt der Pfarrer über eine digitale Börse nach, um Dinge des Alltags zu verteilen. Zur Hilfe „dazu sind wir doch verpflichtet“, sagt Bienk schlicht. Als stellvertretender Dekan im Dekanat Neu-Ulm hat er auch die Lage in anderen Orten der Region im Blick.

Direkt an der Donau hatten die Menschen ein wenig mehr Zeit, sich auf die Flutwelle einzustellen. Und seit dem Hochwasser von 2013 gibt es auch mehr Schutzvorkehrungen. 

In Manching oder Baar-Ebenhausen südlich der Donau kämpften Helfende gegen aufgeweichte Deiche an, wie in den aktuellen Nachrichten zu erfahren war. 5.000 Portionen Schweinebraten für ein Mittagessen bereiteten die Johanniter für die Helfenden in Ingolstadt zu: 

In Regensburg hielten die Schutzvorkehrungen trotz aufgeweichter Böden. In Passau war zunächst am 4. Juni der Inn das Problem. „Er spielte verrückt“ und drückte selbst die Donau in seinem Mündungsbereich zurück, so Sabine Aschenbrenner, Leiterin der dortigen Diakonie. „Nach drei Stunden war der Spuk vorbei“, berichtet sie weiter. Dann kam die Flutwelle der Donau, die zum Glück langsamer war. 

Die Spitze des Hochwassers dort lag am 4. Juni bei 9,72 Meter, normal wären etwa 5,50 Meter, am späten Sonntagabend, 8. Juni, waren es noch 7,89 Meter. Man rechne nach Redaktionsschluss noch wieder mit einem leichten Anstieg wegen der Unwetter am Alpenrand. Allerdings hat sich die Innenstadt ebenfalls seit 2013 gegen Hochwasser gewappnet. Damals, im Juni 2013, lag die Höchstmarke in Passau bei 12,89 Meter. Seitdem gibt es feste Regeln zum Schutz – etwa keine Ötanks in gefährdeten Bereichen.  

Doch erst nach den Aufräumarbeiten wird wohl auch hier erst das wahre Maß der Schäden sichtbar. Notfallhilfen und auch die Seelsorge werden wohl erst langsam greifen – erst einmal stürzen sich viele Menschen ins Aufräumen. 

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern will die Betoffenen mit beträchtlichen Hilfsgeldern unterstützen. Auch das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL) mit seinen Erfahrungen aus der Ahrtal-Flut will helfen.

In einem ersten Schritt stellte die Diakonie Katastrophenhilfe hundert Bautrockner zur Verfügung. Insgesamt sollen es 300 in Bayern und Baden-Württemberg werden, wie Steffi Krause von der Diakonie Bayern im Gespräch mit dem Sonntagsblatt versprach. Auch wenn dies bei der Vielzahl der überschwemmten Gebäude vielleicht eher ein Tropfen auf den heißen Stein ist, bietet es beim Verteilen doch die Gelegenheit für Gespräche. Auch für viele Notfallseelsorgende beginnt die eigentliche Arbeit erst nach dem Ablaufen des Wassers.

Zentrales Spendenkonto auch für Bayern: Diakonie Katastrophenhilfe Berlin, Stichwort „Hochwasser-Hilfe Deutschland“, IBAN DE68 5206 0410 0000 5025 02, mehr unter https//www.diakonie-bayern.de. Die Diakonie Ingolstadt hat ein Vermittlungsportal https://www.hilfe-suchen-finden.de eingerichtet.