Endzeitvisionen aufrüttelnd oder heilsam?

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George Orwell um 1945 und sein Buch
George Orwell um 1945 und sein Buch "1984" in der deutschen Erstausgabe. Fotos: epd/F

Lebenslinien: Vor 75 Jahren erschien Orwells „1984“ – eine aktuelle Botschaft für Christen?

„Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Großen Bruder.“ So schließt Orwells Roman „1984“. Seine Hauptfigur Winston versteckte sich zunächst vergeblich mit seiner Geliebten Julia vor der totalen Überwachung. Er wird verhaftet, gefoltert und erhält eine effiziente Gehirnwäsche.

„Neusprech“ und „Doppeldenk“ bestimmen die Realitätswahrnehmung. Viele Begriffe und Gedanken, die dem System widersprechen könnten, sind einfach nicht mehr existent und damit unmöglich. Andere Begriffe sind gänzlich in ihr Gegenteil verkehrt: Das „Ministerium für Wahrheit“ etwa kümmert sich um Propaganda, das „für Liebe“ um Folter. Es gibt „Gutdenker“ und „Unpersonen“

Orwells Vision „1984“, die im Juni 1949 erschien, nahm Erfahrungen von realen totalitären Systemen auf – ob unter Hitlers oder Stalins Tyrannei – und führt sie weiter. Bereits im Jahr zuvor verfasste er sie. Er dreht die beiden letzten Jahreszahlen für den Titel um, so dass er mit „1984“ eine nicht zu weit entfernte Zukunft in den Blick bekam. 

Dann stand 1984 ganz real im Kalender: Damals gab es intensive Gedanken darüber, inwieweit Orwells Vision in der Ära der ersten einigermaßen handlichen Computer verwirklicht war. Ein Werbespot des Computerherstellers Apple damals spielt mit dem Motiv: Gerade dank des neuen Macintosh werde dieses Jahr 1984 nicht wie der Roman. 

Jetzt, noch 40 Jahre später, sind die digitalen Möglichkeiten zur Überwachung zur Vervollkommnung gelangt. Dabei ist schon im Roman „1984“ die Überwachung des allgegenwärtigen Bildschirms total. Das Gerät ist zugleich Propaganda-Sender und Empfänger und kann auch privat niemals abgeschaltet werden. Es beobachtet „Gesichtsverbrechen“, wenn die Mimik abweichende Gedanken spiegelt.

Auch wenn Rohrpost oder Wachswalzen-Tonaufnahmen heute altertümlich fast betulich anmuten, funktioniert im Roman die Kontrollmaschinerie perfekt. Die Gedankenpolizei verfolgt abweichendes Denken, Kinder verraten ihre Eltern. 

Wie kam George Orwell zu diesen Vorstellungen? Unter dem Namen Eric Arthur Blair erblickte er 1903 im damaligen Britisch-Indien als Sohn eines Kolonialbeamten das Licht der Welt. Nachdem er als Polizist und Offizier der Kolonialregierung gedient hatte, stieg er 1927 völlig aus. Im Spanischen Bürgerkrieg nahm er 1936 als Freiwilliger auf republikanischer Seite teil – als Mitglied einer extrem linken trotzkistischen Splittergruppe. Erst allmählich scheint Blair wahrgenommen zu haben, dass seine Gruppe nicht nur gegen die Faschisten kämpfte, sondern gerade hasserfüllt von den Stalinisten verfolgt wurde. Nach seiner Rückkehr nach England schrieb er nun unter dem Pseudonym George Orwell dagegen an und war auch journalistisch tätig. 

1944 erschien Orwells Werk „Farm der Tiere“ (Animal Farm): eine bittere Parabel über den Verrat der sozialistischen Ideale durch Stalin. Das war für ihn ebenso verwerflich wie die Diktatur der Nazis und Faschisten – wenn nicht noch mehr. Die „Schweine“ unter der Führung „Napoleons“ leben nach der Vertreibung des profitgierigen Farmers zunehmend auf Kosten der anderen Tiere: „Alle sind gleich, doch manche sind gleicher!“ Am Ende paktieren sie mit den ausbeuterischen Menschen zum eigenen Wohl. 

Der „Große Bruder“ in „1984“ geht weiter: Er verspricht absoluten Schutz und bietet totalen Terror. Obwohl sein Bild allgegenwärtig ist, hat ihn niemand real gesehen – oder ist er eine Kollektivgestalt der kleinen Herrschaftselite? Spielt Orwell da schon mit Bildmanipulationen seiner Zeit?

Ralph Pordzik, Anglistik-Professor in Würzburg, weist darauf hin, dass der Buchanfang „aus der Perspektive der Nachzukunft geschrieben“ sei, nachdem „1984“ schon Vergangenheit ist – und damit untergegangen sein muss. Hat sich also Winstons Hoffnung auf ein „Goldenes Land“ doch verwirklicht, obwohl er der Gehirnwäsche unterlag?

Mehr als Endzeitvisionen

Hat das Werk damit apokalyptische Züge? Gibt es da Elemente der „Herrschaft des Tieres“ aus der Offenbarung des Johannes, dem die Macht gegeben ist über alle Völker „und Sprachen“ (Offb. 13, 7) „und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen“ (13, 14) und indem es sprachlich manipuliert.

Im Werk „1984“ hat die Vermittlung hohler Phrase und schlichter Botschaften für die Herrschaftselite größte Bedeutung: Schließlich bieten komplexere Botschaften nachdenklichen Zeitgenossen Freiräume.

Gleichzeitig schrieb Orwell wohl seine Vision als eine Antwort auf die scheinbare Utopie „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, die rund 500 Jahre in der Zukunft angesiedelt ist. Sie erschien bereits 1932 und konnte damit viele Auswüchse von Faschismus und Stalinismus noch nicht kennen: Durch totale industrielle Arbeitsteilung und extreme Auslese entstehen streng voneinander getrennte Kasten von Menschen. Kollektiver Konsum und Bedürfnisbefriedigung, vor allem die Glücksdroge „Soma“ bringen ein stabiles Wohlbefinden und so eine unbewegliche Gesellschaft – effektiver als durch Gewalt. Anstelle des Kreuzes wird das „T“ verehrt – ein Symbol des Konsums. Nur die letzten Wilden im Reservat haben noch einen Kult, der christliche und indianische Elemente verbindet. Am Ende wird eine „Insel“ zum Zufluchtsort für wenige. Im „(Leucht-)turm“ scheitert jedoch einer derjenigen, die die Utopie durchschauen, an den eigenen Ansprüchen, denen er nicht gerecht wird – also wohl am Hochmut. Er wurde von sich selbst besiegt. 

Anscheinend haben wir 2024 sowohl Huxleys als auch Orwells Visionen eingeholt. In China gibt es neben zunehmend effizienter Gesichtserkennung im öffentlichen Raum viele Formen digitaler und sozialer Überwachung ebenso wie Geschichtsverfälschung, aber auch Befriedigung durch Konsum. Das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 ist sprachlich da nicht existent. In der Ukraine führt Russland eine „militärische Spezialoperation“ gegen die „Einkreisung“ durch die NATO und eine angeblich ungerechtfertigte Abspaltung der Ukraine. 

Und in der freien Welt? Schon Apple verhalf der Welt seit 1984 zu mehr Gleichschaltung – aber nicht unumschränkt. „Big Brother“-­Schaus, in denen Menschen sich freiwillig für kurzfristige Bekanntheit unter totale Beobachtung begeben, sind Ereignisse. Wer sich gleichförmigem Konsum oder gar der Fußball-Europameisterschaft verweigert, gilt schnell als unsozial. 

Ersetzen „alternative Fakten“ die Realität? Welche Sprachformen bilden die Wirklichkeit angemessen ab? Wie formen sie jeweils unser Bewusstsein? Und bieten sie nicht gerade dadurch Freiräume, dass sie nebeneinander bestehen können?

Im Roman „1984“ scheint ein Danach möglich. In der „Schönen neuen Welt“ bietet eine „Insel“ einen begrenzten Hoffnungsort. Doch wie dieser weiteren Raum gewinnen kann, bleibt offen. Ein „Lamm“, das die Gewaltherrschaft beenden könnte, erscheint in beiden Werken nicht. Doch das ist die Hoffnung des Sehers Johannes (Kap 14) und damit des Christentums. Reicht es, nur darauf zu warten?