Betrachtungen am Rande des Sommernebels

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

In einer Nacht ging es dem Hund schlecht. Alle paar Stunden winselte er, wollte raus und verschwand in der Dunkelheit. Kurze Zeit später kehrte er zurück. Scheinbar erleichtert und ein wenig mehr wohlauf. Ich stand am Rand der Wiese mit der Taschenlampe und wartete. Die Nacht war sehr unruhig. 

Gegen Morgen wurde der Horizont heller. Vielleicht kehrten die Lebensgeister wieder in den Hund zurück – er brauchte jedenfalls deutlich länger zum Schnüffeln als in der dunkeln Nacht. Ich stand im aufgehenden Sonnenlicht und hatte Muße, diese besondere Stimmung in mich aufzunehmen. Die ersten Vögel waren zu hören, der Wind bewegte das Gras und die Sonne schob sich höher und höher. Nebel hatte sich gebildet und war über einer kleinen Senke zu sehen. Wie viel Schönheit an diesem Morgen! Die gänzlich unruhige Nacht war angesichts dieses Blicks fast vergessen.

Ich stand am Rande des Nebels und hing meinen Gedanken nach. Wie wäre es wohl, wenn ich jetzt ein bisschen tiefer im Nebel stehen würde? Welche Stimmung wäre dann wohl in mir? Würde es mich ängstigen, wenn ich nicht wissen würde, was fünf Meter weiter wäre? Wenn ich nur Umrisse erkennen könnte?

Wie gut ist es, ein wenig weiter höher zu stehen und einen Überblick über einen größeren Ausschnitt zu haben. Wie vielleicht ein Vogel. Vieles im Leben lässt sich mit einer anderen Perspektive oder mit Abstand – zeitlich oder auch räumlich – ganz anders betrachten. Manche Kleinigkeiten sind dann nicht mehr zu erkennen. Sie sind eingebettet in ein großes Ganzes und fallen nicht weiter ins Gewicht. Anderes würde man erst gar nicht wahrnehmen, weil man es nicht sieht. 

Manchmal muss man ganz genau hinschauen im Leben. Da bleibt es nicht aus, dass man den Blick schärft für die Feinheiten.

Doch hin und wieder tut es auch gut, wenn man bestimmte Abschnitte seines Lebens
oder seines Blickes vergrößert und sich einen Überblick verschafft, um einmal „über den Dingen zu stehen“.

Der Hund kam wieder zurück. Wir standen noch ein bisschen in diesem ersten Sonnenlicht. Es würde ein schöner Tag werden. Ich streichelte ihn noch ein bisschen und dann gingen wir ins Bett.