„Hier speiste schon der Höhlenbär“

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Die Archäologen Robert Frank (von links), Matthias Tschuch und Dr. Christoph Lobinger zeigen Funde und Grabungsergebnisse vor Ort in Endsee. Foto: Bek-Baier
Die Archäologen Robert Frank (von links), Matthias Tschuch und Dr. Christoph Lobinger zeigen Funde und Grabungsergebnisse vor Ort in Endsee. Foto: Bek-Baier

Jahrestagung „Archäologie in Bayern“ befasst sich mit Sensationsfunden in Endsee

Höhlenbär und germanischer Klappstuhl haben Schlagzeilen gemacht. Sie wurden in Endsee bei Rothenburg geborgen. Natürlich beschäftigten diese seltenen „Sensationsfunde“ auch die Tagungsteilnehmer von „Archäologie in Bayern“.

Ich sehe die Werbetafel des künftigen Schnellrestaurants vor mir: ,Hier speiste schon der Höhlenbär gemütlich auf dem Klappstuhl‘“, witzelte zu Beginn der Tagung „Archäologie in Bayern“ Dr. Walter Irlinger, Abteilungsleiter Bodendenkmalpflege vom Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Das Landesamt und die „Gesellschaft für Archäologie in Bayern“ luden gemeinsam zur Jahrestagung, die diesmal in Rothenburg ob der Tauber stattfand. 

Rund 50 Mitglieder der Gesellschaft, die aus ganz Bayern angereist waren, sowie Archäologinnen und Archäologen begaben sich am letzten Tag der dreitägigen Veranstaltung auf Exkursion in das geschichtsträchtige Umland Rothenburgs, der früheren Landhege oder auch Landwehr. Doch das Gebiet am Rand der Frankenhöhe war seit der Altsteinzeit ein von Menschen bewohntes Land und es gibt reiche Funde aus vielen Epochen, berichtete Dr. Christoph Lobinger, beim Landesamt zuständig für Bodendenkmalpflege in Mittelfranken. Er und sein Kollege Robert Frank begleiteten die Fahrtteilnehmer.

Vom Enkelbär bis zur Oma

Wir haben hier eine Vielzahl an Bodenfunden aus 45.000 vor Christus bis heute“, sagt Archäologe Matthias Tschuch in Endsee. „Es sind Fragmente von Höhlenbären, Wölfen, Pferden, Mammuts, Wollnashörnern und sogar Hyänen. Letztere sind erstmals mit vielen Funden nachweisbar“, schon das eine kleine Sensation. „Vom Höhlenbären haben wir fast alles gefunden“, so der Archäologe. „Sehr viele Zähne, die auf eine Population aller Altersgruppen hinweisen, von Milchzähnen von Bärenkindern bis zum senilen Bären.“ Und weiter: „Wir befinden uns hier im Gipskeuperland und sehen auch am ehemaligen Burghügel, gleich hinter der Ausgrabungsstätte verwitterten Gipskarst.“ So habe es auch vor 45.000 Jahren hier aussehen können, wo auf heute ebener Fläche zwischen modernen Lagerhallen und Tankstelle ein Schnellrestaurant entstehen soll. „Gut möglich, dass es hier Höhlen und Verstecke unter Fels gab. Wahrscheinlich wurden hier kleine Bären aufgezogen“, so der Archäologe. Man könne von einem Winterschlafbereich ausgehen, manche Individuen, wie vor allem ganz junge und sehr alte Bären, haben den Winter nicht überstanden.

„Dazu fanden wir eine Vielzahl an Silexsplittern und Geräte aus Silex“, erläutert der Archäologe. Silex bezeichnet der Fachmann den Feuerstein, aus dem schon in der Altsteinzeit Werkzeuge und Jagdwaffen hergestellt wurden. Man fand eindeutige Abschläge und Pfeilretuschen. Dabei kommt Silex hier nicht natürlich vor. 

 War es der Neandertaler?

„Kleinste Knochenfragment zeigen kaum Schnittspuren, aber mögliche Kratzspuren auf“, so Tschuch weiter. Ein schwacher Hinweis darauf, dass der frühe Mensch hier Jagdbeute zerlegt haben könnte. Ob es sich um Neandertaler oder um unsere direkten Vorfahren Homo sapiens sapiens handelte, kann man nicht genau sagen, ergänzt Archäologe Robert Frank. Das Fundalter von etwa vor 45.000 Jahren gehört in die Zeit, als es noch Neandertalerpopulationen in Mitteleuropa gab, bevor er ausstarb. Aber er gehe davon aus, dass die Fragmente von Mammutstoßzähnen auf Beute des Menschen zurückzuführen sein könnten. „Bären konnten mit Mammut eher weniger anfangen.“ Aber das muss eine Vermutung bleiben, bis es deutlichere Hinweise gibt.

Greenpeace für den Umweltschutz sollte die Gesellschaft für Archäologie werden, die 1980 gegründet wurde. Sie sollte so etwas wie eine Schutzgemeinschaft für gefährdete Bodendenkmäler und archäologische Funde werden. Fachleute und Laien taten sich zusammen um Bodendenkmäler entdecken und schützen zu können, bevor sie von Baggern zerstört und zubetoniert werden. 

Das das notwendig ist und für die Allgemeinheit und unser Wissen über die Vergangenheit großen Gewinn bringen kann, zeigt sich gerade an den Sensationsfunden im kleinen Örtchen Endsee, das zur Gemeinde Ohrenbach gehört, unweit von Rothenburg ob der Tauber. Ohne Ehrenamtliche, die die Archäologen auf Lesefunde aufmerksam gemacht haben, wäre das Ganze möglicherweise unentdeckt geblieben. Denn als vor Jahrzehnten die nahe Autobahn A7 und später der Parkplatz gebaut wurden, wurden die Fundstellen nicht oder nicht als so bedeutend erkannt. 

Als nun das Schnellrestaurant an der Autobahn gebaut werden sollte, waren die Archäologen aufgrund der Hinweise aus der Bevölkerung aufmerksam und tatsächlich fand man eine große ergiebige Fläche, von der bisher nur ein Bruchteil ausgegraben wurde – ein zwölf Quadratmeter großes Areal. Die Fläche insgesamt beträgt eintausend Quadratmeter. Der größte Teil wurde konservatorisch überdeckt und kann später einmal untersucht werden. Vielleicht auch viel viel später? „Wir fassen den Rest im Moment auch nicht an“, sagt Tschuch.

Die Verhandlungen mit dem Schnellrestaurant wären unkompliziert gewesen und man habe das Gebäude so verschieben können, dass das Bodendenkmal größtenteils unbeschädigt bleibt. „Unsere Hauptaufgabe ist ja Bodendenkmäler zu bewahren“ sagt Dr. Christoph Lobinger.

Neben Funden aus der Jungsteinzeit, der mittleren Latenezeit fallen hier Funde aus dem Frühmittelalter, kurz nach der Völkerwanderungszeit ins Gewicht: Über den Grabungsverlauf des Frauengrabes mit dem Klappstuhl berichtete Lobinger schon zu Beginn der Tagung in der Rothenburger Reichstadthalle. Etwa zwei Meter unter der Geländeoberkante legte 2022 ein Grabungsteam in Endsee ein circa 1,3 mal 2,7 Meter großes Grab frei, in dem sich ein eisernes Gestell befand, das sich bald als Faltstuhl herausstellte. Der Klappstuhl ist in seinem gefalteten Zustand etwa 70 mal 45 Zentimeter groß und stammt aus der Zeit um 600. Vermutlich sei er mit Fell überzogen gewesen.

Frau der gehobenen Schicht

Es ist erst der zweite Fund eines eisernen Klappstuhls aus dem Frühmittelalter in Deutschland überhaupt! Dieser auf den ersten Blick so neuzeitlich wirkende Fund ist eine absolute Seltenheit und von großem kulturhistorischem Interesse, denn er gibt Einblick in die Grabausstattung herausgehobener Bevölkerungsschichten und in den frühen Gebrauch von Möbeln.

Der Klappstuhl wurde als Grabbeigabe einer weiblichen Bestattung vorgefunden. Die Tote, nach anthropologischer Einschätzung eine im Alter von 40–50 Jahren verstorbene Frau, hatte um ihren Hals eine Perlenkette aus kleinen mehrfarbigen Glasperlen. An ihrem Gürtel befand sich ein Gehänge, unter anderem mit zwei Bügelfibeln, einer Almandinscheibenfibel, einer großen Millefioriperle und einem Spinnwirtel. Millefiori Perlen bestehen aus Glas, ihr Name leitet sich von Mille für Tausend und Fiori für Blumen ab, tatsächlich stehen üppige florale Muster geradezu sinnbildlich für die Perlen.

Neben dem Klappstuhl, der zu Füßen der Toten deponiert war, lag

ein Tierknochen, vermutlich die Rippe eines Rindes als Teil einer Fleischbeigabe. Reste einer Holzverschalung lassen auf eine geschlossene Grabkammer schließen.

Zeichen von Bedeutung

Grabbeigaben wie dieser Faltstuhl sind äußerst selten. Sie werden in der Forschung als „Sondergaben“ interpretiert und sprechen dafür, dass der oder die Verstorbene ein höheres Amt bekleidet hatte oder von höherem sozialen Rang gewesen war. Bislang sind europaweit
29 Fundstellen von frühmittelalterlichen Gräbern mit Faltstühlen überliefert, davon nur sechs aus Eisen. Überwiegend tauchen die Stühle in Frauengräbern auf. Von den meisten Exemplaren sind nur einzelne Bestandteile wie Nägel oder Achsen erhalten, weil sie oft aus organischem Material bestanden wie Holz oder Elfenbein sowie Leder oder Gewebe, die längst vergangen sind. 

Seit der römischen Antike hat man eiserne und bronzene Klappstühle hergestellt. Der Faltstuhl wurde gar zu einem der bedeutendsten Amtszeichen in der Gesellschaft und verkörperte Eigenschaften wie Autorität, Macht und Würde. Feldherren und Kaiser nutzten ihn.

Zwischenzeitlich hat ein Restauratorenteam den Fund, freigelegt und konservatorisch behandelt. Eine computertomographische Untersuchung machte schnell deutlich, dass der Klappstuhl nahezu vollständig erhalten und sogar mit Tauschierungen, in diesem Fall Buntmetall-Einlagen aus Messing, verziert ist. Die Verzierungsmotive reichen von Spiralen über Rauten bis hin zu Fisch-
grätmustern.

Neben dem Frauengrab legten die Archäologen ein Männergrab frei, berichtete Lobinger. Das Grab befand sich in nahezu paralleler Anordnung und West-Ost-Ausrichtung. Eine Beziehung zum Frauengrab liegt nahe, noch dazu weil auch dem Mann wertvollere Beigaben mitgegeben worden waren, als das sonst in Gräbern dieser Zeit üblich war.

Dem Verstorbenen waren neben seinem Leibgurt mit Bronzeschnalle und Gürteltasche eine komplette Waffenausstattung (Lanze, Schild, Spatha) und ein Beinkamm beigegelegt. „Der Schildbuckel ist polychrom verziert mit Nieten aus Messing und Zink“, erläuterte Lobinger. „Auch die Spatha ist mit einem Silberknauf reich verziert“. Das Wort Spatha kommt aus dem lateinischen und bedeutet breite Klinge. Es ist ein zweischneidiges Schwert.

Diese beiden Gräber befinden sich direkt neben dem großen Parkplatz eines Autohofes. „Es ist gut möglich, dass sich unter ihm weitere Gräber des Gräberfeldes befinden, die damals nicht erkannt wurden“, bedauert der Archäologe.

Bleibt die Frage warum gerade hier eine so reiche Fundlage vorzufinden ist. „Damals wie heute war das hier ein verkehrsgeographischer und siedlungsgünstiger Ort“ erklärt Lobinger. Heute zeigt das immer noch die Route der Autobahn A7 an. Zwischen dem Endseer Burgberg und den Hügeln der Frankenhöhe liefen schon immer Handelswege in die Windsheimer Bucht durch.