Die ganze Altstadt ist ein Bodendenkmal

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Von links: Ober­bürgermeister Markus Naser, Stadtbaudirektor Michael Knappe, Dr. Rita Hannig-Wanninger, Andrea Lorenz, Rober Frank, und Dr. Christoph Lobinger. Fotos: Bek-Baier
Von links: Ober­bürgermeister Markus Naser, Stadtbaudirektor Michael Knappe, Dr. Rita Hannig-Wanninger, Andrea Lorenz, Rober Frank, und Dr. Christoph Lobinger. Fotos: Bek-Baier

Jahrestagung „Archäologie in Bayern“ befasst sich zunächst mit Rothenburger Geschichte

Auch wenn Höhlenbär und germanischer Klappstuhl die ganze Medienaufmerksamkeit derzeit auf sich ziehen: Auf der Tagung „Archäologie in Bayern“ widmeten sich Archäologen und interessierte Ehrenamtliche auch anderen wichtigen Funden des vergangenen Jahres. Schwerpunkt war das geschichtsträchtige Rothenburg ob der Tauber mit seiner reichen jüdischen Geschichte.

Vom Höhlenbär bis zum Klappstuhl – 900 Grabungen haben in Bayern im Jahr 2022 stattgefunden. Die Funde in Endsee bei Rothenburg gehören mit zu den spektakulärsten, die gemacht wurden“, sagte Dr. Walter Irlinger, Abteilungsleiter Bodendenkmalpflege vom Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD). Das Landesamt und die „Gesellschaft für Archäologie in Bayern“ luden gemeinsam zur Jahrestagung, die diesmal im geschichtsträchtigen Rothenburg ob der Tauber stattfand. 

Die Gesellschaft für Archäologie wurde 1980 gegründet und sollte wie Greenpeace für den Umweltschutz so etwas wie eine Schutzgemeinschaft für gefährdete Bodendenkmäler und archäologische Funde werden. Fachleute und Laien taten sich zusammen um Bodendenkmäler zu entdecken und zu schützen, bevor sie von Baggern zerstört und zubetoniert werden. 

Rund 230 Mitglieder der Gesellschaft, die aus ganz Bayern angereist waren, sowie viele Archäologinnen und Archäologen tagten drei Tage in der Reichsstadthalle. Und wie kann es anders sein, zunächst wurde sich ausführlich der reichen Geschichte Rothenburgs und seines Umlandes gewidmet.

Zu Beginn stellten Walter Irlinger, und Professor Bernd Pfäffgen, Vorsitzender der Gesellschaft für Archäologie in Bayern das neue archäologische Jahrbuch vor. In ihm sind 60 der wichtigsten Erkenntnisse, die im vergangenen Jahr durch Grabungen gewonnen wurden in allgemein verständlicher Sprache wiedergegeben und ansprechend mit Fotos aufbereitet. „Wir geben damit den Bürgern auch wieder etwas zurück“, sagt Irlinger. „Dadurch kommt auch zur Geltung, was moderne Archäologie vermag, wenn sie sich mit anderen Wissenschaften vernetzt“.

„Die Stadt ist ein einziges riesiges Denkmal“, erläuterte Oberbürgermeister Dr. Markus Naser, der von Haus aus Historiker und selbst Mitglied der Gesellschaft ist. Er hatte angeregt, die Tagung in der ehemaligen Reichsstadt abzuhalten. „Schon 1902 wurde eine Denkmalschutzvorschrift erlassen“, erläuterte Naser. Sie sei damit die älteste
kommunale  Denkmalschutzvorschrift in Bayern. 

Walter Irlinger informierte, dass es 2023 eine wichtige Erneuerung im bayerischen Denkmalschutzgesetz gebe. Durch ein neues Schatzregal habe der Grundstücksbesitzer einen Anspruch auf einen Ausgleich, der Finder erhalte eine Belohnung und der Fund gehe in den Besitz des Freistaats über. Es sei wichtig, dass das transparent für die Bürger geschehe. Das gute Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen führe in Bayern auch zu großem Erfolg, der sich im Jahrbuch ablesen lasse.

Im Spiegel der Archäologie

Christoph Lobinger, beim Landesamt zuständig für Bodendenkmalpflege in Mittelfranken, berichtete, dass allein in Rothenburg seit dem Jahr 2000 genau 117 Baumaßnahmen bodendenkmalpflegerisch begleitet wurden. Funde von der Jungsteinzeit bis in die frühe Neuzeit belegten, dass Rothenburg durch seine verkehrsgeographische Lage begünstigt und lange schon besiedelt ist. 

Dass Rothenburg eine so lange und reiche Geschichte hat, nahm seinen Anfang mit der Lage auf Bergspornen hoch über der Tauber. Engelsburg, Essigkrug und Stauferburg sind drei Befestigungen, die die Geschichte der Stadt begleitet haben. Die sogenannte Engelsburg, jenseits der Tauber war seit der Mittelsteinzeit besiedelt und wurde seit dem Metallzeitalter befestigt – daher der Name Burg. Bis ins Frühmittelalter könne man mehrere eng aufeinanderfolgende Besiedlungen feststellen, machte Archäologin Dr. Rita Hannig-Wanninger in ihrem Vortrag „Rothenburg im Spiegel der Archäologie“ deutlich, den sie zusammen mit ihrer Kollegin Andrea Lorenz hielt. 

Der Essigkrug, heute südlichster Teil der Stadt, war wohl einst der Ort der Burg der Kornburger Grafen. Ein massives Fundament und Lesefunde, die man auf dem Areal des heutigen Spitalgeländes gemacht haben, weisen darauf hin. Die wichtigste Burg war jedoch die Alte Burg oder Stauferburg, die im heutigen Burggarten gestanden hatte. Interessant, die Erkenntnis, dass auf dem Gelände Funde der älteren Salierzeit gemacht werden konnten. Durch Prospektierung des Burgareals konnte eine aussagekräftige Rekonstruktion der Burg angefertigt werden. Ein besonderer Fund, der nun überraschend gemacht wurde, ist ein Fragment eines Adlerkapitels aus der Stauferzeit. Jedenfalls lasse dieser Fund Vergleiche mit ähnlichen Kapitellen aus dem Burgund und der Kaiserpfalz Gelnhausen in Hessen ziehen. Bis heute ziert dieser Adler das Stadtwappen.

Andrea Lorenz berichtete von Siedlungen des Frühmittelalters und Siedlungsspuren aus dem hohen Mittelalter in der Klostergasse und dem Bereich des heutigen Rathauses. Im Laufe von Ausgrabungen, die begleitend zu Straßenbauarbeiten stattfanden, stellte sich heraus, dass etliche Straßen bereits im Mittelalter gepflastert waren. Neu sind auch Befunde von steinernen Wohntürmen des Mittelalters, wie sie auch noch auf einem Kupferstich des 16. Jahrhunderts zu sehen sind. Bekannt sind Wohntürme ja eher aus San Gimignano in Italien oder auch Regensburg. Doch auch Rothenburg kann solche Türme nun nachweisen. Funde von Flachglas lassen auf reiche Haushalte schließen, so Lorenz.

Den Wohnturm entdeckten die Archäologen bei einer Grabung anlässlich der Straßenbaustelle in der Burggasse. Archäologe Robert Frank erzählte, dass nach einem Rechtsstreit der Wohnturm auf Geheiß Rudolphs von Habsburg abgerissen werden musste und die Franziskaner ihr Refektorium über die Gasse bauen durften. Dadurch entstand ein Straßentunnel, der die Rothenburger wohl an die Unterwelt erinnerte. So kam es zum Ortsnamen „Höll“, der heute noch der nahen Weinstube ihren Namen gibt. 

Jüdisches Rothenburg

In Rothenburg existiert das einzige nahezu vollständig erhaltene Judenviertel im gesamten deutschsprachigen Raum. Entgegen dem Namen lebten hier Juden und Christen zusammen. Das beweisen auch die Funde, die die Archäologen machen konnten. Vor allem Handwerker hatten sich hier angesiedelt.

In der Judengasse habe man ein besonders Doppelhaus, Judengasse 10 und 12, untersuchen können, so Lorenz. Neben einer Mikwe, einem rituellen jüdischen Bad, machte man Funde, wie Trippen zum Unterschnallen an die Schuhe – nicht alle Gassen waren gepflastert – und ein jüdisches Spielzeugtreidel.  So konnte man viel über das Wohnen im jüdischen Viertel im Spätmittelalter herausfinden. Zum Beispiel zeugt ein gläserner Kopf des Apostels Jakobus davon, dass Juden und Christen hier Wand an Wand wohnten.

Daran schloss sich der Vortrag von Professor Bernd Pfäffgen, „Das jüdische Rothenburg“ an. Nach der erstmaligen Erwähnung eines Juden in Rothenburg im Jahre 1180, erlebte die Stadt eine Blüte jüdischer Kultur. Etwa zehn Prozent der Einwohner, bis zu 600 Personen, zählte zur besten Zeit die Gemeinde. Von etwa 1250 bis 1286 wirkte hier der berühmte Talmud-Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg. Er gründete am Kapellenplatz eine Jeschiwa, eine Schule für Talmud-Studien, für Schüler aus ganz Europa. 

Um den Kapellenplatz herum befand sich auch das Zentrum jüdischer Alltagskultur mit Synagoge, Festsaal und Gebrauchsgegenständen für den täglichen Bedarf. Anders als oft vermutet wird, handelte es sich nicht um ein Ghetto, sondern um ein Viertel in dem sich Juden aus Identitäts- und Glaubensgründen ansiedelten, so Pfäffgen. 

Das Viertel hielt mehreren Verfolgungswellen stand, es wurde  immer wieder neu aufgebaut. Es kam im Laufe der Jahre des öfteren zu Ausschreitungen und Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung in Rothenburg. Dem Rintfleisch-Pogrom  1298, benannt nach seinem Anstifter, einem Metzger,  fielen mehr als 450 Jüdinnen und Juden sowie Kinder allein in Rothenburg zum Opfer. Nach dem Pestpogrom 1349/50 fand dieses erste jüdische Viertel sein Ende. 

1397 wurde die Synagoge zur Marienkapelle umgebaut. Nach der vollständigen Vertreibung der Juden wurde die ehemalige Synagoge 1520 im Bauernkrieg beschädigt und danach eingeebnet. Etwa ab 1388 gab es neuen jüdischen Zuzug nach Rothenburg, ein neues Viertel entstand. Sein Zentrum war in der heutigen Judengasse. Eine Ausgrabungsstätte der Archäologen befindet sich in der Judengasse 10. 

Das mittelalterliche Wohngebäude beherbergt die älteste  bekannte Mikwe in einem Privathaus, erklärt Archäologe Markus Köllner. Noch immer ist das jüdische Ritualbad mit Grundwasser gefüllt. Die Benutzung dieses Bades unterscheidet sich von der alltäglichen körperlichen Reinigung. Denn entscheidend ist das vollständige Untertauchen. Hier badeten Frauen nach der Menstruation, oder verunreinigtes oder neues Kochgeschirr wurde ebenfalls hier gereinigt. Köllner zeigt mit einem Zollstock den Tagungsteilnehmern den kleinen Überlauf in der Mikwe, der zum Abwasserschacht führte. Das Besondere sei hier die mittelalterliche Abwasserleitung Rothenburgs, die man erst kürzlich entdeckt habe. Sie führt in einem gemauerten kleinen Gewölbe direkt am Anwesen vorbei. 

Einer der das Haus wie kaum ein zweiter kennt, ist Architekt Andreas Konopatzki. Er führt die Tagungsteilnehmer in die jahrhundertealte Bohlenstube. Sie war einst der gemütlichste Raum im ganzen Haus. Der Architekt berichtet, dass das Gebäude laut dendrochronologischen Untersuchungen gemeinsam mit dem benachbarten Haus Nummer 12 um 1409 erbaut wurde. Es hat sich in seiner ursprünglichen Form bis in die Gegenwart erhalten. Die Bedeutung des Hauses, wurde erst 1985 erkannt. Der Verein Alt-Rothenburg und die Stiftung Kulturerbe Bayern wollen das Haus wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen. Dazu gab der Freistaat Fördermittel.