Lebensbewegungen im Blick

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Christine Stöhr ist Flughafenseelsorgerin in München.Foto: Bek-Baier
Christine Stöhr ist Flughafenseelsorgerin in München.Foto: Bek-Baier

 

 

30 Jahre Evangelische Flughafenseelsorge in München

 

 

In der Serie „Mitten im Leben – Seelsorge und Beratung“ stellen wir je einen Bereich der Seelsorge der Evangelischen Kirche in Bayern vor.

=> Zum letzten Teil

Der Münchner Flughafen und die Flughafenseelsorge feiern beide jetzt, im Mai, ihr 30-jähriges Bestehen. In der Serie „Mitten im Leben – Seelsorge und Beratung“ stellen wir je einen Bereich der Seelsorge der Evangelischen Kirche in Bayern vor. 

„Ich setze mich manchmal in den Ankunftsbereich hier am Flughafen und beobachte die Menschen. Wenn ich sehe, wie sich alle freuen, dass jemand, der lange weg war,  wieder kommt, berührt mich das“, bekennt Christine Stöhr. Sie ist Pfarrerin der evangelischen Flughafenseelsorge am Flughafen München. 

Ist sie also jemand der selbst gerne verreist? „Eigentlich gar nicht. Mich interessiert das Thema ,Ankommen‘ und solche Lebensbewegungen“, sagt sie. „Ich überlege mir, was die Menschen, die hier ankommen, erlebt haben.“ Klar, viele waren nur auf Urlaub oder Dienstreise. „Manche waren aber vielleicht auch länger weg und sie haben sich lange nicht gesehen. Oder sie haben sich nun endlich versöhnt.“ Dann bewegen sie Fragen wie „Warum geht man und warum kommt man wieder? Wo ist Heimat?“ 

Heimat und Fremde sind Themen, die sie privat, wie dienstlich umtreiben.  „Das Thema interessiert mich. Zum einen führe ich eine internationale Ehe, ich habe einen kongolesischen Mann.“ Zum andern ist ein Arbeitsbereich der Flughafenseelsorge die Transitarbeit.  Stöhr begleitet dabei ankommende Geflüchtete, die hier Asyl beantragen. „Sie dürfen nicht nach Deutschland einreisen und warten am Flughafen in einer Unterkunft ihr Asylverfahren ab.“ Die Asylarbeit kennt sie schon aus der Kirchengemeinde, denn dort hatte sie sich mit Kirchenasyl beschäftigt. 

Vierzehn Jahre war sie Gemeindepfarrerin. Als es Zeit war, die Stelle zu wechseln, hat sie die internationale Welt am Flughafen angesprochen. Eine Fragestellung, die sie antreibt, ist, was kann Kirche hier bieten und wie kann sie hier dienen? 

Die kirchlichen Dienste am Flughafen München sind aufgeteilt in die evangelische und katholische Seelsorge. Die evangelische Seelsorge kümmert sich vor allem um die Mitarbeitenden am Flughafen. Dann um die Flüchtlinge. „Wir haben des weiteren mit der Flughafengesellschaft das Projekt ASiMA, das heißt ,Aufsuchende Soziale Arbeit im Münchner Airport‘ gegründet. Wir suchen Menschen auf, die sich hier im Flughafen aufhalten, weil sie beispielsweise obdachlos oder in anderen Schwierigkeiten sind.“ Damit ist vor allem die Sozialpädagogin Jessica Gürtler von der Flughafenseelsorge beschäftigt. „Das ist ein Spagat, denn solche Menschen versuchen hier einen trockenen und sicheren Aufenthaltsort zu finden. Das will die Flughafengesellschaft nicht.“ Statt sie wie früher einfach abzuschieben, wird nun die evangelische Flughafenseelsorge gerufen. In Notfällen kann dann eine erste Hilfe gegeben oder gar eine Notunterkunft vermittelt werden. 

Wenn es nicht weiter geht 

Die katholische Seite kümmert sich vorwiegend um den Sozialdienst für Passagiere. Trotzdem wird Christine Stöhr auch vom Lufthansaschalter angerufen: „Hier ist ein Reisender, mit dem kommen wir nicht weiter“.  Stöhr: „Entweder hat er kein Handy dabei oder kein Ticket oder kein Geld. Dann helfen wir weiter.“ Manchmal steht jemand am Schalter und ist psychisch auffällig und das Personal hat Zweifel, ob die Person flugfähig ist. „Einmal war es gar nicht geplant, dass die Person fliegt. Sie war psychisch krank und verwirrt. In so einem Fall sind wir die, die man anruft. Das wird vom Flughafen
sehr geschätzt, dass wir Zeit haben und uns um diese Menschen kümmern.“   

Präsent sein  

Das alles ist nur bedingt planbar. Flughafenseelsorge heißt auch einfach präsent sein um spontan handeln zu können. Dazu kommt als Aufgabe die PSNV, die Psycho-Soziale-Notfallversorgung, wenn am Flughafen eine große Notfalllage eintritt, ein Flugzeugunfall zum Beispiel, oder eine Terrordrohung. „Dann werden wir dazu gerufen.“   

Die Hauptaufgabe von Christine Stöhr ist jedoch die Seelsorge  an den 38.000 Mitarbeitenden des Flughafens. „Jemand war vor kurzem bei mir, der von seiner Frau verlassen worden war, was ihn sehr belastet hat. Mit ihm spreche ich darüber und sortiere zusammen mit ihm, was das für ihn und sein weiteres Leben bedeutet.“ Ob Entlassung, Probleme mit dem Vorgesetzten oder Todesfall eines Kollegen: Stöhr sucht mit ihren Gesprächspartnern nach den persönlichen Ressourcen und versucht diese zu stärken. „Manchmal hilft auch der Glaube desjenigen und stärkt ihn.“ 

Aber auch weiterführende seelsorgerliche Beratung wird gebraucht. „Während  Corona rief mich ein Mitarbeiter an, weil er für den Flughafen im Ausland längere Zeit arbeitet. Seine Ehefrau war mit den Kindern alleingelassen und mit der Situation überfordert. Ich höre erst einmal zu. Reden allein hilft oft  schon viel.“ Dann aber kann Stöhr die Familie zu weiterführenden Beratungen, beispielsweise bei Einrichtungen der Diakonie, vermitteln.   „Was die Bediensteten bei all dem schätzen, dass wir unabhängig sind, und kein Angebot des Arbeitsgebers, des Flughafens sind. Wir sind Kirche und haben Schweigepflicht.“

Taufen und Andachten

Natürlich ist sie auch Pfarrerin und bietet geistliche und kirchliche Angebote. Manchmal sind es auch unkonventionelle Ideen, die sie hat. So hielt sie kreative Andachten in der Passionszeiten über aktuellen Popsongs zu modernen Lebensfragen.  Am 1. Mai gab es im Airbräu – eine große Gastwirtschaft am Airport – eine Andacht. Bald tauft sie sogar die beiden Kinder eines Flughafenmitarbeiters. Eines von beiden geht schon zur der Kindertagesstätte des Flughafens, den „Airport-Hoppsern“. „Ich habe gleich einen Ostergottesdienst für die Kinder der Kita gehalten.“ „Auch bei Todesfällen, werde ich gerufen und ich halte eine Andacht am Arbeitsplatz und führe Gespräche mit den Kollegen.“ Besonders wichtig ist diese Begleitung bei plötzlichen Todesereignissen oder auch Suizid. 

Vergangene Woche fand die erste Probe des Flughafenchors statt, den Stöhr auf die Beine gestellt hat. Und schließlich wird auch gefeiert: Am 24. Juli, dem Tag des Heiligen Christopherus, wird es einen Jubiläumsgottesdienst zum 30-jährigen Bestehen des Flughafens geben. 

Kontakt:  https://www.munich-airport.de/kirchliche-dienste

Weiterführende Informationen:

https://handlungsfelder.bayern-evangelisch.de/handlungsfeld4.php