Kunstikone auf Werbetour

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Editorial von Martin Ben-Baier, Chefredakteur des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern

Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt von Martin Bek-Baier

Laut und schallend gelacht habe ich, als ich die ganzseitige Werbung für ein schwedisches Möbelhaus in Nürnberg und Fürth sah: Zu sehen war das bekannte Selbstporträt Albrecht Dürers. Aber in seiner Hand im Bild unten drehte er den typischen Imbusschlüssel mit dem man die Selbstbaumöbel zusammen schrauben muss. Sein Blick dazu erschien mir skeptisch, als habe er jemals selbst erfolglos versucht, ein Regal zusammenzuschrauben.

Darf man einen berühmten und als genial gehandelten Künstler und sein Selbstbildnis für profane Werbung missbrauchen? Darüber gab es damals – zugegeben, das ist Jahre her – eine Diskussion.

Warum nicht? Denn es passt zu dem Nürnberger Star. Er gilt als der erste Künstler der Kunstgeschichte, der so etwas wie ein Copyright, ein Zeichen für sein Urheberrecht auf den Bildern einführte. Das große A zusammen mit dem großen D zeigten an, dieses Bild stammt vom Meister selbst – oder seiner Werkstatt. Bis dahin waren Signaturen der Künstler auf ihren Werken eher unüblich. 

Doch schon damals galt der Nürnberger weit über deutsche Lande hinaus als genialer Künstler. Fälscherwerkstätten, wie in Italien, stellten fest, dass sich für seine Werke gute Preise erzielen ließen. 

Würden wir Albrecht Dürer heute befragen können, was er von der Werbeaktion halte, würden wir vermutlich zwei Seelen in seiner Brust begegnen – stelle ich mir vor. Das eine ist, dass er sehr wohl um seine Genialität wusste und sich bestimmt verbeten hätte –  ohne finanzielle Beteiligung  – für profane Zwecke missbraucht zu werden. Vielleicht hätte es ihm aber gefallen, sein Selbstporträt seitenfüllend und in hoher Auflage unter die Leute gebracht zu sehen. 

Denn von ihm stammen auch Stiche und Holzschnitte für die Herstellung der damals beliebten Flugblätter. Viele davon widmen sich religiösen Themen.

Aus den Themen der Reformation soll er sich weitgehend herausgehalten haben. Er arbeite eher kundenorientiert und fertigte in vorreformatorischer Zeit Heiligen- und Andachtsbilder an. Seine letzten Kupferstiche von 1526 zeigten zum einen den humanistischen Luther-Gegner Erasmus von Rotterdam, zum anderen den Reformator Philipp Melanchthon. Ob sein Bild „Das letzte Abendmahl“ von 1523 ein Bekenntnis für das Abendmahl in „beiderlei Gestalt“ ist, also Brot und Wein, gilt als umstritten.