Sehnsucht nach Heimat trotz aller Verstrickungen

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Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Susanne Borée

Ein „Gast auf Erden“ zu sein – dieses Motiv beschäftigte nicht nur Paul Gerhardt in seinem bekannten Kirchenlied. Nein, es zieht sich durch viele neutestamentliche Texte: Die wahre Heimat der Christen findet sich im Himmel. In der Welt sind sie Fremde wie Abraham, der mitsamt seinem Gefolge von Gott aus seiner alten Heimat herausgerufen worden war – um ins Verheißene Land zu ziehen. 

Genauso fühlten sich auch die ersten Christen, die durch ihren neuen Glauben in ihrer vertrauten Welt zu Fremden wurden. Der Hebräerbrief buchstabiert diese Erfahrungen durch. Doch wurden nicht nur die Erzeltern, sondern auch die Gefolgschaft Jesu von ihm herausgerufen – teils, ohne noch einmal zurückblicken zu dürfen. Zwei Essays aus dem Sammelband „Migration und Theologie“ stellen diese Motive vor. Bereinigt vom Ballast zu komplexer Satzgirlanden haben sie uns durchaus einiges zu sagen. 

Vielleicht ließe sich unsere Lebenssituation aber weder als Wanderung Abrahams aus Ur noch mit dem Aufbruch Israels aus Ägypten beschreiben: Vielleicht – welch ketzerischer Gedanke – sind wir wie der umherirrende Kain. Auch zu ihm und Ahasver gibt es in dem Migrations-Band einen Aufsatz – allerdings mit anderer Zielsetzung. Doch setzte sich diese Verknüpfung beim Blick in das Inhaltsverzeichnis in mir fest. 

Sicher, wer hat schon einen Brudermord zu verantworten? Andererseits es gibt genug Verwicklungen in die Netze von Neid und Missgunst. Leben wir nicht mit gesenkten Blicken wie der älteste Sohn der ersten Menschen? Verstrickungen greifen nach uns – mit all ihrem „Verlangen“ (1. Mose 4, 7): Es herrschen Missverständnis und Sprachlosigkeit sogar zwischen engsten Freundinnen, deren Lebenssituationen  sich dann vielleicht auseinander entwickelt haben. Alle sind in ihren Blasen gefangen. Strukturell leben wir eh auf Kosten anderer. 

Inmitten aller Heimatlosigkeit steht dann Jesu Zusage: „In meinem Haus sind viele Wohnungen“ (Joh. 14, 2): Für alle je nach ihren Wünschen und Bedürfnissen? Ja, das Wort selbst „ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“ (Joh. 1, 14). Besser: Es „zeltete unter uns“, wie das griechische Wort anklingen lässt. Dann hat es nur eine provisorische Unterkunft, mit der es uns auf den Lebenswegen begleitet und sie sogar erleuchtet – gerade in dieser Adventszeit.