Eigene Faszination – durch die Gruppe gestärkt

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Editorial von Susanne Borée im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über Begeisterung

Begeistert klatsche ich mit! Es reißt mich sogar vom Stuhl! Ich springe auf, wie viele Menschen um mich herum.

Nein, keine Sorge, ich bin nicht versehentlich bei einem Sportturnier gelandet. Auch ein Kulturereignis kann eine solche Kraft ausstrahlen, selbst eine Gedichtslesung. Nun gut, das stimmt nicht ganz, es war ein Poetry Slam. Leider ist das fast unübersetzbar, unter dem Begriff des „poetischen Wettbewerbs“ würden sich viele Menschen nur wenig vorstellen können. Das Publikum entscheidet durch die Stärke des Applauses, welches Gedicht, welcher Vortragende sich gegen die unmittelbare Konkurrenz durchsetzt.

Auch die Gedichte sind nicht allzu zartbesaitet: keine Naturlyrik, eher engagierte Töne. Dennoch so kunstvoll in Form gebracht, dass auch Altbekanntes noch einmal neu erklingt. Zumindest dann, wenn es gut läuft. 

Und tatsächlich haben sich alle Dichterinnen und Dichter heute Abend Mühe gegeben. Da hält sich schon einmal der Applaus zwischen ihnen so die Waage, dass die Moderatorin eine Wiederholung dieser Bewertung braucht. Da war es fast unnötig, dass sie zu Beginn darum gebeten hatte, jedem Vortrag respektvoll zu begegnen.

Insgesamt schaffen die mitreißenden Gedichte Begeisterung. Auch wenn sie mein Nachbar ein wenig anders gewichtet, so sind wir uns einig: Der Abend hat sich für
uns gelohnt. Ich fühle mich nicht nur im Einklang mit mir selbst, sondern auch mit dem ganzen Publikum, auch wenn ich die meisten dort gar nicht kenne: Was mich fasziniert, begeistert grundsätzlich auch andere.

Wenn es doch nur immer so einfach wäre – auch im Alltag! Doch ist es gar nicht immer gut, im Einklang mit meiner Umgebung zu sein: Misst sich meine Beurteilung nur an den Maßstäben anderer Menschen, mache ich es mir eindeutig zu einfach – zu schnell schaltete sich dann das eigene Denken und schließlich auch die eigene Persönlichkeit aus. 

Begeisterung beim Poetry Slam bietet da zwar Erholung – doch nur, weil es ein herausgehobenes Ereignis ist. Und: Letztlich zählt es heute Abend wenig, welcher Poet gewinnt – wichtiger ist ihre Arbeit ihr Feilen am Ausdrucksvermögen. 

Natürlich kann ich sonst auch nicht durch das beste Abwägen den Lauf der Welt verändern, aber verantwortungsbewusst hier und da kleine, aber vielleicht hilfreiche Nuancen setzen.