Zeit für innere Ernte

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem kleinen Steinhaus mit roten Fensterläden in der Bergen der Toskana und versuche ein paar Sonnenstunden mehr in meinem Herzen abzuspeichern. Italienische Mücken schwirren um mich herum. Vor dem Pool zeigte uns heute die Wirtin Spuren im gepflegten Rasen von Wildschweinen. Abends gibt es bei Kerzenlicht ein Glas Rotwein. 

Auch hier liegt ein Hauch von Herbst in der Luft. „Herr, der Sommer war sehr groß“, dichtete einst Rainer Maria Rilke. Und auch wenn ich versuche mit einem Urlaub die Sonnenstunden noch zu verlängern weiß ich doch: Es ist auch die Zeit für eine Art innere Ernte. Am Pool liegend oder schwimmend habe ich dafür viele Momente zum Nachdenken. 

Ich habe einiges erlebt, mich inspirieren lassen und etwas Neues auf den Weg gebracht. Ich habe mit Menschen schöne Feste gefeiert und mich von anderen verabschiedet – in Gedanken oder auch an ihrem Gräbern. Und dort fand ich einmal mehr Worte, die zu meiner inneren Ernte gut passten. Bei vielen Bestattungen werden sie gesprochen: „Denn wer durch den verstorbenen Menschen Gutes erlebt hat, wer von diesem Menschen geliebt wurde, danke Gott dafür. Wer enttäuscht oder verletzt wurde, vergebe. Wer Unrecht getan, oder der Liebe schuldig geblieben ist, bitte Gott um Vergebung.“

Wie viele besser wäre es jedoch, dass diese Worte nicht erst an einem Grab verhandelt werden würden? Wenn wir mit den Menschen, die unser Leben berühren sagen, wie es um uns bestellt ist? 

Wie wäre es, wir zwischendurch immer mal wieder innehalten und eine Art „innere Ernte“ einbringen würden? Irgendwann könnte es dafür zu spät sein. 

Nicht immer ist es die große, emotionale Bilanz. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten, die ins Bewusstsein rücken und im Nachhinein fehlen. Eines der Dinge, die ich in diesem Jahr viel zu wenig gemacht habe, war das Schwimmen. Das hole ich jetzt im Urlaub ein bisschen nach und weiß: So Gott will und ich lebe, werde ich mich hoffentlich daran erinnern, wie viel Freunde mir das macht. 

Ich habe also noch einiges zu tun in diesem Spätsommer: Wichtigen Menschen sagen, wie sehr ich sie liebe, manchen vergeben und so viel schwimmen, wie ich kann.