Leben in Gottes Licht

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über biblische Hoffnung

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

aus Jesaja 29, 17–24

Wie schön wäre es, wenn die Welt heil wäre! Aber so vieles ist nicht heil. Eine 7. Klasse schreibt in einem Lied: „Ich wünsch mir eine Welt, in der die Menschen wieder glücklich sind.“   Diesen Wunsch teilen gerade viele Menschen, besorgt über gesellschaftliche und politische Entwicklungen und die eigene Zukunft. 

Der Blick in die Bibel zeigt, dass das nicht erst heute so ist. Schon vor gut zweieinhalbtausend Jahren hoffte der Prophet Jesaja glühend auf Veränderung. Israels politische Zukunft war düster, Jerusalem wurde belagert. An Solidarität, Vertrauen und Glauben bestand Mangel. Jesaja aber sieht heilsame Veränderung kommen. Träumte sich der Prophet Jesaja einfach fort aus seiner heillosen Gegenwart? Nein, er ist keinesfalls blind und taub für das, was um ihn herum geschieht. Er ist bestürzt über Umweltzerstörung durch die abgeholzten Wälder des Libanons. Er sieht die Ärmsten, denen jedes Lachen im Hals stecken bleibt. Er kennt die Tyrannen, die ohne mit der Wimper zu zucken, Unheil anrichten. Er erlebt, dass Recht haben noch lange nicht bedeutet, Recht zu bekommen. Er bedauert, wie viele Menschen ohne Sinn und Verstand handeln. Der Prophet beobachtet Menschen und Welt genau und nüchtern.

All dem jedoch hält er ein großes „Aber“ entgegen! Dieses „Aber“ schöpft er aus seiner unbändigen Hoffnung auf Gott! Menschen sind verunsichert, aber Gott schenkt Zuversicht. Das Miteinander ist zutiefst gestört, aber Gott bleibt liebevoll zugewandt. Menschen sind blind und taub für einander, aber Gott sieht und hört zu. Jesaja hofft – entgegen allem äußeren Anschein. Er vertraut fest: Neues Leben ist schon im Kommen – in einer kleinen Weile! Er vertraut darauf, dass es alles ändert, wenn Menschen neu auf Gott sehen, neu hören, Verstand annehmen. 

Wenn es doch so einfach wäre! Wir kennen leider auch ein anders großes „Aber“. Es spielt oft eine Rolle in unseren Überlegungen. Das sind Sätze wie diese: ich würde ja gerne etwas verändern, aber was kann ich schon bewirken. Ich möchte den Mund aufmachen und gegen Unrecht protestieren, aber was hätte das für einen Sinn. Ich wäre gerne gelassener, aber so vieles zieht mich runter. Mit dem Propheten Jesaja können diese Sätze nicht bestehen. Wer auf Gottes Gegenwart vertraut, wird nicht sagen können: Es ist ja doch alles sinnlos. Wer um die Wirklichkeit Gottes weiß, wird genauso wenig sagen, Hauptsache ich! Mehr interessiert mich nicht!

Jesaja wirbt um eine neue Sicht, nicht geprägt von dem, was ist, sondern schon jetzt getragen von dem, was sein wird. Er erinnert daran, wie Gott sich immer schon erfahrbar macht. Jesaja kennt die biblischen Erzählungen. Gott wirkte an Abraham, Jakob und an seinem Volk Israel immer wieder neu. Jahrhunderte nach Jesaja nimmt Gottes lebensschaffendes Wort selbst in Jesus Menschengestalt an. 

Wer sich mit dem Propheten Jesaja zur Hoffnung berufen lässt, wird in die Verantwortung genommen. Die Hoffnung auf Gott sagt uns, dass nichts bleiben muss, wie es ist, Zerstörtes muss nicht zerstört bleiben, Egoismus kann zu Solidarität werden. Hoffnung verändert Sehen und Hören.

Dekanin Ursula Brecht, Neustadt an der Aisch