Heilungsprozess niemals selbstverständlich

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RPZ-Leiter Jürgen Belz bei der Begrüßung im Heilsbronner Münster und Cornelia Richter. Fotos: Borée

„Tag der Schulseelsorge“ am Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn

Wie lässt es sich überhaupt aushalten? „Krise nonstop und das mitten im Schulchaos“? Mit dieser Frage wandte sich die Bonner Systematikerin Cornelia Richter an ihre Zuhörerschaft aus ganz Bayern zum „Tag der Schulseelsorge“ im Religionspädagogischen Zentrum (RPZ) Heilsbronn. Zu diesem Tag waren zumeist evangelische Religionslehrkräfte aus ganz Bayern (und darüber hinaus) angereist, um neben persönlichem Austausch auch etwas über den Dienst der Spiritualität bei der Resilienzarbeit zu erfahren.

Wie kann diese dazu beitragen, dass Schule wieder ein Ort wird, der „Sehnsüchte weckt“, wie RPZ-Leiter Jürgen Belz es in seiner Begrüßung formulierte, anstatt dort nur „saure Erfahrungen“ zu machen? Da war Pfarrerin Meike Hirschfelder als Leiterin des Bereichs Schulseelsorge dankbar, dass Cornelia Richter Differenzierungen zu dem Resilienz-Begriff einbringen konnte. 

Die Systematik-Professorin aus Bonn und Leiterin eines interdisziplinären Forschungsprojekts zu Resilienz warnte davor, Heilungsprozesse als zu harmlos, als bloße Bewältigungsstrategien gegen Stress anzusehen. Sie ringe vielmehr mit durchschlagenden Lebenskrisen oder mit einem massiven Trauma: „Das Glas ist erst einmal zerbrochen“, bevor sie unterstütze, mahnte sie bildhaft. 

Neben funktionierenden Bewältigungsstrategien, zumindest punktueller Begleitung durch Bezugspersonen, Selbstwahrnehmung oder -steuerung kommt selbst bei gängigen Ratgebern auch dem Vertrauen und der Sinngebung, Religion und Spiritualität eine wichtige Rolle zu – zumindest da, wo keine fundamentalistischen Zerrformen vorliegen.

Allerdings warnte Richter davor, diese Heilungsfaktoren als zu selbstverständlich anzusehen. Niemand, der sich mitten in einer existentiellen Krise etwa bei einer Begegnung mit dem Tod oder bei Missbrauchserfahrungen befindet, kann sicher sein, was er oder sie aushalten kann. Denn entgegen landläufiger Meinung sei Resilienz keine Persönlichkeitseigenschaft, die jemand hat oder nicht, sondern eher ein Weg des Umgangs damit. Anders sei dies auch eine „Katastrophe für die Seelsorge“, da dann Menschen nicht zu helfen sei, die dieses Merkmal eben nicht hätten. 

Somit ist Resilienz keinesfalls ein Mittel zur Selbstoptimierung oder zu mehr Wohlbefinden, sondern ein dynamischer Prozess an den eigenen Grenzen inmitten sozialer Bezugssysteme. Religiös hat die Botschaft vom Gekreuzigten da Impulse zu bieten: Nur durch Leiden hindurch kann neues Leben entstehen. Wir können es nicht einfach verdrängen. Dies geschieht nicht unbedingt aktiv, sondern eher „medio-passiv“ wie im Gebet – zu dem ich mich zwar aufraffen muss, in dem ich aber auch abgeben kann.

In einer existenziellen Krise geht alles verloren – es hören nicht nur die üblichen Routinen auf oder müssen zumindest angepasst werden – sondern „nichts passt mehr“, so Richter. Hoffnung, Ringen mit der Ambivalenz und das Besinnen auf das Eigentliche verschränken sich ineinander und sind nicht nur bloße aufeinanderfolgende Phasen. 

Wenn dies erfolgreich ist, lässt sich eine neue Integrität finden oder zumindest ein neues Narrativ, unter dem sie auch eine schwierige Lebensgeschichte deuten lässt. Gerade die großen Religionen – nicht nur das Christentum, so Richter – haben da ein großes Reservoir an Erzählungen von Krisen, den Elementen Trost und Hoffnung, an der Rhythmisierung durch Rituale oder Gemeinschaftsformen und schließlich an Rettungs-Bildern: Wunder seien selbst in den Jesus-Geschichten nicht einfach selbstverständlich, quasi ex machina. Nein, auch innerhalb der Erzählungen würden sie oft als Unfassbares erfahren werden – als großes „Trotzdem“, über das Paul Tillich und Viktor Frankl nachdachten. Es sei fast wie der kleine flackernden Kerzenschein aus der Taizé-Tradition, der von vielen als besonders heilsam erfahren werde.

Sicherlich hatten viele der Schulseelsorgenden wohl schon über dies Thema nachgedacht, doch konnte der Vortrag weitere Impulse geben. Danach gab es Möglichkeiten zum gemeinsamen Austausch auch darüber, wie sich Räume bei Krisen in der Schule schaffen lassen und wie die Seelsorgenden ihre Dimension der Spiritualität einbringen können.

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