Bild für Gottes Schutz – und menschliches Vergehen

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Editorial von Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Susanne Borée über den Schutz des Schattens

Schatten schützt. Er lässt die heiße Sonne besser ertragen. Das erleben wir in den letzten Wochen direkt an der eigenen Haut. Im alten Orient war dies lange von größerer Bedeutung als hierzulande. Da ist der Schatten oft vor allem ein Ort des notwendigen Schutzes vor der alles versengenden Sonne. 

Das spiegelt sich bereits in der Bibel wider: Gott bietet Schutz – besonders den Menschen, die unter dem „Schatten seiner Flügel“ leben (etwa in Psalm 36, 8; 57, 2; 63, 8). Und in Jes 25, 4–5 heißt es: „Denn du bist dem Geringen eine Festung gewesen, eine Festung dem Armen in seiner Bedrängnis, eine Zuflucht vor dem Wolkenbruch, ein Schatten vor der Hitze.“

Andererseits würde nicht nur die orientalische Sonne, sondern auch Gott selbst alle menschliche Existenz verdorren lassen. So muss selbst Mose von Gott beschattet sein, damit er nicht durch dessen überirdische Herrlichkeit vergeht (2. Mose 33, 22 f.). Erst als Gott vorüber ist, darf selbst Mose ihn nur von hinten sehen – ohne sein Antlitz zu erkennen.

So vergänglich wie der Schatten ist, so flüchtig sind auch die Tage der Menschen auf der Erde. Das ist ein Gedanke gerade aus den späteren Büchern des Alten Testamentes (Hiob 8, 9): „Unsere Tage sind ein Schatten auf Erden“ – ein Bild des Vergehens ohne Spuren zu hinterlassen: So sehr Schatten in der Hitze hilft – dies ist wenig tröstlich. 

Menschliches Leben „verdorrt wie Gras“ (etwa Hiob 14, 2). Das sehen wir gerade genügend. Für den Prediger (6, 12) sind alle Mühen unstet wie Schemen. „Denn wer weiß, was dem Menschen gut ist im Leben, die Zahl der Tage seines eitlen Lebens, welche er wie ein Schatten verbringt? Wer will dem Menschen kundtun, was nach ihm sein wird unter der Sonne?“ 

Spiegeln sich darin die Krisenerfahrungen einer Umbruchsepoche, die um ihre eigene
Identität rang? Auch die Vorstellung vom Schattenreich Scheol als Aufenthaltsort der Toten erfährt da in Auseinandersetzung zum hellenistischen Hades eine intensive und nachdenkenswerte Ausdeutung.

Kann ich nun nicht einmal mehr im Schatten zur Ruhe kommen, ohne an die dunklen Schemen der Vergänglichkeit und einer verdunkelten Zukunft zu denken? Oder schützt Schatten vor Überheblichkeit? Jedenfalls bietet mir mein Baum eine Pause vom Alltag, bevor ich im grellen Sonnenschein weiter wirke – oder ist auch das nur Selbsttäuschung?