Wer verliert wann an Wert?

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Editorial Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Abschlusspredigt des Kirchentages

Ein Mann steht auf einer Bühne und wedelt vor dem Publikum mit einem 50 Euro Schein. „Möchte den jemand?“, fragt er in die Menge und viele Hände gehen hoch. Da zerknüllt er den Geldschein, faltete ihn wieder auseinander und versucht ihn anschließend zu glätten. „Will ihn immer noch jemand?“ „Klar!“, ruft einer aus der ersten Reihe. Der Redner schmeißt den Schein zu Boden und trampelt auf ihm herum. Er hebt ihn wieder auf und fragt erneut die Menge: „Will ihn immer noch einer?“ Viele Hände sind zu sehen. 

„Das interessante ist doch“, sagt der Mann auf der Bühne, „dass dieser Schein nicht seinen Wert verloren hat – egal was ich mit ihm gemacht habe. Mit uns Menschen allerdings verhält es sich anders: Wir meinen oft, dass wir unseren Wert verlieren, wenn uns ‚das Leben zerknüllt‘ oder wenn auf uns herum getrampelt wird. Wie der Geldschein, so verlieren wir auch nicht unseren Wert – egal wie man mit uns umgeht.“ 

Das war ein Video, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Der Wert ändert sich nicht. Als Christ glaube ich erst recht, dass der Wert eines Menschen bei Gott selbst unermesslich hoch ist. Schließlich wird jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen und hat damit von Anfang an einen unschätzbaren Wert. Das bedeutet, dass jeder Mensch von Gott geliebt und gewollt ist. Das gilt für alle Menschen. 

Aber scheinbar dann vielleicht doch nicht für jeden? Pastor Quinton Ceasar predigte im Schlussgottesdienst auf dem Evangelischen Kirchentag. In den sozialen Medien las ich anschließend viel Verstörendes in den Kommentarspalten. Dabei ging es nicht um den Inhalt seiner Predigt, nein, die Angriffe waren geprägt von rassistischem Hass und pauschalen Vernichtungsfantasien. Gleichzeitig legten sie Wert darauf zu betonen, dass sie ausschließlich nach christlichen Werten handeln würden. 

Wie dieser Rassismus und Menschenfeindlichkeit mit christlichen Werten zusammenpassen soll, ist mir ein Rätsel. „Wir haben keine sicheren Orte in Euren Kirchen“, sagt Quinton Ceasar. Und es macht mich betroffen, traurig und wütend gleichzeitig, wenn ich dann so etwas lese. Scheinbar glauben wir dann doch an unterschiedliche Götter. Denn einen Mensch, der ein Ebenbild Gottes ist, kann ich nicht hassen. Denn das würde bedeuten, dass ich auch Gott hasse.