Tastende Suche nach neuen Takten

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Stelzenläufer im Engelskostüm beim Eröffnungsgottesdienst auf dem Kornmarkt nimmt Mitwirkende und Helfer unter seine Fittiche. Foto: Borée
Stelzenläufer im Engelskostüm beim Eröffnungsgottesdienst auf dem Kornmarkt nimmt Mitwirkende und Helfer unter seine Fittiche. Foto: Borée

Nürnberger Kirchentag ging komplexen Fragehorizonten zu den Krisen unserer Zeit nach

=> Mehr Impressionen vom Kirchentag

„Auf den Scherbenhaufen / ist es schwer zu laufen.“ So sang Jelena Herder  leider nur vor wenigen Zuhörenden in der größten Mittagshitze – doch am passenden Ort: in der Ruine des Katharinenklosters in der Nürnberger Altstadt. Für mich einer der wichtigen Kirchentags-Kommentare.

Die großen Problemfelder unserer Zeit liegen offen zutage: Ukrainekrieg, Klimakrise und die Nachwirkungen der Coronazeit. Um diese Horizonte zu umreißen, dazu bedarf es offenbar keinen Kirchentag. Er bot aber ein Forum, um viele Argumente noch einmal auszutauschen und zu beleuchten, um miteinander im Gespräch zu bleiben und nach gangbaren Wegen zu suchen. Einer der Eröffnungsgottesdienste auf dem Kornmarkt stand unter den Fittichen von Stelzenläufern im Engelskostüm, für die mühsam Wege im Gedränge freigehalten wurden. 

Da gilt es in besonderem Maße, auch andere Meinungen auszuhalten und nicht zu verachten. Unerträglich wird es dann, wenn andere Menschen bei ihrer Suche nach Antworten bedroht und beleidigt werden: Wenn Menschen meinen, dass nur sie die Wahrheit quasi mit Löffeln gefressen haben und alle anderen korrupt oder verblendet sind, disqualifizieren sie sich selbst.

Ringen um richtige Wege

Das war ein wesentliches Anliegen aller Beteiligten bei einem der ersten großen Hauptpodien am Kirchentag am Donnerstag in der überfüllten Frankenhalle des Messegeländes zum Thema „Ist die Demokratie krisenfähig?“ Der Wittenberger parteilose Oberbürgermeister Torsten Zubehör berichtete von privaten Anfeindungen, so dass seine Kinder ihn baten, von einer erneuten Kandidatur abzusehen. Von ähnlichen Erlebnissen berichteten der Hallenser Aktivist Jakob Springfeld und die Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt. 

Letztere ergänzte, dass es gerade in den sozialen Medien ihr gegenüber so viel hasserfüllte Kommentare gäbe, dass ein Mitglied ihres Teams davon vollständig überlastet sei und gar nicht mehr dazu käme, mögliche weitere bedenkenswerte und konstruktive Vorschläge herauszufiltern. Offenbar ist dies nicht nur ein Problem im Osten. Das Podium war auf der Suche nach Lösungen jenseits des juristischen Umgangs damit. Finden sich noch Schutz-
engel für konstruktives Ringen um den richtigen Weg? 

Auch der Umgang mit Geflüchteten stand erneut aktuell auf dem Prüfstand. Und der Umgang mit der Klimakrise beschäftigte den Kirchentag auf vielen Ebenen, nicht nur auf den Podien. Natürlich lässt sich immer etwas einsparen, aber jenseits des Verzichts fehlen wohl tragende Lösungsmöglichkeiten. 

Neben vielen Diskussionen zu dem Thema kam am Mittwochmittag die Fahrradgruppe an, die eine klimaneutrale Alternative der Fortbewegung bot. Die letzte Etappe war auch EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich mitgefahren. Der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus
König und der Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der sich aus Zeitgründen der Tour nicht anschließen konnte, begrüßten die Klimabewegten. Marcus König setzt sich für auch einen Ausbau der Radwege vor Ort ein.

Einen kreativen Ansatz bot die Herzogenauracher Gemeinde-Initiative „Rad‘tsch Mobil“: ein Radanhänger als Café und Anlaufstelle für Begegnungen oder Gespräche. Ziemlich genau 200 Kilogramm wiege er mitsamt Spüle. „Wir haben jede einzelne Tasse abgewogen“, so Anna Vogt am Ausschank. Die Initiative hatte dies in der Corona-Zeit ausgebaut, um draußen Begegnungen zu schaffen – und sei so an die Grenzen dessen gegangen, was für einen Fahrradtransport möglich ist. 

Eine wirkliche und schnelle Klimawende führt uns wohl ebenfalls an die Grenzen der Machbarkeit. E-Autos und Wärmepumpen für alle würden in vielen Regionen schon an fehlendem Strom scheitern, selbst wenn der noch nicht einmal aus erneuerbaren Energiequellen stammt – noch verstärkt von fehlenden Handwerkern zum Einbau, aber mit oft überflüssiger Bürokratie.

Zersplitterte Friedenswege

Noch mehr Hilflosigkeit zeigt sich beim Ukrainekrieg. Auf dem Hauptpodium in der Frankenhalle etwa diskutierte der Kirchentagspräsident und ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, und Wirtschaftsstaatssekretär Sven Giegold (Grüne), der über Waffenlieferungen entscheidet. Ferner waren der EKD-Friedensbeauftragte und mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer sowie seine Kollegin aus Baden, Heike Springhart, dabei. Kramer begründete seine Ablehnung von Waffenlieferungen mit der Bergpredigt. Die Ukraine verteidige sich „völlig zu Recht“, Deutschland habe auch eine „Blutschuld“ gegenüber Russland. Breuer entgegnete: Ohne Waffenlieferungen „wäre der Krieg vermutlich zu Ende“. Natürlich sind Verhandlungen die beste Lösung: Doch was tun, wenn eine Partei den Pfad der Vernunft verlassen hat?

Kramers Position ist auch in der Kirche umstritten. Die badische Landesbischöfin Heike Springhart erinnerte daran, dass auch der Zweite Weltkrieg durch militärische Hilfe beendet wurde. Über die Probleme des „gerechten Krieges“ oder „gerechten Friedens“ solle eine EKD- Kommission in den nächsten zwei Jahren nachdenken – beflügelndere Lösungswege gab es nicht. 

Viele bekannte Politiker begründeten ihr Ja zu Waffenlieferungen. Andere Perspektiven dazu boten weitere Podien mit Gästen aus Osteuropa: Sie zeigten deutliche Angst vor Folgekriegen etwa im Kaukasus, in Südosteuropa oder im Baltikum. 

Lässt sich dem Aggressor mit passivem Widerstand begegnen? Darüber diskutierte ein Forum der reformierten Martha-Gemeinde unweit des Hauptbahnhofes. Als Gast trat dort unter anderem der südafrikanische Theologe Christo Thesnar auf, der von Versöhnungsprozessen aus seiner Heimat berichtete. Zwar gab es Beispiele aus den ersten Kriegswochen, in denen russische Panzer durch eine unbewaffnete Bevölkerung vor ukrainischen Dörfern zum Abdrehen bewogen werden konnten, doch Kampfdrohnen und Bomben beeindruckt das eher wenig. 

Christinnen und Christen glauben an eine Antwort auf die Frage, die Jelena Herder in einem ihrer Songs weiter stellt: „Wer hält jetzt unsere Welt, / wenn alles auseinanderfällt?“ Trotzdem bleibt wichtig: „Jetzt ist die Zeit“ auch für persönliche Entscheidungen und verantwortliches Handeln. Da stimmt wohl Bonhoeffers Satz, dass niemand ohne Schuld aus solchen ethischen Dilemma-Entscheidungen herausgeht. Es bleibt wohl nur miteinander auf dem Weg zu sein und unter Gottes Schirm einander aushalten zu können.