Osterzeugen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Österliche Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.

aus 1. Kor 15, 1–11

Ostermorgen 2020. Stille. Keine Orgel. Keine Bläser. Als es langsam anfing, hell zu werden, habe ich die Kirche aufgeschlossen und die Osterkerze angezündet. Dieses Licht sollte für alle, die in die Kirche kamen, leuchten. Da ging die Kirchentür auf und sie kam mit einem kleinen Einkaufswagen herein. „Auf den kann ich mich draufsetzen und ausruhen, wenn ich nicht mehr kann“, sagte sie. Vor kurzem hatte sie mit Ende 80 aufgehört, die Gottesdienste auf der Orgel zu begleiten. „Frohe Ostern! Heute spiele ich. Trotzdem.“ Dann ging sie auf die Orgelempore und spielte Osterlieder. 

Trotzdem. Die Oster-Hoffnung ist für mich eine Trotzdem-Hoffnung. „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“ hat sie gespielt. Fröhlich, weil mit Ostern diese trotzige Hoffnungsbotschaft in die Welt gekommen ist, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Gegen die Todesmächte, Kriege, Angst. 

Der Apostel Paulus hatte den Korinthern das Evangelium von der Auferstehung gebracht. Jetzt, nach der Begeisterung des Anfangs, lässt ihr Glaube nach. Zweifel an der Auferstehung der Toten machen sich breit. Da erinnert er sie an das Evangelium, das er ihnen weitergegeben hat. 

Auch ich brauche diese Erinnerung. Heute an Ostern, am Sonntagmorgen und jede Woche. Und ich brauche Menschen, die mich immer wieder an die verwandelnde Kraft der Auferstehung erinnern. 

Paulus zählt den Korinthern eine Vielzahl von Zeugen und wohl auch Zeuginnen auf, die den Auferstandenen gesehen hatten. Als letzten der Zeugen nennt er sich selbst und erzählt seine Auferstehungsgeschichte. Ihm ist der Auferstandene auf dem Weg nach Damaskus erschienen, wo er die christliche Gemeinde bekämpfen wollte. Aus dem Christenverfolger wird nun der, der andere zum Glauben bringt. Paulus erlebt die verändernde Kraft von Ostern. Durch Gottes Gnade hat sich sein Leben radikal verändert. Vom Tod zu neuem Leben. Ohne sein Zutun. 

Ostergeschichten sind oft sehr persönliche Geschichten. Sie handeln von geschenktem Leben und von Neuaufbrüchen, davon, dass sich etwas löst, dass sich Wege in scheinbar ausweglosen Situationen auftun. Sie erzählen von der Kraft der Auferstehung, die Menschen erfahren und vom Vertrauen darauf, dass uns nichts, wirklich gar nichts, von der Liebe Gottes trennen kann. 

Paulus bleibt nicht der letzte Osterzeuge. Viele Menschen nach ihm haben als Osterzeuginnen und Osterzeugen die Botschaft vom auferstandenen Christus weitergetragen. Auch wenn sie Jesus nicht gesehen haben. Sie haben ihre Ostererfahrungen geteilt. Ihre Hoffnung gegen allen Augenschein. Ihre Trotzdem-Hoffnung.

Die Welt braucht Osterzeuginnen und Osterzeugen. Menschen die immer wieder an die Kraft der Auferstehung erinnern. „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“. Es ist keine naive Weltflucht, in dieser Zeit fröhlich sein zu wollen. Menschen, die fröhlich sind über Gottes Sieg über den Tod, tragen eine Hoffnung in die Welt, die befreit von Angst und Resignation. Trotzdem.

Pfarrer Felix Breitling, München

Lied 100: Wir wollen alle fröhlich sein

rotabene
An dieser Stelle schreiben verschiedene Autoren für das Evangelische Sonntagsblatt.