Kunst. Räume. Religion

266
Reflektierende Metallplatten an der Decke der Arkadenhalle an der Tauber sind Teil des Kunstwerkes von Arianna Moroder, Artist in Residence 2022.Foto: Bek-Baier
Reflektierende Metallplatten an der Decke der Arkadenhalle an der Tauber sind Teil des Kunstwerkes von Arianna Moroder, Artist in Residence 2022. Foto: Bek-Baier

„Orte und Wege ästhetischer Bildung“– Symposium im Wildbad Rothenburg 

Zu einem dreitägigen Kunstsymposium in das Evangelische Tagungszentrum Wildbad Rothenburg, hatte die Landeskirche, das Erwachsenenbildungswerk und das Institut für Praktische Theologie im Fachbereich Evangelische Theologie der Uni Erlangen-Nürnberg geladen. Die Veranstaltung richtete sich an alle, die über das Verhältnis von Kunsterfahrung und religiöser Erfahrung nachdenken wollten: Theologen, Studierende, Forschende, Künstler.

Um es vorwegzunehmen, die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Religion wurde auch in diesem Symposium nicht erschöpfend beantwortet. Vielmehr sei es ein Puzzle geworden, sagte der Leiter der Tagung, Professor Dr. Peter Bubmann vom Institut für Praktische Theologie im Fachbereich Evangelische Theologie der FAU Nürnberg. Die Anregungen, die die Teilnehmenden erhalten hätten, könnten sie mitnehmen und zusammensetzen.

Brückenschläge

„Wir Theologen tendieren dazu, Kunst in theologische Konzepte einzuordnen“, gab Bubmann im Gespräch mit dem Sonntagsblatt nach Ende der Tagung zu bedenken. „Da müssen wir vorsichtig sein!“ Im Sinne der Freiheit der Kunst habe man sich stattdessen auf ein respektvolles Miteinander eingelassen. Die Frage sei gewesen, wie wahrt man die Eigenständigkeit von Kunst und Religion und wird nicht übergriffig. Man habe sich auf die Suche nach Brücken gemacht. 

Der Pädagoge Jörg Zirfas, Erziehungswissenschaftler aus Köln, sagte es läge im Gefühl – Sinn und Geschmack seien Brücken, um Kunst und Religion füreinander zu gewinnen. Professor Christian Zürner für Soziale Kulturarbeit aus Regensburg fand das gemeinsame Element von Kunst und Religion in der Sorge um die Welt. Jede sorge sich auf ihre Weise: Die Kunst mit ästhetischen Mitteln, Religion mit religiösen Symbolen. Aber über diese Sorge könne man sich zwischen beiden Bereichen austauschen, so Bubmann. „Es gibt Überschneidungen in diesen Grundfragen.“

Überraschend wären für ihn die Erkenntnisse gewesen, die sich aus den Vorträgen aus den historischen Disziplinen ergeben hätten. Angefangen bei der Kirchweihpredigt in der Antike, über den Kunstreligionsbegriff zu Beginn des 19. Jahrhunderts, über den der Theologe für Systematik an der Augustana Hochschule, Markus Buntfuß sprach. „Im 19. Jahrhundert wurde Kunst als Ersatz für Religion, als eine Kunstreligion verstanden. Das sehen wir nicht mehr so“, sagte Bubmann. 

Steckt in der Kunst Gott?

Schließlich führte der historische Bogen zu Richard Wagner, über den Professor Eckhard Roch vom Institut für Musikforschung in Würzburg referierte. „Für Wagner verkörperte sich gegen Ende seines Schaffens in der absoluten, erklingenden Musik die Transzendenz“, so Bubmann. Dem würde man heute widersprechen. Ebenso sei man vorsichtig, wenn gesagt wird, „in der Kunst stecke Gott drin.“ Der einzelne Mensch könne durchaus ästhetische Erfahrungen mit Kunst machen. „Es gibt Brücken, die jeder Mensch für sich begehen muss, bei denen es sein kann, dass ihn Kunst dermaßen aus der Bahn wirft, dass er für sich sagen kann, da erfahre ich Gott“, räumt Bubmann ein. „Aber wir können als Theologen Gott nicht in bestimmte Kunstwerke bannen. Die Kunst ist frei, sie dient nicht unseren Zwecken.“

Der Professor für Praktische Theologie i.R., Klaus Raschzok, ehemals an der Augustana Hochschule, gab einen Überblick über den Kirchenbau im 20. und 21. Jahrhundert. Er zeigte auf, wo Kunst auch den religiösen und praktischen Bedürfnissen im sakralen Bau dienen kann.

Für den Berliner Künstler Benjamin Zuber, waren die Räume während des Diskurses nicht so sehr zentral, wie er abschließend in einem Statement sagte, sondern die Differenzen und die Schnittmengen beider Systeme, Kunst und Religion. Betrachtet man den Kunstort Theater und vergleicht ihn mit Religion, so ginge es im Theater um das Übertreffen der Erwartungen. In der Liturgie drehe sich alles um das Eintreffen der Erwartungen. „Das Spiel mit nicht eintreffenden Erwartungshaltungen, ist wesentliches Element von Kunst. Religion hat als wesentliches Element, das Eintreffen von Erwartungen.“ In der Begegnung der Systeme Kunst und Religion könne Neues entstehen.

Zuber war „Artist in residence“ im Jahr 2021 (Seite 11) im Wildbad. Sein Werk „Denkmal der Gebrechlichkeit“ steht neben dem Arkadengang des Wildbads zur Stadtseite. Der Leiter des Hauses, Wolfgang Schuhmacher hatte am zweiten Tag des Symposiums eine Andacht an Zubers Kunstwerk gehalten. „Ich habe als Künstler von Anfang an gewusst, in welchem Kontext, einem kirchlichen Haus, meine Kunst hier stehen wird, dass hier Andachten und Kunstführungen stattfinden werden. Eine Andacht wird dadurch aber auch zum Teil des Kunstwerkes.“

„Kunst ist ein Forschen“

Zum Verhältnis des wissenschaftlichen Charakters der Tagung sagte der Künstler, „Kunst legt Wert auf einen subjektiven Zugang zu einem Gegenstand, die Wissenschaft möchte dagegen die Objektivität und Allgemeingültigkeit eines Objektes erforschen. Kunst ist daher keine Wissenschaft, aber es ist auf alle Fälle ein Forschen.“

Helmut Braun, Leiter des Kunstreferats Landeskirche fragte zum Abschluss des Symposiums, „wie kann man diesen theoretischen Diskurs als Baureferat oder Kunstreferat in den Alltag mit Kirchengemeinden, einfließen lassen?“ Das Wildbad sei als Ort eine Kunststation par excellence mit verschiedensten Formaten, wie art residency oder Kunst-
ausstellungen. „Kunst hat die große Stärke, dass man non verbal eine Ausdrucksform findet, die gleichzeitig be-greifbar ist.“

Christlicher Lebenskunstort

Der Ort für den Diskurs war wohl gewählt. „Wir begreifen das Wildbad als einen christlichen Lebenskunstort, der viele Dimensionen aufzeigt“, sagte Wolfgang Schuhmacher, der Leiter des Tagungshauses. „Die Kunstwerke, die sich beispielsweise durch das Projekt ,art residency“‚ im Skulpturenpark vermehren, sind mehr als einfach Kunst, sondern geben Hinweise zur Transzendenz“, so der Theologe. „Wir arbeiten aktiv mit den Kunstwerken, machen spirituelle Angebote und bieten Andachten an und setzen Menschen und ihre Fragen in Kontext mit Kunst.“ Es entstünde so ein ,Gesamtkunstwerk Wildbad‘. Bubmann abschließend: „Wir haben bei diesem Symposium das Wildbad als Kunstraum genutzt und die Anregungen genossen, die es als Lebenskunstort bietet und seine Schätze gehoben.“