„Wir verteilen unsere Hilfe nicht anonym“

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Hilfslieferung für Poltawa, 350 Kilometer südöstlich von Kiew. Foto: DELKU
Hilfslieferung für Poltawa, 350 Kilometer südöstlich von Kiew. Foto: DELKU

Ein Jahr Ukraine-Krieg: Lutheraner dort, aber auch in Russland beschreiben die Lage

„In diesem Jahr haben wir gesät und geerntet, dabei sind leider auch einige Menschen ums Leben gekommen“ – durch Munition und Minen überall auf den Feldern. So erklärte Pavlo Shvartz im vergangenen November vor der Synode der Estnischen Evangelischen Kirche. Er selbst ist Bischof der Deutschen Evangelischen Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU) und gleichzeitig Pfarrer in Charkiw. In Estland zog er Bilanz, was der Krieg bisher aus seiner Perspektive angerichtet hat. Dies soll nun zusammengefasst sein, nachdem die Kämpfe inzwischen ein Jahr lang gehen.

Gerade in seiner Heimat, in der ostukrainischen Stadt Charkiw „gibt es viele Schäden. Die meisten Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser, 50 Schulen und viele andere Gebäude, darunter auch Wohnhäuser, wurden zerstört. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.“ 

Doch gleichzeitig wird so schnell wie möglich repariert und wieder aufgebaut, was die Bomben zerstören: Nachdem etwa nachts eine Rakete ein großes Loch in eine Straße im Stadtzentrum riss, begann bereits am Morgen die Reparaturen. „Als ich am Abend zurückkam, war die Straße neu gepflastert worden.“

Im Herbst verbesserte sich die Lage in Charkiw nach der Befreiung der umliegenden Gebiete deutlich: „Die Hauptbedrohung sind jetzt also Raketen und Drohnen. So seltsam es auch klingen mag, für die Bewohner von Charkiw, die die ganze Zeit vor Ort waren, ist das Leben fast normal“, so Shvartz. „Das größte Problem sind die Stromausfälle. Die Menschen stören sich an Internetausfällen, aber der Mangel an Wasser und Wärme ist tatsächlich ein ernstes Problem.“ Ohne Strom „funktionieren einige Heizungssysteme und Abwassersysteme nicht“. 

Auch im Süden der Ukraine, in der Hafenstadt Odessa ist die lutherische Gemeinde aktiv, wie der Bischof berichtet: „Hier haben wir eine neue Sozialarbeiterin. Sie besucht mehrere hundert dieser Menschen in sechs Dörfern. Wir können praktisch alle Lebensmittel in der Ukraine kaufen. So unterstützen wir die ukrainische Wirtschaft. Wir verteilen unsere Hilfe nicht anonym. Es ist wichtig, mit den Menschen zu sprechen. So können wir herausfinden, was sie wirklich brauchen. Oft brauchen Menschen geistige Hilfe mehr als materielle Hilfe. Dieser Kontakt hilft auch, Leute fernzuhalten, die mit Hilfe Geschäfte machen wollen. In Kriegszeiten gibt es immer Menschen, die nichts haben, und solche, die viel haben und es verstecken.“ 

Hilfe, keine Mission

Insgesamt ist Pavlo Shvartz aber wichtig, nicht versteckte Mission durch Gaben zu betreiben: „Wir wollen auch nicht, dass eine Person, die ein Hilfspaket erhalten hat, Lutheraner wird. Selbstverständlich könnten sie Lutheraner werden, aber nicht wegen des Hilfspakets. Natürlich wäre es einfach, einen vollen Saal zu bekommen, wenn wir sagen würden, dass nach dem Gottesdienst humanitäre Hilfe verteilt wird. Wir haben die Gemeinden gebeten, sonntags keine Hilfsgüter zu verteilen, weil wir nicht wollen, dass die Leute nur deswegen kommen.“

Wie von ihm vorausgesehen, gibt es in den dunklen Monaten des Jahres den größeren Bedarf an Hilfsleistungen: Diese „ist teurer, denn wir brauchen Dinge zum Wärmen, Kleidung, Generatoren, Elektronik, Kerzen.“ Und Taschenlampen. „In Charkiw wird die Straßenbeleuchtung seit Februar nicht mehr angeschaltet.“ Wer sich abends etwa zu Fuß bewegen will, braucht Licht, „um etwas zu sehen und um nicht von Autos angefahren zu werden“. 

Auch die Bildungsarbeit der Kirche geht weiter: „Im Mai haben wir wieder mit der Arbeit mit Kindern begonnen. Schon vor dem Krieg hatten wir Sonntagsschule, Kunst- und Musikunterricht. Die meisten der Sonntagsschulkinder sind ins Ausland gegangen, aber jetzt haben wir zweimal pro Woche eine neue Gruppe. Seit dem Herbst helfen wir ihnen auch mit Online-Kursen.“ 

Doch es ist immer Unterstützung für die Arbeit mit Computern wichtig, „da in den letzten Jahren ein großer Teil der Ausbildung über das Internet erfolgt ist. Aber eine Online-Kirche kann nie eine echte Kirche ersetzen. Wir kaufen viele hochwertige Bücher für Kinder.“ Denn: „Wir wollen eine Kirche sein, die dem Einzelnen dient, nicht der Masse. Unsere Ukrainische Lutherische Kirche möchte Menschen helfen, geistig unabhängig zu werden.“

Dazu kommt „eine Sonntagsschule in Kiew. Im Gebiet Odessa gibt es seit 13 Jahren eine spezielle Arbeit mit Kindern, die Probleme beim Lernen haben.“ Es fällt schwer, ihre Traumata zu überwinden, um mit ihnen arbeiten zu können.“ 

„Das Leben in der Ukraine geht trotz des Krieges weiter und die Kirche ist nicht tot.“ Sicher sind Gottesdienste, und Gebete – aber auch die Synode der Kirche im Herbst „ein wenig anders geworden. In Zeiten des Krieges und der Krise lernen wir also viel. Wir lernen, wie wir anderen Menschen wirklich helfen können. Wir lernen, unsere Ressourcen optimal und intensiv zu nutzen.“ Auch für ihn ist Widerstand wichtig: „Die Lage in der Donbass-Region hat bereits gezeigt, dass wir im Falle einer Besetzung durch Russland eine verfolgte Minderheit sein werden.“ 

Gebet aus Russland

„Die Lage bei uns in Russland wird immer schwieriger und verwirrter. Aber wir versuchen das Beste zu tun, um unserer Kirche hier zu dienen“, berichtet Anton Tichomorov, stellvertretender Erzbischof der Lutherischen Kirche in Russland (ELKR). Er fass seine Klage in ein Gebet: „Unser Herr, Gott der Liebe! Setze unter unseren Völkern und in unseren Herzen eine Grenze dem Hass, auch wenn er grenzenlos erscheint. Setze eine Grenze dem Durst nach der Rache, obwohl er unersättlich scheint. Setze eine Grenze dem Schmerz, auch wenn er unerträglich erscheint. Beende das Blutvergießen, obwohl es unaufhaltsam scheint. Lass die Schuldigen zur Reue kommen, die Verzweifelten zu lebendiger Hoffnung, die Verwirrten zum Vertrauen, und alle zum Frieden.“

Dieter Brauer ergänzt: „Dieser Krieg tötet Männer, Frauen und Kinder, er löscht alles aus.“ Er war vor einem Jahr Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands (ELKR), sowie der Bischof der regionalen Kirche Evangelisch-Lutherische Kirche im Europäischen Russland (ELKER). Ihr Gebiet erstreckt sich von Kaliningrad bis in die Wolgaregion. Nach dem 24. Februar hielt er eine Predigt, die deutlich  Kritik am Krieg äußerte. Im März floh er mit seiner Familie nach Deutschland und ist nun Pfarrer in Ulm. Sein im Herbst 2022 gewählter Nachfolger in der ELKER, Andrei Dschamgarow, starb unerwartet am 9. Februar an einem Schlaganfall.

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