Flammenengel stürzt ins Dunkel und Chaos

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Marc Chagall: Engelsturz. Aus der Ausstellung „Welt in Aufruhr“ der Frankfurter Schirn-Kunsthalle. Zur Verfügung gestellt vom Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung. Foto: © VG Bild-Kunst, 2021, Bühler
Marc Chagall: Engelsturz (Detail). Aus der Ausstellung „Welt in Aufruhr“ der Frankfurter Schirn-Kunsthalle. Zur Verfügung gestellt vom Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung. oto: © VG Bild-Kunst, 2021, Bühler

Schau „Welt in Aufruhr“ zeigt Verwobenheit Chagalls mit dem Schrecken der Shoah

Der sprichwörtliche Maler der Leichtigkeit malte auch in düsteren Farben. Das zeigt gerade die Frankfurter Schirn-Kunsthalle am Römerberg mit einer aktuellen Chagall-Ausstellung unter dem Titel „Welt in Aufruhr“. Sie macht anschaulich, wie auch düstere Schaffensphasen das Werk dieses langlebigen Künstlers (1887–1985) prägten. 

„Chagalls Arbeiten der 1930er- und 1940er-Jahre sind stark beeinflusst von den politischen Entwicklungen in Europa und seiner eigenen Lebenserfahrungen. Marc Chagall und seine Familie mussten Paris verlassen und über den Süden Frankreichs 1941 schließlich in die USA emigrieren“, erklärt der Katalog zusammenfassend für diese Jahrzehnte seines künstlerischen Lebens und Schaffens. So soll in diesem Jahr zum Holocaust-Gedenktag an sein Werk und die Ausstellung erinnert sein. 1944 starb dann auch seine geliebte Frau Bella überraschend. Danach malte er länger nicht. 

Marc Chagall vermittelte in den 1930er- und 1940er-Jahren vielfältige Facetten seiner jüdischen Identität. Er identifizierte sich mit den Ermordeten. Zugleich setzte er sich mit Jesus als Repräsentant des leidenden Volkes Gottes auseinander.

Wie sehr Chagall mit den gestalterischen Ausdrucksformen ringt, zeigt sich gerade auch in seinen ein- oder mehrfach überarbeiteten Werken. „Der Engelsturz“ (Bild oben) entstand in einer ersten Fassung zunächst 1923. Chagall bezeichnete es nach 1945 als „das erste Bild der Serie von Vorahnungen“. Er überarbeitete es nachweislich zweimal 1933 und 1947 intensiv – immer in enger Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen, wie der Ausstellungskatalog darlegt. 

Kurz vor der ersten Version des Bildes hatte Marc Chagall mit seiner Familie die Heimat in der Sowjetunion verlassen. Nach der Oktoberrevolution hatte er versucht, in seiner Heimatstadt Witebsk, heute in Weißrussland gelegen, eine Kunstschule aufzubauen. Doch fühlte er dort sein künstlerisches Schaffen immer weiter eingeschränkt.

Zunächst zog es ihn nach Berlin. Denn in Deutschland hatte er vor dem Ersten Weltkrieg mehrere Bilder zurückgelassen, die inzwischen verkauft worden waren – und das Geld der Inflation zum Opfer gefallen. Kurz vor Hitlers Putschversuch Ende 1923 war der Künstler mit seiner Familie nach Paris weitergereist. 

Dort malte er viele seiner durch Krieg und das bisherige unstetige Wandererleben verlorenen Bilder nach. Und die erste Version des „Engelsturzes“. Dort finden sich lediglich die zwei wichtigsten Motive: der stürzende Engel und der fliehende Mann mit der Thorarolle. 

Entwicklung nach 1933

Eine zweite Variante entstand 1933. Wohl die Machtübernahme der Nationalsozialisten bewegte Chagall 1933 dazu: In dieser Variante, die als Fotografie erhalten ist, fügte er weitere Motive hinzu.

Es ist der endgültigen Fassung schon sehr ähnlich: Obwohl Chagall das Bild 1933 in Basel ausstellte, „ringt er weiterhin mit der Komposition, wie eine Reihe von Skizzen aus dem Jahr 1934 belegen“, erklärt der Katalog weiter. 

Eine der Skizzen zeigt bereits das Motiv der Kreuzigung neben dem Engel. Chagall stellt Jesus nicht als den Erlöser dar, sondern als gewaltsam ermordeten jüdischen Märtyrer, so Leon Joskowitz in seinem Essay über Chagalls Jesus-Darstellungen im Katalog. Jesus hängt zwar in traditioneller Weise am Kreuz, aber immer wieder trägt er in den Gemälden Marc Chagalls gerade aus dieser Schaffensepoche anstatt der üblichen Dornenkrone die jüdische Gebetskapsel, den Tallit. Dies etwa auch in der Skizze von 1934. 

In der fertigen Version des „Engelsturzes“ kann man in seinem Lendentuch einen Gebetsschal erkennen. Jesu Heiligenschein dort spiegelt sich in dem Lichtschein, der von der Menora zu seinen Füßen ausgeht, ja, sie überstrahlt ihn.

Endlose Schreckensvision

Bevor Chagall 1947 aus den USA nach Frankreich zurückkehrte, beendete er seine Versionen des „Engelsturzes“. Diese späte Variante ist noch einmal besonders düster. Auch der Engel hat sich sehr verändert: Er erscheint nun weiblich, seine rote Farbe wie eine lodernde Flamme zwischen Himmel und Erde. Fast furchterregend starrt uns ein Auge des entstellten Engelsgesichts an. 

„Der Engel scheint nun nicht mehr selbst die Ursache des Schreckens zu sein, sondern erschrickt selbst vor den Geschehnissen auf der Erde“, so der Ausstellungskatalog. Damit zeigt der Künstler eine direkte Reaktion auf die politischen Ereignisse. Neben der Kreuzigung schmiegt sich eine Madonna, aber sicher auch jede schutzsuchende Mutter mit ihrem kleinen Kind, an den Engelsflügel.  In einer früheren Skizze war sie noch in den Körper des Engels eingebunden. Eine Pendeluhr schlägt die Stunde wie in Chagalls Heimat.

Mit dem Engel zusammen fällt ein Mann in Alltagskleidung und Gehstock fast schon auf den Kopf des Juden, der die Thora in Sicherheit bringt. In ihrer obersten Zeile soll der hebräische Name „Chagall Moshe“ (sein Geburtsname) zu erkennen sein – als Identifikation des Künstlers mit der Szene. Ein vernebelter Mond (oder eine düstere Sonne?) kann dort die Nacht kaum noch erhellen.

Auch Elemente von Chagalls Heimatstadt Witebsk erscheinen immer wieder in seinen Gemälden. Auf dem „Engelsturz“ lassen sich rechts unten einige der Hütten entdecken, die auch weitere Bilder prägen und offenbar durch Chagalls ostjüdische Heimat inspiriert sind. 

Außerdem nimmt Chagall ein Motiv aus seinem Gemälde „Einsamkeit“, auf dem ein Gläubiger unter seinem Gebetstuch in melancholischer Haltung schützend die Thorarolle festhält, wobei ihm eine Geige spielende leuchtende Kuh Trost spendet. Dies Tier erscheint als Zeichen für die Kraft des Lebens. Die Geiger spielten in den ostjüdischen „Schedtl“ an den wichtigsten Lebensereignissen wie Hochzeit oder Tod. Blau weist auf den Himmel, Transzendenz hin. Gelb bedeutet bei Chagall oft einen Hinweis auf das Gottesvolk. Sie stellt sich dem Engelsturz entgegen. Doch sein Schrecken bleibt. Susanne Borée

Ausstellung bis 19. Februar in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle am Römerberg täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr geöffnet, mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr. Mehr unter https://www.schirn.de/besuch/, dort auch Buchung eines Online-Tickets für ein festgelegtes Zeitfenster, wochentags für 14 Euro, sonst für 16 Euro, Ermäßigungen möglich. Der Katalog ist online zu 45 Euro erhältlich.