Eine Kraft Gottes!

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Hab 2,4): „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Römer 1, 16–17

Ihr Evangelischen seid da schon weiter und in vielem schon wesentlich freier und meines Empfindens nach passender in die heutige Zeit. Aber, wenn ich so ehrlich sein darf: ich finde den althergebrachten Ritus könntet Ihr auch noch ordentlich überarbeiten. Da bräucht‘s vielleicht mal wieder eine Reformation.“  Sie lacht, als sie das sagt. Die Kabarettistin Amelie Diana, wegen „renitenter Gestrigkeit“ aus der katholischen Kirche ausgetreten, nimmt – wie Luther – kein Blatt vor den Mund. 

Luther hatte an die Paulus-Stelle in Römer 1 beharrlich angeklopft „mit glühend heißem Durst“, bis er seine reformatorische Entdeckung machte und der Bibeltext für ihn „das Tor zum Paradies“ wurde. Ihm ging ein Licht auf, und er erkannte: Mein ganzes Leben und Streben muss nicht bis zum Himmel reichen, ich selbst kann nichts dazu tun, um mir die Gnade Gottes zu verdienen. Es reicht, Gottes Geschenk anzunehmen und ihm zu vertrauen, dass er gnädig ist und mich ohne mein Verdienst befreit von dem, was mich von ihm trennt. 

Diese Einsicht hat Martin Luther völlig verändert. Er hat dafür gearbeitet und gelebt, dass Menschen den gnädigen Gott erleben, hat damit die Reformation in Gang gesetzt und mutig seine Kirche verändert.

Ja: Kirche muss sich verändern – immer wieder. Das hat schon Martin Luther betont. Und „mal wieder eine Reformation“, das würde uns in diesen Zeiten wahrscheinlich guttun. Aber die Kabarettistin hat gut reden. Sie kann Kirche in Frage stellen und den Finger in die Wunde legen, auf Probleme aufmerksam machen, ohne sie selbst lösen zu müssen.  Und doch gelingt es ihr mit ihrer Kritik, mich aufzurütteln: Wenn Amelie Diana eine neue Reformation und eine zeitgemäße Gottesdienstgestaltung fordert, fühle ich mich angesprochen und herausgefordert.

Klar, wir müssen jetzt nicht unsere gute Tradition und alles Bewährte über Bord werfen. Und doch sind wir eingeladen, auf Entdeckungsreise zu gehen und uns auf Neues einzulassen. Klar, wir sollten Rücksicht nehmen auf die, die zu uns kommen und Halt suchen bei unserem Gott, die kommen mit ihrem Vertrauen, mit ihrem Durst nach Geborgenheit und Heimat, mit ihren Fragen und Zweifeln, mit ihrer Sehnsucht. Und doch können wir uns fragen, ob wir auch mal Rücksicht auf die Bedürfnisse derer nehmen, die nicht oder nicht mehr kommen. Klar, wir könnten sagen: Wir haben doch schon so viele neue Gottesdienstformen. Doch das können natürlich nur die erleben, die zu uns kommen.

Wahrscheinlich müssen wir mehr dahin gehen, wo die Menschen sind, zu ihnen kommen und zuhören, ins Gespräch gehen über Gott und die Welt. So könnten wir Menschen abholen und mitnehmen. Die Impulse aus den Begegnungen würden vermutlich unsere Gottesdienste verändern: Mehr Dialog, mehr und neuere Musik, mehr Mitmachen – nicht immer, aber immer öfter.

Ich selbst, ich wäre ein miserabler Reformator. Von Gottes Gnade getragen versuche ich, mit kleinen Schritten vorwärts zu gehen. Aber was mir fehlt, ist die freche Freiheit einer Amelie Diana. Und mir fehlt ganz sicher der Mut eines Martin Luther.

Pfarrer Rolf Wohlfahrt, München