Gewaltsam gefangen in einer Zeitschleife?

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Éamon de Valera und Michael Collins 1922.Fotos: pa
Éamon de Valera und Michael Collins 1922.Fotos: pa

Hundert Jahre irische Unabhängigkeit: Konflikt der Konfessionen oder Interessensstreit?

Alles war bereit an diesem Montag, den 16. Januar 1922: Anstelle der britischen Fahne sollte fortan die irische Trikolore über Dublin Castle wehen. Die alte Normannenfestung inmitten der Hauptstadt des künftigen irischen Freistaates ging nun feierlich an die neue provisorische Regierung. Nur die Hauptperson fehlte: Michael Collins als Repräsentant der neuen irischen Regierung. Verspätet kam er aus dem Wochenende: „Ihr seid hier seit sieben Jahrhunderten – was machen da sieben Minuten?“ 

Seit dem Mittelalter herrschte England über seine Nachbarinsel. Durch die Reformation nahmen die Unterschiede zwischen ihnen noch einmal an Fahrt auf. Denn seit dem 17. Jahrhundert kamen dort immer mehr protestantische Siedler meist aus Schottland an. 

Eine Kartoffelfäule löste ab 1846 eine gewaltige Hungersnot aus, da gerade die armen Pächter in Westirland einseitig abhängig davon waren. Mindestens eine Million Menschen verhungerten. Noch viel mehr wanderten zumeist in die USA aus. Insgesamt verringerte sich die Bevölkerung in wenigen Jahren von 8,5 Millionen auf fast die Hälfte. 

Die britische Regierung ließ sich von harter liberaler Wirtschaftspolitik leiten und half kaum. Im Gegenteil: Sie ließ trotz des Hungers Getreideexporte aus Irland zu. Sie ergriff Partei für die Grundbesitzer, die als protestantische Siedler aus England oder Schottland gekommen waren. Ihnen gelang es leicht, die hungernden Pächter zu vertreiben.

Selbstverwaltung zu spät verabschiedet

Erst ab etwa 1870 änderte sich die britische Politik: Landgesetze gaben den kleinen irischen Farmern mehr Rechte und übertrugen Land zurück. Aber das war zu spät: Die bisherigen Erfahrungen brachten auch der irischen Unabhängigkeitsbewegung viel Zulauf. 1914 entschied sich das britische Unterhaus nach mehreren Anläufen für ein „Home Rule“, also eine Selbstverwaltung Irlands. Sofort traten die überwiegend protestantischen nordirischen Gebiete dagegen auf. Wie ließen sich alle Interessenskonflikte unter einen Hut bringen?

Bevor eine Lösung gefunden werden konnte, brach der Erste Weltkrieg aus: Das Gesetz wurde vertagt. Seitdem zeigt sich der ganze Konflikt wie gefangen in einer Zeitschleife, in dem ein Kompromiss zur Abspaltung einer militanten Minderheit führt, die sich schließlich verhandlungsbereit zeigt … und so fort. Ebenso wenig lösen lässt sich die Frage, ob es sich um einen konfessionellen oder sozialen Konflikt handelt, da beide Ebenen eng miteinander verwoben sind.

Kein Ausweg aus der Gewalt?

Zurück zum Ersten Weltkrieg: Bis nach Kriegsende wollten irische Nationalisten nicht warten: Obwohl Hunderttausende Iren unter britischer Flagge kämpften, führte der zunächst gescheiterte Dubliner Aufstand an Ostern 1916 zu weiteren Unruhen in Irland. 

Im Frühjahr 1918 fehlten Soldaten. Die allgemeine Wehrpflicht wurde auf Irland ausgedehnt. Gerade die untere Mittelschicht wäre massiv davon betroffen gewesen. Dies heizte den Konflikt zusätzlich an. Kollektive Verweigerung lähmte das Land. Auch die kleine Labour Party Irlands hatte den Osteraufstand aktiv geprägt und organisierte nun einen Generalstreik. Also doch eher Weltrevolution als „Rome Rule“? Gerade erst hatte Lenin in Russland die Macht übernommen. 

Die Sozialbewegung mobilisierte zwar Massen, ließ aber den Nationalisten den Vortritt. Bei Wahlen direkt nach dem Krieg im Dezember 1918 trat sie nicht an. Die Nationalisten gewannen von 105 Sitzen 73 im Süden. Die Befürworter der Union im Norden mit weiteren 26 Sitzen auch fast alle verfügbaren Mandate dort. 

Nationalisten an vorderster Front

Die Nationalisten der Partei „Sinn Féin“ (Wir selbst) gingen nicht mehr nach London, sondern trafen sich Anfang 1919 zu einem unabhängigen irischen Parlament in Dublin. Arthur Griffith, einer der Führer der Nationalbewegung, trat für getrennte Regierungen ein. Éamon de Valera, einen Veteranen des Osteraufstandes, wählten die Abgeordneten zum Präsidenten der Republik. Sie widmeten sich dem Aufbau einer eigenen Verwaltung und Gerichten. 

Bis zu 100.000 Freiwillige begannen gleichzeitig gerade die ländlichen Gebiete im Süden und Westen durch Boykotte und Gewaltakte schier unregierbar zu machen. Aus ihnen entstand die Irische Republikanische Armee (IRA): Kleine „fliegende Kolonnen“ von rund einem Dutzend Kämpfern terrorisierten gezielt gerade die kleinen britischen Polizeistationen auf dem Land oder Transporte auf den unübersichtlichen Sträßchen mit ihren Steinmauern – und tauchten wieder ab. Derweil legte die Eisenbahner-Gewerkschaft Schienentransporte lahm. Die Gewalt machte eine Verwaltung vieler Landstriche schier unmöglich. 

Zusammenspiel verschiedener Kräfte 

Der irische Anführer Michael Collins organisierte sie effektiv und schleuste Agenten in die Gegenseite ein. Und er organisierte einen finanziellen Unterbau, indem er Steuern direkt eintrieb oder Anleihen und Spenden aus den USA holen ließ. Selbst führte er praktisch ein Leben auf der Flucht. Der Kinofilm „Michael Collins“ von 1996 hat seinen Kampf eindrücklich aufgearbeitet – geht jedoch mit der Geschichte auch kreativ um, personalisiert sie und spitzt sie auf ein Liebesdrama zu. Die Bewegung war jedoch keine Wenige-Mann-Schau.

Eine irische Delegation machte sich 1919 sogar auf nach Versailles: Dort tagten die Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg zur Neuordnung Europas. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson wollte dort das Selbstbestimmungsrecht der kleineren Nationen verwirklichen. Aus den besiegten Ländern Österreich-Ungarn und Russland schufen kleinere Völker ihre Nationalstaaten. Die Friedensverträge erkannten dies an. 

Doch die amerikanische Regierung weigerte sich, die irische Delegation zu empfangen, obwohl Éamon de Valera durch die USA tourte. Zehntausende meist irischstämmige Menschen strömten zu seinen Reden. So konnte er einmal genau 34 Minuten nicht zu reden beginnen – wegen zu lautem Jubel im Vorfeld. 

Eine andere Delegation reiste auch nach Russland. Doch die Kommunisten waren noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt und Irland zu abgelegen für sie.

Gewalt – und kein Ausweg?

Auf der Insel steigerte sich die Gewaltspirale ins Bodenlose: Da sie die Terroristen kaum erwischen konnten, sandten die Engländer paramilitärische Kräfte: Sie terrorisierten die Familien der Kämpfenden – oder gleich ganze Ortschaften, in denen es Gewalt gegeben hatte.

Im August 1920 verhafteten britische Kräfte Terence MacSwiney, Bürgermeister der drittgrößten Stadt Cork. Er trat mit anderen in einem Aufsehen erregenden Hungerstreik. Er starb nach 74 Tagen. 

Ein Höhepunkt der Gewalt war der „Blutsonntag“ vom 21. November 1920. Nach der Ermordung von zwölf britischen Agenten am Morgen feuerten Hilfstruppen nachmittags in die Zuschauer eines Gaelic-Football-Spiels und töteten 14.

Ende 1920 versuchte London eine Neuauflage der Selbstverwaltung im „Government of Ireland Act“. Nordirland erhielt als erstes faktisch Selbstverwaltung – obwohl sie die gar nicht gewollt hatte. Doch die Regierung dort begann dies sofort für die eigenen Interessen zu nutzen. Die Nationalisten im Süden waren nicht gefragt, obwohl de Valera nach Irland zurückgekehrt war.

Bis zum Sommer 1921 erklärten sich beide Seiten zu Verhandlungen bereit. Sie sahen kaum noch Möglichkeiten, den Konflikt für sich zu entscheiden. Immer wieder war es seit Anfang 1919 den Rebellen gelungen, London – und letztlich auch die USA – vorzuführen. Hinzu kam noch, dass im Mai 1921 die IRA direkt im Sommerhaus des damaligen britischen Premierministers David Lloyd George herumspazierte, ihm wohl auch ungeschützt begegnete, aber „nur“ ihre Parolen anbrachte. 

Die Bilanz der Gewalt: 2.100 Getötete von Anfang 1917 bis Ende 1921 – gleichzeitig erlagen 1918/19 mindestens 20.000 Iren der Spanischen Grippe. Im Ersten Weltkrieg fielen mehr als 50.000 irische Soldaten an der Seite Englands. Aber Irland schien unregierbar gemacht. 

Andererseits hielt es Collins nicht mehr für möglich, den Terror weiterzuführen. Er sprach von nur 2.000 aktiven Kämpfern. Sie hatten kaum noch Waffen und Munition.

Den Hass überwinden?

Die Verhandlungen im Herbst 1921 führten zum Anglo-Irischen Vertrag. Der Unterschied zum „Home Rule“ von 1914? Kaum: Die Teilung der Insel war schon damals praktisch unumgänglich. Weniger als Glaubensfrage, sondern aufgrund der unterschiedlichen Interessen und der sozialen Spaltung längst der Konfessionen. Sie konnten sich nicht auf eine Herrschaftsform einigen. Der Eid auf den britischen König spielte 1914 keine ausdrückliche Rolle, war aber faktisch vorausgesetzt. Damals sollten neben einem eigenen irischen Parlament auch noch 42 irische Abgeordnete die Interessen in London vertreten. Doch war 1921 die administrative Selbstverwaltung beider Teile Irlands erweitert. 

„Nun haben wir die Freiheit, die Freiheit zu erinnern“, hatte Michael Collins argumentiert. Wäre dies nicht schon 1914 möglich gewesen – ohne Tausende Tote? Schon bei der Unterzeichnung des Vertrages hatte er aber auch kommentiert: „Ich habe womöglich mein tatsächliches Todesurteil unterschrieben.“ Er versuchte, auch die Gegner in die Selbstverwaltung zu integrieren. 

Trotz der Wahlerfolge der Vertrags-Befürworter provozierte die Gegenseite Kämpfe, die den Bürgerkrieg brachten. Collins führte die „Freistaatler“ militärisch an. Am 22. August geriet er in einen Hinterhalt – und wurde gezielt getötet. 

Der Vertrag spaltete auch die unteren Schichten. Gerade im ärmeren Südwesten des Landes lagen Hochburgen der Gegner. Die Labour-Partei trat im Sommer 1922 mit eigenen Kandidaten an. Im Bürgerkrieg schlossen sich einige Mitglieder den Vertragsgegnern an. Die Führung aber trat für den Vertrag ein.  

Brauchte es wieder Jahrhunderte der Gewalt? Ein Mann der zweiten Reihe, William T. Cosgrave, übernahm das Ruder. Bisher eher unscheinbar, doch ier schaffte das Wunder: Die Rebellen streckten im April 1923 die Waffen.

Langsam gelang dem Freistaat die Neuorganisation der Gemeindeverwaltungen, der lokalen Schulen und Gerichte sowie des Gesundheitswesens. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise blieben im Rahmen: Irlands Agrarexporte blieben stabil. Das Statut von Westminster von 1931 gewährte den Dominions, also auch Südirland, Unabhängigkeit bei der Gesetzgebung.

Und de Valera bewies schließlich, dass Michael Collins Recht gehabt hatte. Er wurde im März 1932 zum irischen Premierminister gewählt. Der Machtwechsel vollzog sich geräuschlos und demokratisch – und das war allein schon ein Wunder in einem Europa, in dem es nach der allgemeinen Unzufriedenheit kaum mehr Demokraten zu geben schien. Cosgrave akzeptierte den Machtwechsel – an einen Gegner im Bürgerkrieg und Nationalisten.

Die Labour-Partei unterstützte 1932 de Valera, da er soziale Reformen in ihrem Sinne versprach. Bald begann er, den Freistaat stufenweise umzuformen. Erneut spaltete sich ein radikaler Zweig der IRA ab, der bis 1939 in England bombte. 

Im Zweiten Weltkrieg blieb Südirland neutral. 1949 trat das Land aus dem Commonwealth aus: Der König war nicht mehr ihr Oberhaupt. Nach seiner Abwahl trat de Valera anders als viele Zeitgenossen wieder geräuschlos ab. Das sind die Wunder der Geschichte. Später wechselten sich Ex-Vertragsgegner und -befürworter ab. Erst 2020 bildeten sie eine gemeinsame Regierung.

Nur Nachspiel im Norden?

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es den Werften und Industriezentren Nordirlands wirtschaftlich gar nicht gut. Sie waren veraltet. Gerade katholische Unterschichten wurden arbeitslos. Das eskalierte seit 1969 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gerade in den Städten. 

1972 löste die britische Regierung die nordirische Selbstverwaltung auf und ließ die Provinz direkt von London aus regieren. Die ganze Palette von Terror, Gegengewalt, Boykott und Hungerstreik war wieder da. Doch wurden Gegner des Vereinigten Königreiches teils willkürlich und ohne ausreichende Gerichtsverfahren inhaftiert. Die Armee spielte keine rühmliche Rolle. Allmählich nahm die Gewalt zwar ab, doch fehlte eine Lösung. 

Premierminister Tony Blair schuf 1998 eigene Regionalregierungen und -parlamente in Nordirland, Schottland und Wales. Und am 10. April 1998 schlossen die Regierungen Irlands, Großbritanniens sowie die nordirischen Parteien das „Karfreitagsabkommen“. In getrennten Volksabstimmungen nahmen die Nordiren dies mit 71 Prozent und die Menschen der Republik Irland dies gar mit 94 Prozent an. Neben der Selbstverwaltung war eine Wiedervereinigung Irlands nicht ausgeschlossen, wenn sich die Mehrheit der Nordiren dafür ausspricht. Die Republik strich den Wunsch nach Vereinigung aus der Verfassung. 

Die paramilitärischen Truppen auf beiden Seiten Nordirlands ließen sich entwaffnen. Selbst militante Gegner wie der protestantische Prediger Ian Paisley und sein Gegenspieler Gerry Adams saßen bald an einem Tisch. Ihre Parteien übernahmen gemeinsam Regierungsverantwortung. Faktisch gab es immer weniger Unterschiede zwischen beiden Teilen Irlands – da ja bislang beide der EU angehörten. 

Der Wohlstand stieg hüben wie drüben. Was geschieht nun nach dem Brexit – zumal 63 Prozent der Nordiren dagegen stimmten? Die Grenze zumindest bleibt offen.

2011 gehörten rund 42 Prozent der Nordiren protestantischen Kirchen an und es gab 40 Prozent Katholiken – ihre Entwicklung ist steigend. Kann es sein, dass es bald eine Mehrheit für eine Vereinigung – und damit für die gesamte Insel in der EU gibt? Das Karfreitagsabkommen gilt. Lässt sich das Wunder von 1932 oder 1949 wiederholen? Oder folgt eine neue Waffenrunde? Das ist nicht entschieden – hoffentlich geht es nicht wieder Jahrhunderte lang gewaltsam weiter.

Literatur-Auswahl (auch für Seite 8, Zitate als eigene Übersetzungen):

– Mícheál O Fathartaigh und Liam Weeks: the Irish War of Independence, Newbridge 2021, 264 Seiten, ISBN 978-1-788-5515-95.

– Gretchen Frieman: The Treaty. Kildare 2021, 298 Seiten, ISBN 978-1-785-3742-03.

– John Gibney: The Irish War of independence an Civil War, 2021, 162 Seiten, ISBN 978-1-526-757982. 

– Chrissy Osborne: Michael Collins, himself, Dublin 2003, 136 S., ISBN 978-1-856-354073.