Krisen-Kompass immer und überall

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Martin Bei-Baier Editorial Hintergrundbild Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt von Chefredakteur Martin Bek-Baier

Das Editorial zum Hören:

 

Und zum Nachlesen:

Gerade in der Nacht, wenn ich wach liege und die Gedanken herum schweifen – oder um einen schlimmen Punkt in meinem Leben kreisen –, dann ist von meinen Freunden keiner erreichbar. Alle schlafen und meine Angst ganz allein zu sein nimmt zu“, erzählt mir eine Freundin. Ich versichere ihr, dass sie mich immer – auch nachts um drei – anrufen kann. 

Aber nicht jeder hat so einen Freund, nicht jeder traut sich das … und was, wenn ich den Anruf nicht höre, weil ich das Telefon vielleicht leise gestellt habe? Es gibt einen Dienst der Landeskirche und ihrer Einrichtungen, der genau für diese Fälle da ist: Die TelefonSeelsorge.

Nun führen wir die neue Serie fort, in der wir in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeskirche über die seelsorgerlichen und beratenden Dienste unserer Kirche berichten. In vierzehntägiger Folge wird über je einen Bereich der Kirche gleichzeitig im Rothenburger und Münchner Sonntagsblatt berichtet. Wir hatten diese Serie vor zwei Wochen an Erntedank begonnen. Nun ist die TelefonSeelsorge Thema des Berichts.

Es sind vorwiegend Ehrenamtliche, die diesen so wichtigen Dienst unserer Kirche ausfüllen. Jetzt im Herbst beginnen die Ausbildungen der Ehrenamtlichen zu Telefonseelsorgern wieder  vielerorts. Denn nicht nur in der Nacht, sondern auch in der dunkleren Jahreszeit nimmt die Verzweiflung von Menschen zu. Mitbringen sollte man für das Ehrenamt Einfühlungsvermögen, Toleranz, Belastbarkeit und Offenheit sowie die Bereitschaft, einen Nachtdienst zu übernehmen. Nicht gerade wenig. Und doch beginnen immer wieder Ehrenamtliche diese Ausbildung und diesen Dienst, im Bewusstsein Leben retten zu können.

 Ja,  es kommt vor, dass sich ein Mensch so stark verfahren und in einer für ihn ausweglosen Situation sieht, dass er an Suizid denkt. Gut, wenn er es dann schafft, bei der TelefonSeelsorge anzurufen. Dann haben die Mitarbeitenden eine Chance, ihn durch diese existenzielle Krise zu begleiten.

Aber das Gesicht dieser Seelsorgesparte ändert sich und geht mit der Zeit. Per Mail und per Chat findet heutzutage genauso Seelsorge statt. Die Nachfrage ist groß. Die Mail- und Chatbegleitung wird gerade von jungen Menschen sehr häufig genutzt. Sogar eine App der Telefonseelsorge gibt es: Den Krisen-Kompass.