War JHWH immer Einzelgänger?

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Gezer-Kalender (links). Elfenbeinornament aus SamariaFotos: akg
Gezer-Kalender (links). Elfenbeinornament aus Samaria.

Frühe archäologische Funde mit Gottesinschrift beleuchten den Weg des Gottes Israels

War der Einzelgänger JHWH etwa verheiratet? Die Auserwählte kennen wir sogar mit Namen: Aschera. Dabei erscheint JHWH doch als grimmiger, eifernder Einzelgänger, der alleinige Gott Israels, dessen Name nur mit den vier Buchstaben umschrieben wird und noch nicht einmal ausgesprochen werden darf. 

Doch unmissverständlich sagt eine neu aufgefundene Inschrift, die mit Tinte auf Vorratskrüge in Kuntillet Ajrud auf dem Sinai um 800 vor Christus geschrieben ist: „Ich habe Euch gesegnet durch JHWH und seine Aschera.“ Eine entsprechende Widmung findet sich auch in Khirbet el-Qom bei Hebron im ausgehenden 8. Jahrhundert vor Christus. 

Da war bereits der Prophet Amos aufgetreten, dessen Worte als erste zusammenhängend überliefert sind. So viele Missstände er auch kritisierte – zu Aschera schweigt er. Erst die Richter- und Königsbücher beschreiben, wie gerechte Menschen gegen Aschera vorgingen.

Manche Archäologen wiegeln ab, dass „Aschera“ auch eine Kultstätte bedeuten könnte. Doch ist sie als kanaanäische Göttin bekannt. Auf der Inschrift lässt sich neben der Abbildung eines Gottes auch eine Frau erkennen. Also wird auch noch das Gebot durchbrochen, dass niemand sich ein Abbild von Gott machen dürfe? Doch Archäologen haben Massen an Aschera-Figuren neben Baals-Gestalten und Stieridolen gefunden, die dies zu bestätigen.

Und war Aschera nicht auch die Frau von Gottes Gegenspieler Baal?  Ging also JHWH gar fremd? Oder waren die Israeliten nach ihrer Ankunft in Kanaan so gut assimiliert?

Archäologisch spricht jedoch auch nichts für einen Exodus oder eine gewalttätige Landnahme der Israeliten in der Zeit kurz vor dem Jahr 1203 vor Christus. Damals bezeichnet eine Stele des Pharaos Merenptah einen nomadisch lebenden Stamm dort als „Israel“, wie Dieter Vieweger in seiner „Geschichte der biblischen Welt“ zeigt (Ausgabe 2).

Der Pharao Ramses II. hatte um 1250 v. Chr. Chapiru-Sklaven aus dem Osten – was ein wenig nach „Hebräer“ klingt. Doch fanden sich bisher in Israel keine archäologisch nachweisbaren Zerstörungen in der Landnahmezeit oder kein schneller Umbruch. Bei der vagen geografischen Verortung des Schilfmeeres und der Route gen Israel muss man sich laut Vieweger „ohnehin fragen, ob die biblischen Erzähler eine reale Vorstellung vom Sinai besaßen“. Eher lässt sich zeigen, dass um diese Zeit Halbnomaden langsam sesshaft wurden und sich um die Städte, die durch Krisen an Macht und Reichtum verloren hatten, ansiedelten.

Gezer-Kalender für JHWH-Kult?

Schon vor mehr als hundert Jahren fanden Archäologen den so genannten Gezer-Kalender. Das ist ein kleiner Kalkstein (links), sieben mal elf Zentimeter groß, aus der gleichnamigen Stadt rund 50 Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Aber er ist beschrieben in althebräischer Schrift und stammt aus dem 10. Jahrhundert vor Christus. Er gliedert das Jahr in verschiedene Saat und Erntezeiten im Monatsrhythmus. 

Handelt es sich dabei um Aufzeichnungen eines Schülers? Oder um Ernteverträge? Vieweger vermutet stattdessen: „Die beiden isolierten Personennamen und das viereckige Loch am Bruchrand lassen an andere Funktionen denken, wie z. B. an einen kultischen oder magischen Gebrauch. Möglicherweise diente die Kalksteintafel ihrem Besitzer als Gebet oder Beschwörung für segensreiche Wachstumsperioden.“ Einen der Namen PDYH deutet er als „Padayahu“ und übersetzt: „JHWH hat freigekauft“. Das ist dann wohl das erste schriftliche Beispiel, dass sich ein Name von JHWH ableitet.

 

Gott des Königshauses

Die Mescha-Stele der Moabiter feiert um 850 v. Chr. die Befreiung dieser Region östlich des Jordans von israelischer Oberhoheit. Sie erwähnt bereits das „Haus Davids“. Gleichzeitig nennt sie auch JHWH als israelischen Kriegsgott und Schutzherrn des Königshauses. Das war zur Zeit der Omriden, deren bedeutendster Vertreter Ahab war. Daneben bestand im Süden das kleinere und ärmere Juda.

Die Existenz von Göttern im alten Orient wurde nicht hinterfragt, aber ihre Effizienz. Konnten Herrscher in seinem Namen siegen? Der Monotheismus begann mit dem Anspruch, JHWH besondere Ehren zuteil werden zu lassen. Dann sollte nur er allein verehrt sein – und schließlich nur er existieren. 

Besonderes Missfallen des Propheten Elia erregte Ahabs Hochzeit mit der phönizischen Prinzessin Isebel. Sie trägt den Namen „Baal“ schon in der letzten Silbe ihres Namens. Gut möglich, dass sie den Baalskult in Israel stärken wollte.

Doch zwei Söhne Ahabs, die nach ihm regierten, hießen Ahasjahu, „JHWH hat ergriffen“ und Joram, „JHWH ist erhaben“. Ahab begann die Hauptstadt Samaria prachtvoll auszubauen. Der Königspalast war mit wertvollem Elfenbein geschmückt (Bild rechts). Mussten die Schwachen dafür bezahlen? Das warf Elia ihm vor. 

Israel gerettet

Trotz der Niederlage gegen Moab besiegte Ahab den aramäischen König von Damaskus, Ben-Hadad II. Gemeinsam mit diesem einstigen Gegner trat er 853 vor Christus in der Schlacht von Karkar am Orontes dem Assyrerkönig Salmanassar III. entgegen. Dabei stellte Ahab eins der größten Kontingente. Der Assyrer vermeldete einen großen Sieg. Doch: „Die tatsächlichen Kräfteverhältnisse im mittleren und südlichen Syrien deuten jedoch in eine andere Richtung“, so Vieweger. Assur hat sich dort wohl nicht durchgesetzt. 

Das Nordreich Israel hatte noch eine Verschnaufpause von gut hundert Jahren gewonnen. 732 v. Chr. eroberten es dann doch die Assyrer. Sie nahmen dort auch die Götter als Beute, wie sie notierten. Das lässt darauf schließen, dass sie im Plural und gegenständlich gedacht waren. Im Südreich Juda stieg nun plötzlich die Bevölkerung stark an – vermutlich durch Flüchtlinge aus dem Norden. Gleichzeitig gibt es plötzlich dort viel mehr schriftliche Quellen. 

JHWH von Samaria war besiegt. Trotzdem brachten die Emigranten erste Texte der frühen Propheten, oder auch die Jakobs- und Exodus-Erzählungen in ihre neue Heimat mit. 622 v. Chr. entdeckte dort König Josia das Deuteronomium, das 5. Buch Moses. Oder entstand es da erst? Es fordert einen Monotheismus, der über frühere Alleinverehrung JHWHs hinausgeht.

587 v. Chr. belagerten die Babylonier Jerusalem. Zu dieser Zeit, wie aus dem Fundzusammenhang ersichtlich, versteckte ein Einwohner zwei beschriftete Amulette aus aufgerolltem Silberblech. Sie enthielten Segenssprüche. Unter anderem hieß es dort fast wortgleich mit 4. Mose 6,24: „JHWH segne dich und behüte dich; JHWH lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Der Glaube an ihn hatte nach langen Wegen seine Form gefunden – gerade in der Niederlage.

Dieter Vieweger: Geschichte der biblischen Welt, 3 Bände, Gütersloh 2019, ISBN 978-3-5790-1479-1.

=> Was sich über das „Haus Davids“ und den Beginn dieses Reiches archäologisch zeigen lässt