David ohne Palast – Salomo ohne Tempel?

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Dieter Viewegers Geschichte der biblischen Welt. Foto: Borée
Dieter Viewegers Geschichte der biblischen Welt. Foto: Borée

Was sich über das „Haus Davids“ und den Beginn dieses Reiches archäologisch zeigen lässt

Gerade von Weihnachten aus haben wir es noch im Ohr, dass Jesus, der Sohn Davids und die „Wurzel Jesse“ erschienen ist. Vielen Generationen von Bibellesern war so deutlich, in welcher Traditionslinie er steht. Doch wir heute stocken zunehmend: Was lässt sich über David historisch sagen? Viele Archäologen stellen seine Existenz in Frage. Dieter Vieweger zeigt unter anderem ausführlich Erkenntnisse über diese Zeit in seinem dreibändigen Werk „Geschichte der biblischen Welt“. 

Erste Erwähnungen der Bleichen Welt von außen

Besonders die Zeit um das Jahr 1.000 vor Christus lässt sich archäologisch nur schwer fassen, so der Archäologe und Alttestamentler, der das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman leitet. Kurz vor 1203 spricht eine Stele des Pharaos Merenptah einen nomadisch lebenden Stamm in der südlichen Levante als „Israel“. Er befand sich also damals schon im Land Kanaan, war aber noch nicht sesshaft. Erst wieder um 930 vor Christus lässt sich die alttestamentarische Chronologie von außen verankern: Da nennt eine Triumpfszene des Pharaos Schoschenk I. die Zerstörung verschiedener Orte im Küstenbereich des späteren Heiligen Landes bis nach Megiddo. 

Parallel berichtet 1. Könige 12 ff. vom Abfall des Nordreiches und den Eroberungen eines Pharao Schischak (14,25), wohl der hebräische Name Schoschenks, unter dem Nachfolger Salomos. 

Die gesamte Landnahme- und Richterzeit sowie die Epoche des vereinigten Reiches in Israel unter Saul, David und Salomo, das ungefähr zwischen dem Jahr 1.010 und 926 vor Christus datiert wird, lässt sich also nicht durch andere Quellen verankern (vgl. Sonntagsblatt-Ausgaben Nr. 44/2019 und Nr. 9/2020). 

Spektakuläre Funde des Palasts Davids oder gar Hinweise auf die Arche Noah hält der Archäologe Eric H. Cline für Effekthascherei. In seiner „Biblischen Archäologie“ zeigt er das mühsame Geschäft der Entdeckungen in den letzten 200 Jahren.

Kaum Hinweise auf ein Staatswesen vor 3.000 Jahren

Die Ausgräber um Israel Finkelstein legen nun dar: Hinweise auf ein zentral organisiertes Staatswesen mit schriftlicher Verwaltung, der Massenproduktion von Keramik und Monumentalbauten fänden sich erst nach 950 vor Christus. Viele größere Befestigungsbauten im Nordwesten wie Megiddo oder Jesreel scheinen erst zur Zeit der Omriden und deren bedeutendsten Vertreter Ahab (um 873–852) befestigt worden zu sein. 

Immer wieder versuchten die Ausgräber, Funde mit den C-14-Untersuchungen möglichst exakt zu datieren. Über einen Zeitraum von 3.000 Jahren hinweg lassen sie sich nur schwer auf ein Jahrzehnt genau eingrenzen, so Vieweger. 

Die „Low Chronology“, die die Staatswerdung in Juda spät ansetzt, und ihr Gegenpart liegen inzwischen nur noch rund 30 Jahre auseinander, zwischen 980 und 950 vor Christus. Das kann aber immer noch ausreichen, um die davidische Zeit stark einzuschnüren. Oder David für einen mehr oder minder unbedeutenden Clan-Chef ohne große Verwaltung und Residenzen zu halten.

Dieter Vieweger beschreibt nun intensiv die Ausgrabungen in Khirbet Qeyafa etwa 30 Kilometer südwestlich von Jerusalem durch Yosef Garfinkel. Dies brachte neue Akzente. Garfinkel datiert die Gründung des Ortes auf die Zeit zwischen 1025 und 975. Da er zwei Stadttore gefunden hat, was seiner Meinung nach ungewöhnlich sei, identifiziert er den Ort mit dem biblischen Schaaraim, der dieses Merkmal im Namen trägt. Finkelstein wiederum kontert, dass der Ort, wenn überhaupt, eine Gründung des Nordreichs gewesen sei. Dazu hält Vieweger sie für zu weit südlich vorgeschoben. Der Ort kann nur schwer eine Gründung der Philister sein, die an der Küste siedelten. Es gibt archäologische Hinweise auf enge Verbindungen ins Bergland. Dort fanden sich beschriebene Tonscherben, mit der Bezeichnung für „König“. Aber die Größe des Davids-Reiches lässt sich archäologisch nicht klären.

In Jerusalem wiederum gibt es wenig Bekanntes über die Ausdehnung und den Ausbau der Stadt vor rund 3.000 Jahren. Erste Anfänge der Stadt lassen sich wohl bis ins 12. oder 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Terrassenbauten weisen bis in diese Zeit. Fortwährende Überbauungen zerstörten mögliche darunter liegenden Schichten. Hinzu kommt, dass an mehreren Stellen der Altstadt, gerade auf dem Tempelberg, Grabungen kaum möglich sind, ohne die Gefühle mindestens einer Religion massiv zu verletzen. 

Aber Inschriften zum „Haus Davids“

1993 entdeckten Archäologen in Nordisrael im Quellgebiet des Jordans die so genannte Tel Dan-Stele, die wohl aus der Zeit um 850 vor Christus stammt. Die Inschrift war nur durch das abendliche Streiflicht erkennbar, wie Cline eindrucksvoll beschreibt. Danach besiegte ein König der Aramäer im heutigen Libanon, den König Joram von Israel, der Sohn Ahabs, und (Ahas)jahu, Jorams Sohn, aus dem Hause Davids. 

Einige Forscher wollen den Ausdruck „Haus David“ auch in einem teilweise zerbrochenen Abschnitt der Mescha-Stele entdeckt haben, die 840 vor Christus verfasst wurde. Im 10. Jahrhundert zeige sich im Judäischen Bergland ein deutlicher Ausbau von befestigten Siedlungen mit Stadtmauern gegen Bedrohungen, mit Vorratshäusern, die eine Belebung des Handels vermuten lassen, und innerstädtischen Wasserinstallation, so Vieweger. 

Die so genannten „Pferdeställe Salomos“ in Megiddo, die dort und ebenso in Hasor und Gezer auf wehrhafte Befestigungen hinweisen, scheinen doch eher Mitte des 9. Jahrhunderts entstanden zu sein. Vom Nachfolger Davids finden sich bislang keine Nachweise außerhalb des Alten Testaments: weder Hinweise auf seinen Tempel in Jerusalem (was aber auch überbaut sein könnte) noch auf eine erhöhte Bautätigkeit im Land rings herum. 

Gewaltige Konstruktion des Alten Testaments

Also ein wenig spektakulärer Beginn der Geschichte Israels. Und Jesu Herkunft aus dem Hause Davids? Hier entstanden Traditionen in einer Epoche, in der David längst glorifiziert war – und sie scheinen durchaus symbolisch durchgliedert zu sein (Mt. 1). David als Clan-Chef (1. Sam. 22 ff. zumindest in seiner Frühzeit noch zu Zeiten Sauls zeigen ja auch Anspielungen der Samuelbücher. Ist ein solcher Ahn schwieriger als ein Despot (2. Sam. 11 ff. und 18 ff.)? Oder kann ich die gewaltigen Konstruktionen des Alten Testamentes jenseits bloßer Wiedergabe von Chronologie nicht umso mehr ehrfürchtig bestaunen?

Eric H. Cline: Biblische Archäologie: Von Genezareth bis Qumran, Zabern-Verlag 2009, 28 Euro, 192 Seiten, ISBN 978-3-8053-4978-9. 

Dieter Vieweger: Geschichte der biblischen Welt, 3 Bände, insgesamt 1.240 S., 98 Euro, Gütersloher Verlagshaus 2019, ISBN: 978-3-5790-1479-1.