Ein Laster oder eine Last ablegen

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger über ein Urlaubserlebnis

Kürzlich war ich in der Eifel. Mit einer Freundin hatte ich dort Urlaub gebucht. Schon immer wollte ich die Krater der Vulkane sehen – vielmehr die „Maare“, eine trichterförmige Mulde vulkanischen Ursprungs – in der sich heute Wasser befindet.  Kreisrund lag es unterhalb des Ferienhauses. Ein bequemer Spazierweg führte um den See und fast jeden Tag umrundeten wir ihn – ob bei Sonnenschein oder auch bei Regen. 

An einer ganz bestimmten Stelle machten wir Rast. Nicht nur, dass dort die gemütlichstes Bank weit und breit stand: Hier gab es etwas, das wir zunächst erst einmal buchstabieren und aussprechen lernten: Der „Lastahuddelhuppen“. Gut, dass darunter die Übersetzung stand: Ein Laster – Problem – Haufen. 

An dieser Stelle befand sich ein riesiger Gesteinsbrocken aus sehr alter Zeit. Ein Mensch wurde vor vielen Jahren dadurch inspiriert, einen Problemhaufen aller Laster und Lasten „anzulegen“. Es gibt eine Anleitung neben all den vielen Steinen und der Aufforderung, seinen eigenen Stein – seine eigene Last –  mitzubringen zu können. Dieser soll für eigene Probleme von Unversöhnlichkeit, Angst oder Groll bis Wut oder Eifersucht – oder was immer einen quält – stellvertretend sein. Und dann legt man ihn dort ab. Alles, das man oft lange Zeit mit sich herumträgt, kann man hier niederlegen und an Ort und Stelle lassen. 

Die Freundin und ich waren beeindruckt. 

Manchmal braucht es eine symbolische Handlung. Eine Last, die man ablegen kann. Eine Hand, die zum Segen aufgelegt wird. 

Wir begannen, über unsere eigenen „Laster und Lasten“ nachzudenken. Ab einem bestimmten Lebensalter bleibt es nicht aus, dass man so einige mit sich herumträgt. Und so brachten wir bei jedem Spaziergang auch Steine an diesen Ort mit und legten sie ab. 

Es war ein sehr andächtiger Moment. Manche möchte man ganz schnell los werden. Andere lieber nicht aus der Hand legen, weil sie so vertraut sind. Es ist ein sehr bewusster Akt, sein „Lasten“ abzulegen. 

Mir fiel der Satz aus dem Matthäus-Evangelium ein: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ 

Und so gingen wir den Weg um den Vulkankratersee weiter. Befreit und erquickt. Und um eine Last leichter.