Blühende Kirche?

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

Vor „meiner“ Kirche wurde letztes Jahr eine Blühwiese angelegt. Nach einer Sanierung der Kirchtürme war von dem Grünstreifen um die Kirche herum nur noch Wüste zu sehen. Dort, wo längere Zeit Baukräne gestanden hatten, wuchs kaum noch ein Grashalm. Es wurde also Zeit, etwas neues auszusäen. Vielen Tauben gefiel das sehr und sie waren in dieser Zeit sehr häufig zu Gast.

„Ob das wohl noch was wird?“, fragte ich mich. Eine blühende Wiese mit bunten Blumen konnte ich mir im Winter nicht vorstellen. Grau und verschlammt – und dann ein Futterparadies für Vögel. Welche Blume sollte das überleben?

Der Frühling kam und auf einmal sah ich die ersten Halme sprießen. Der Gärtner kam und säte noch einmal Samen nach. Und jeden Tag wuchsen und wuchsen die Halme. Ich konnte es gut beobachten, denn mein Fahrrad parkte ich in einer Nische, die ein wenig unterhalb des Grünstreifens war. Er war genau auf Augenhöhe und somit perfekt, um sich über jeden neuen Zentimeter mitzufreuen. 

Als es wärmer wurde, ging es endlich los: das Gras wurde höher und höher. Irgendwann war es so hoch, dass ich vorübergehende Passanten sagen hörte: „Also die könnten ja hier auch mal mähen. Wie sieht das denn aus!“

Und wirklich: es sah ein bisschen verlottert aus vor der
Kirche. Von einer Blühwiese war noch nichts zu sehen. Nur hohes Gras und Halme. 

Dann kam ich eines morgens vorbei. Aus dem ehemals grünen, hohen Teppich war ein Blütenmeer entstanden. Viele kleine Kornblumen, Klatschmohn und Kamille standen dicht an dicht. Es war – und ist – wunderschön. 

Was wäre uns allen an Schönheit entgangen, wenn wir an dieser Blühwiese vorbei gegangen wären? 

„Manchmal muss man im Leben Geduld haben“, dachte ich mir. Sicherlich nicht bei allem – aber doch bei vielen. 

Der Dichter Rainer Maria Rilke ging vielleicht auch einmal an so einer Blühwiese vorbei, als er dann in einem seiner Gedichte „Über die Geduld“ schrieb: „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt, und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann; alles ist austragen – und dann gebären …“.

Eigentlich ganz einfach. Und doch das schwerste.